Meine Freundin, der Tod

Sie trug schwarz, als sie mich das erste Mal im Krankenhaus besuchte.

Ich kannte sie. Seit einigen Monaten folgte sie mir wie ein Schatten. Erst hielt ich sie für einen Tagtraum, dann für einen Stalker, eine Wahnsinnige. Ihre Haut war milchig weiß, das schwarze Haar hüftlang und seidig. Die Augen saßen in violetten Höhlen über scharfen Wangenknochen. Bei unserem ersten Gespräch drehte ich mich abrupt um und stellte sie zur Rede.

„Warum verfolgst du mich?“

„Ich verfolge dich nicht“, sagte sie. „Ich begleite dich.“

Ich floh, zu verwirrt, um zu diskutieren. Am nächsten Morgen entdeckte ich sie wieder auf der Straße. Allmählich gewöhnte ich mich an ihre Anwesenheit. Ihr dünner Mund und die wachen Augen beruhigten mich, verankerten mich in der Realität. Spendeten Trost, als ich die Diagnose bekam.

Hochmalignes Gliom im Hirnstamm, Operation unmöglich. Jede Art der Chemotherapie oder Bestrahlung war nur ein Herauszögern des Unvermeidbaren.

„Du verfolgst mich noch immer, wie ich sehe“, sagte ich und betätigte die Fernbedienung, mit der ich mein Bett aufrichten konnte. Sie wartete, bis das Quietschen und Rattern des Metallrahmens verklang.

„Wie fühlst du dich?“

„Mies.“

Sie nickte und faltete die Hände. Ihre bleichen Knöchel schienen unter der papierdünnen Haut hervor. „Du wirst sterben.“

Schnaubend ließ ich mich tiefer in die Kissen sinken. „Danke, Sherlock.“

Sie kam näher. „Erzähl mir von dir“, sagte sie.

„Ich werde sterben.“

„Nicht heute.“

Ungeduldig sah ich sie an. „Was willst du von mir hören? Wie mein Leben war oder was für Träume ich hatte?“ Erschöpft ließ ich den Kopf zur Seite sacken und schloss die Augen. „Jetzt ist doch eh alles vorbei.“

„Erzähl es mir“, beharrte sie.


Mit vier malte ich mein erstes Bild. Farbig gekritzelte Strichmännchen, die vor einem schiefen Haus standen. Die Sonne in der oberen rechten Ecke lachte, die Blumen, groß wie das Haus, lachten. Dad und ich lachten. Wir sahen der Zeichnung kein bisschen ähnlich. Damals kümmerte es mich nicht. Auch heute nicht, wenn ich ehrlich bin.

Mit sieben brachte ich mein erstes Bild aus der Grundschule nach Hause. Eine Unterwasserszene, passend mit Wasserfarben gezeichnet. Das Lob der Lehrerin glühte noch heiß in mir nach. Dad klebte das wellige DinA3-Papier an die Küchentür und wuschelte mir stolz durchs Haar. In diesem Jahr bekam ich einen neuen Wasserfarbkasten mit vierundzwanzig verschiedenen Tönen und einer großen Tube Deckweiß. Ich mochte Deckweiß. Ich mochte die Art, wie es die Farben andickte. Ich malte gerne mit weiß auf weiß und dann mit Farbe darüber.

Mit dreizehn gewann ich einen Kunstwettbewerb an meiner Schule. Dad kochte mein Lieblingsessen, Pilzravioli mit Salbeibutter, und wir schlemmten auf der Terrasse. Mit sechszehn kaufte ich mir Ölfarben und Leinwände, mit siebzehn verkaufte ich meine Bilder im Internet.

Mit neunzehn wurde ich an der Kunsthochschule angenommen. Es war das erste Mal, dass ich Dad weinen sah. Das zweite Mal war, als ich ein halbes Jahr später mit ihm in einem weißen Raum saß und ein Arzt uns den Tumor in meinem Gehirn zeigte.

Der Krebs riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte keine Zeit, gut genug zu werden, eine Galerie zu eröffnen, mein Potential auszuschöpfen, all die Ideen zu verwenden, die durch mein Gehirn schwirrten. Manchmal fragte ich mich, ob es der Krebs war, der wie in schlechter Ironie meine Inspiration anfeuerte, jetzt, da ich weit von meinen Farben und meinem Atelier entfernt war. Jetzt, da ich sterben würde.


Zum ersten Mal seit Beginn meines Berichts sah ich zu ihr. Ihr Ausdruck hatte sich nicht geändert. Wie viele solche Geschichten kannte sie wohl? „Was ist mit dir?“

Sie blinzelte. „Was soll mit mir sein?“

Genervt setzte ich mich aufrechter hin. „Ich habe dir gerade meine gesamte Lebensgeschichte erzählt, da kann ich wohl einen kleinen Schwank aus deinem erwarten.“

Sie schien immer noch verwirrt. Die Knöchel unter ihrer Haut stachen hervor, als sie die Finger in ihr schwarzes Kleid krallte.

„Ich habe kein Leben“, sagte sie. „Ich bin der Tod.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Aber du bist nicht tot. Du siehst. Du hörst. Du fühlst. Du bist hier, bei mir. Wo warst du, bevor du mir gefolgt bist?“

„Du bist ein merkwürdiger Junge“, sagte sie. „Mich hat noch nie jemand nach meinem Dasein gefragt. Ich bin hier, damit du nicht einsam stirbst, um deinen letzten Worten zu lauschen.“

„Tja“, sagte ich durch zusammengebissene Zähne, „ich hab aber keine Lust mehr, dir von meinem Leben vorzuheulen. Also, schieß los.“ Ich faltete die Hände hinter meinem Kopf und sah sie erwartungsvoll an. „Unterhalte einen armen, krebskranken Jugendlichen, bevor er das Zeitliche segnet.“

Ein kurzes Zögern. Dann, ein Nicken. „Bevor ich zu dir kam, war ich bei einer alten Frau“, sagte sie. „Ihre Katze starb in der Nacht. Die Frau klammerte sich an mir fest und flehte mich an, sie nicht zurückzulassen. Also nahm ich sie beide.“

Ich schloss die Augen.

„Davor begleitete ich einen Mann, der von der Arbeit nach Hause fuhr. Er hatte zwei Bier mit den Kollegen in einer Bar getrunken und es regnete heftig. In der Kurve kam das Auto von der Fahrbahn ab, überschlug sich und rollte den Waldhang hinab. Er war noch bei Bewusstsein, doch sein Bein war eingequetscht und er schaffte es nicht, sich aus dem Auto zu befreien, bevor der Tank Feuer fing.“

„Ich würde mich mal bei deinem Chef beschweren“, sagte ich, müde geworden. Die Kopfschmerzen fingen wieder an. „Scheint mir ein beschissener Job zu sein.“

„Du bist erschöpft.“

Abrupt schlug ich die Augen auf. „Wirst du gehen?“

Als ich ihr Gesicht sah, konnte ich einen Stich der Enttäuschung nicht unterdrücken. Sie schien die Regung zu bemerken, denn zum ersten Mal sah ich den Tod lächeln. Es war kaum mehr als ein Mundwinkelzucken, doch es war da, unverkennbar.

„Ich begleite dich, solange du lebst. Und noch ein Stück danach.“

Mein erleichtertes Ausatmen wurde der erste Atemzug meines Schlafs.


Dad war da, als ich erwachte. Er hatte mit den Ärzten diskutiert, versucht, ein Wunder zu wirken. Er zeigte sich stark an meinem Krankenbett, erzählte mir von der komischen Frisur einer Krankenschwester, witzelte über den blöden Tumor in meinem Kopf. Stunden später verließ er mein Zimmer, um sich einen Kaffee zu besorgen. Ich hörte, wie er schluchzend vor der Tür zusammenbrach.

Während all dessen stand der Tod am Fenster und rührte sich nicht. Erst, als wir alleine waren, kam sie auf mich zu. „Er liebt dich sehr.“

„Ja“, sagte ich heiser und spürte, wie meine Augen brannten. „Er hat die ganze Scheiße schon mal durchgemacht. Erst Mum, jetzt ich. Er hat das nicht verdient.“

„Möchtest du mir davon erzählen?“

„Oh nein“, sagte ich und wischte mir schnell die Tränen weg. „Versuch nicht, dich rauszureden. Du bist dran mit erzählen. Wer kam vor dem Mann in dem Auto?“ Der Tod seufzte und ließ sich zu meiner großen Verblüffung auf dem Bettrand nieder.

„Sie war ein Jahr alt.“


Die Tage flossen ineinander. Chemo nahm mir den Wind aus den Segeln, womit ich meine, sie schlug mich zusammen und ließ mich in einer nassen Seitengasse in meiner eigenen Kotze liegen, metaphorisch gesprochen. An diesen Tagen konnte ich nur wenig Besuch verkraften und auch wenn ich wusste, dass Dad mich sehen und mir beistehen wollte, täuschte ich oft Schlaf vor, damit er ging. Er sah immer schlimmer aus. Wangen eingefallen von der schlechten Ernährung, Augen dunkel umrandet, Haar schütter. Mein eigenes war vor kurzem ausgefallen und die Reste abrasiert worden.

Die einzige Gesellschaft, die ich in dieser Zeit ertrug, war der Tod.

Sie wich nicht von meiner Seite, nicht wenn ich schlief, nicht wenn ich mich übergab, nicht wenn die Schmerzen zu groß wurden und ich mich zusammenrollte und weinte und auch nicht, wenn ich sie zwang, ihre eigenen Erinnerungen zu teilen. Wir näherten uns etwas Großem, das spürte ich. Ich hatte aufgehört, die Tode mitzuzählen, die sie begleitet hatte. Ich wusste nur, dass ihr die Geschichten der Todgeweihten mehr zusetzten, als sie zeigte. Ihr Gesicht war stets eine starre Fassade, als hätte sie jemand aus Wachs geformt, doch in manchen Momenten regten sich ihre Züge. Ein melancholisches Lächeln. Ein Glitzern in den Augen. Eine gerunzelte Stirn.

Einmal war sie einem frisch verlobten Paar zum Bungee-Jumping gefolgt. Der Mann war gesprungen und hatte gejauchzt, als er durch die Luft trudelte, wippend und springend wie ein Jo-Jo. Die Frau war an den Klippen zerschmettert, als ihr Gummiseil riss.

Es war an diesem Tag, dass ich sie das erste Mal berührte.

„Ich wollte es nicht sehen“, sagte sie und sah passenderweise aus dem Fenster. „Ich war den beiden zuvor einige Tage gefolgt. Sie liebten sich. Ich habe viele Pärchen gesehen, doch nie hat mich eine Beziehung so sehr berührt wie ihre. Und als sie die Gutscheine auspackte, da wusste ich, was geschehen würde.“

„Wieso bist du ihnen schon vorher gefolgt?“, fragte ich.

„Ich folge, sobald der Tod unausweichlich ist. In dem Moment, da er die Gutscheine bestellte, war ich Teil ihrer Tragödie.“

„Und mir bist du gefolgt, als der Tumor so groß war, dass er nicht mehr operativ war?“

Sie nickte.

Ich hatte gedacht, mich mit meinem Schicksal abgefunden zu haben. Doch zu wissen, dass es einen Moment gab, ab dem ich noch hätte überleben können, dass mein Schicksal nicht in Stein gemeißelt war, dass ich nur früher hätte zum Arzt gehen müssen… Die Welle aus Verzweiflung rollte über mich und ich griff instinktiv nach Halt.

Meine Finger berührten die ihren und sie waren kalt, so kalt wie Schüttelfrost. Sie sprang auf, riss die Hand zurück, als hätte ich sie verbrannt und starrte mich entsetzt an.

„Was hast du getan?!“

„Was habe ich getan?“, fragte ich verdutzt. Meine Augen brannten, meine Hand war taub. Langsam kehrte das Gefühl zurück, doch ich fühlte mich schwach, schwächer als ohnehin schon.

„Den Tod zu berühren, entzieht dir das bisschen Lebensenergie, das du noch hast“, sagte sie und ließ sich kraftlos zurück auf das Bett sinken. Eine Marionette, der jemand die Fäden gekappt hatte. „Du hattest noch Monate vor dir. Jetzt sind es nur noch Wochen.“

„Tja“, sagte ich und rutschte tiefer unter die Decke. „Dann musst du dich mit deinen Geschichten wohl beeilen.“


Das tat sie. Sie erzählte und erzählte, hörte nicht einmal auf, wenn es mir elend ging. Wenn sie zuvor Rücksicht genommen hatte, lauschte ich nun ihrer Stimme, wenn ich über der Kloschüssel hing, wenn ich aß, wenn ich im Halbschlaf war, wenn ich die Handballen in meine Augen presste und hoffte, es würde einfach alles aufhören.

Die Wochen vergingen. Ich glaubte inzwischen, dass sie mir die Geschichten nicht mehr erzählte, weil ich sie darum bat, sondern weil sie musste, weil es ihr ein tiefes, unstillbares Bedürfnis war, ihr Leiden mit einer anderen Person zu teilen.

Sie bemerkte es nicht, doch Tag um Tag in meiner Gesellschaft ließ sie lax werden. Ihre Gesichtszüge verrieten immer öfter ihre Gefühle. Am liebsten mochte sie die alten Menschen, die sie wissend begrüßten und stolz von ihren Enkelkindern und Kindern berichteten, von dem erfüllten Leben, von ihren Gärten und Kuchen und friedlichen Besuchen auf dem Friedhof. Sie war nicht gerne bei kleinen Kindern, doch sie verriet mir, dass die jüngsten ihr die wenigsten Probleme bereiteten.

„Sie sind noch so jung, dass sie keine Erinnerungen haben, keine Erfahrungen, keine Bindung zu der Welt“, sagte sie. „Was ihnen verloren geht, ist lediglich ein Potential. Mein Mitleid gilt den Eltern, nicht ihnen. Ich musste einige von ihnen mit mir nehmen, Jahre später.“

Was sie jedoch hasste, und es überraschte mich, mit welcher Vehemenz, war die Trennung einer Liebesbeziehung.

„Aber was ist mit Kindern und ihren Eltern?“, fragte ich einmal und wischte mir über den Mund. Meine Knie taten weh und der Geschmack von Galle lag mir auf der Zunge.

„Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist fast immer vorhanden“, sagte sie und strich abwesend über das Kopftuch, das ich inzwischen trug. Ich spürte ihre Berührung wie einen halb vergessenen Atemzug. „Aber wahre Liebe zu finden, in einer Welt wie dieser, ist ein Wunder. Die Wahrscheinlichkeit ist so gering und trotzdem gibt es diejenigen, die sie finden. Nur einen von ihnen mitzunehmen, ist grausam. Als reiße man eine Seele entzwei.“


Es war ein warmer Tag im Mai, als der Tod sich zu mir herabbeugte und mich eng in meine Decke wickelte, peinlich genau darauf bedacht, meine nackte Haut nicht zu berühren. Dann, ohne Vorwarnung, ließ sie sich neben mir im Bett nieder, faltete die Hände auf dem Bauch und drehte den Kopf in meine Richtung.

„Heute wirst du sterben“, sagte sie.

„Ich weiß.“ Der Schmerz in ihren Augen traf mich tief. Sie wollte nicht, dass ich starb. Mir war es inzwischen gleich. Ich wollte nur, dass Dad nicht daran zerbrach und dass es schnell ging. Und, wenn ich ehrlich war, wollte ich danach nicht alleine sein, wo immer ich landete. Vier Monate zusammen in diesem Zimmer, hatten mich ihr näher gebracht als jedem Mädchen davor. Nicht, dass es viele gegeben hätte.

„Es gibt noch eine letzte Geschichte, die du hören solltest“, sagte sie, ohne wegzusehen. Ihre Augen waren tiefschwarz, die Pupille wie mit der Iris verschmolzen. „Erinnerst du dich, wo wir aufgehört haben?“

„Der Junge, der seinem Hund über die Straße folgte und von einem Auto überfahren wurde“, sagte ich automatisch. Obwohl sie mir inzwischen tausend oder mehr Begegnungen erzählt hatte, schienen sie alle in mein Gehirn eingebrannt. Ich wusste nicht, ob es an dem Tumor lag, oder an ihrer Stimme, rau und pur und tief wie Katzenschnurren.

„Davor war ich einundzwanzig und verliebt“, sagte sie und drehte sich auf die Seite. Ich schluckte. Hier war sie. Die Geschichte, aus der alle anderen entsprangen. Der Ursprung ihrer Existenz. „Sein Name war Tobias. Wir waren damals frisch verlobt und glücklich. Er hatte einen sicheren Job, ich machte eine Ausbildung. Alles war perfekt.“ Sie lächelte traurig. „Eines Nachts wurden wir von Sirenen geweckt. Jugendliche hatten Feuer bei unseren Nachbarn gelegt, einer Familie mit drei Kindern. Wir wurden ebenfalls evakuiert und standen auf der Straße, während die Flammen das Haus von innen zerfraßen. Die Mutter schrie wie am Spieß, weil eins ihrer Kinder sich wegen eines Streits versteckt hatte und sie es nicht finden konnten. Zwei Männer mussten sie zurückhalten. Bevor ich ihn daran hindern konnte, tränkte Tobias eine Decke, wickelte sich damit ein und rannte ins Haus.“

Ich hielt den Atem an. Eine einzige Träne sammelte sich in ihrem Augenwinkel, doch sie hielt weiterhin meinen Blick. „Das Kind war aus seinem Versteck gekommen und von dem Rauch bewusstlos. Er brachte es zu seiner Mutter zurück, aber ihre Verbrennungen waren zu schlimm. Das Kind erlag noch vor Ort seiner Rauchvergiftung, Tobias starb auf dem Weg ins Krankenhaus.“ Sie schloss für einen Moment die Augen. „Er wusste, dass es kommen würde. Er hat den Tod gesehen, so wie ich ihn sah, kaum dass Tobias starb. Ich hatte keinen Grund mehr zu leben, nicht ohne ihn. Der Tod folgte mir und bat mich um meine Geschichte, doch ich ignorierte ihn. Ich hatte nur noch ein Ziel.“

„Du hast dich umgebracht“, flüsterte ich.

„Als ich wieder zu Hause war, schloss ich mich im Bad ein und schlitzte meine Pulsadern auf. Ich verblutete schnell. Ich wollte sterben. Ich wollte wieder bei Tobias sein.“ Ihr Atem wurde zittrig und dann löste sich die Träne und tropfte auf das Laken zwischen uns. Ohne zu wissen, was ich tat, legte ich einen Arm um sie, darauf bedacht, sie nicht direkt zu berühren. „Stattdessen wurde ich wach und sah den Jungen, der über die Straße lief. Ich rief nach ihm, doch da kam das Auto. Ich hatte kaum Zeit, mich zu erholen, bevor ich die Witwe auf ihrem Spazierritt sah. Ich habe mich dem Tod willig übergeben. Meine jetzige Existenz ist das Zeugnis meiner Entscheidung.“

„Hast du Tobias je wieder gesehen?“

„Nein.“

„Und den Tod, der dir folgte? Hast du ihn gesehen?“

„Nein. Aber…“ Sie zögerte. „Manchmal spüre ich ihn. Als wüsste er, welchen Menschen ich gerade beobachte. Wir sind auf ewig verbunden.“

„Du hast mir nie deinen Namen genannt.“

„Ich bin der Tod.“

Ich schmunzelte. „Dann den Namen der Frau, die sich umbrachte.“

Sie wickelte ihre Hand in den schwarzen Saum ihres Ärmels und legte sie auf meine Wange. Die Kälte durchdrang den zarten Stoff mühelos, doch ich spüre nur das schnelle Klopfen meines Herzens.

„Maria.“

Ich rutschte etwas näher. Schluckte. „Ich heiße Tobias.“

„Ich weiß.“ Sie lächelte und schloss die Augen.

Ich stahl den Kuss des Todes.

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