Wie man eine Rezension NICHT schreibt

Die Sache ist die: Ich lese gerne und viel. Vor allem lese ich gerne gute Bücher. Bücher, die mich süchtig machen, die ganze Nacht wachhalten und für einige Wochen danach in blinde Obsession stürzen, weil ich auf den Folgeband warten muss. Zudem schreibe ich selbst Geschichten, was bedeutet, dass ich alle Bücher, die mir unterkommen, unbewusst analysiere. Ich kann meinen inneren Lektor nicht abschalten, auch nicht beim Lesen zum Spaß.

Was bedeutet das für mich? Ich habe hohe Ansprüche an Bücher. Andererseits finde ich nicht, dass sie zu hoch sind. In letzter Zeit lese ich allerdings häufiger Rezensionen zu Büchern auf Amazon oder Blogs, bei denen ich mich frage, ob ich die einzige mit diesen Ansprüchen bin.

Liebe Rezensenten und Autoren: Wenn ihr ein Buch empfehlt, dann überlegt euch bitte genau, ob eure Argumente auch wirklich gute Argumente sind, das Buch zu kaufen.

Aber genug geredet. Hier sind meine Top-Five schlechten Argumente:

„Es ist gut lesbar.“ oder „Es ist flüssig geschrieben.“

Das sind keine Kaufargumente. Das ist das absolute Minimum. Wenn das Buch sich nicht gut lesen lässt, dann könnt ihr darauf wetten, dass ich es nicht lesen werde. Vielmehr zweifle ich die Qualität an, wenn schon die Fähigkeit des Autors angepriesen werden muss, Sätze flüssig aneinanderzureihen. Bitte beachtet, dass ich hier nicht von besonderen Stilen, Charakterstimmen oder einer außergewöhnlichen Wortgewandtheit rede, sondern einzig und allein von der Lesbarkeit.

„Es spielt in einer selbst erdachten Welt.“

Ehm, Glückwunsch? Das macht ja nicht, ich weiß nicht, jeder dritte Fantasy-Autor? Sich Charaktere und Orte auszudenken, ist quasi unser täglich Brot. Jeder kann sich eine Welt ausdenken. Die Frage ist, hat der Autor es geschafft, die Welt lebendig rüberzubringen? Tragen Kultur, Flora, Fauna, Religion und Geographie zu der Geschichte bei? Klar ist mit der Entwicklung eines eigenen Universums mehr Arbeit verbunden, aber es ist immer noch das Endergebnis, das zählt.

„Es ist nicht 08/15.“ oder „Es ist anders.“

Anders? Anders als was? Alle anderen Bücher ever? Das bezweifle ich stark. Statt zu behaupten, es sei anders (so vage wie möglich, versteht sich), schreibt lieber, worum es geht und was die zentralen Konflikte und Charaktere sind. Leser sind nicht dumm. Wenn ihnen so ein Plot oder so ein Setting noch nie in ihrem Leben untergekommen ist, werden sie schon selbst merken, dass sie etwas Originelles vor sich haben. Schreibt es vor allem nicht, wenn das Buch eigentlich gar nicht so anders ist.

„Der Autor hat sich viel Mühe gegeben.“

Ob der Autor sich damit viel Mühe gegeben, Schweiß und Tränen vergossen oder eine eigene Sprache entwickelt hat (die nur zweimal im Buch vorkommt), ist dem Leser herzlich egal. Ich wage einfach mal die Behauptung, dass wir Schreiber uns alle mit unseren Büchern Mühe geben. Wenn wir das nicht tun, sollte das Buch erst gar nicht auf dem Markt landen. Trotzdem sind einige Bücher besser als andere. Wie viel Arbeit jemand in sein Projekt gesteckt hat, beeinflusst vielleicht indirekt das Endergebnis, aber es sollte kein Grund sein, Probleme im Buch selbst zu ignorieren und schon gar nicht sollte es der Grund sein, das Buch zu empfehlen.

„Der Hauptcharakter ist eine starke Frau.“

Das ist ein persönlicher Pet-Peeve von mir. Ich lese Bücher nicht wegen starker Frauen. Ich lese sie wegen gut gemachter Charaktere. Ob der Hauptcharakter jetzt männlich, weiblich oder ein geschlechtsneutraler Alien-Glibberhaufen ist, ist mir egal. Bitte reduziert Charaktere nicht nur auf ihr Geschlecht. Bitte. Ich habe es so satt…


Welche Argumente sind euch schon untergekommen, bei denen ihr nur den Kopf schütteln konntet? Habt ihr eine andere Meinung? Wie strukturiert ihr eure Rezensionen?

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19 Gedanken zu “Wie man eine Rezension NICHT schreibt

  1. Ein wirklich amüsanter Blogpost. Ich schreibe selber Rezis und eventuell ist mir sowas schon mal passiert aber manche sachen gehen ja mal garnicht. Danke für den lieben Post. Vielleicht hast du ja bei Gelegenheit Zeit auf meinem Blog rumzustöbern

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  2. Augenrollen lösen Sätze wie „ich mochte den HC nicht“ (ja, bitteschön, WARUM nicht?) oder „es ist schön geschrieben“ (und was war daran schön? Wortwahl? Satzbau? Beschreibung? Frisur des Helden???) aus.

    Eine meiner Lieblingsrezis in der Kategorie „absurd“, eine Lobeshymne, bei der am Ende doch nur 2 Sterne vergeben wurden, gipfelte in dem Satz (der auch die Erklärung für die 2 Sterne war): „Das wäre so ein tolles Fantasy-Buch, wenn der HC nicht schwul wäre“. Ich hab das Buch sofort gekauft 😛

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      1. Ist sehr düster und brutal, aber mit einem faszinierenden Worldbuilding und einem nicht alltäglichen HC, der im Laufe der Serie immer dunkelgrauer wird. Strahlende Helden gibt es nicht, dafür viele moralisch äußerst fragwürdige Entscheidungen.

        Gefällt 2 Personen

      1. Ist es 😦
        Brachte mich aber so dazu, mir eine Reihe zuzulegen, bei der ich sonst gezögert hätte, weil sie deutlich düsterer ist als das, was ich sonst lese.
        Anscheinend komme einige Leute nicht damit zurechnet, dass von den 3 HCs 2 homosexuell sind (und der andere ist ein alternder Weiberheld). Mit der Lesbe hätten sie ja vielleicht noch leben können, aber ein schwuler Krieger geht wohl gar nicht *eyeroll*
        „Engstirnig“ beschreibt ein solches Verhalten nicht mal ansatzweise. Und dem Buch dann noch 2 Sterne abzuziehen, weil einem die sexuelle Orientierung des HC nicht zusagt …

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  3. Sehr guter Beitrag 😀 auf jeden Fall mal etwas anderes
    Und hat mich sofort zum denken angeregt! “oh mist, hab ich das auch so geschrieben?!“
    Man muss auch ein bisschen gnädig sein. Ich finde es teilweise schwer die pure Begeisterung für ein Buch in Worte zu fassen. Aber ein bisschen beschreiben geht immer… ^^

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    1. Manchmal ist man zu überwältigt, das stimmt xD Aber oft kommt es mir auch so vor, als sauge sich da jemand positive Punkte aus den Fingern, weil das Buch nicht viel hergibt. Das ist aber natürlich von Fall zu Fall unterschiedlich. Danke für deine Rückmeldung 🙂

      Gefällt 1 Person

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