Finn Fynn und der Teufel (3/3)

„Bist du ganz sicher?“, fragte Natalie aufgeregt. Ich hatte sie in der kleinen Steinhütte erwischt, in der sie mir Avancen gemacht und mich dann bitter im Stich gelassen hatte. Sie nahm die Neuigkeiten erstaunlich gut auf, womit ich meine, sie fragte erst das dritte Mal nach.

„So sicher, wie ich sein kann“, sagte ich. „Level Vierzehn existiert nicht. Diejenigen, die dorthin geschickt werden, sendet der Teufel unauffällig in den Himmel. Er will nicht, dass wir alle einfach in das Loch springen, deshalb machen uns die Gnome bei unserer Ankunft Angst und die Projekte sollen uns ablenken, damit wir nicht auf dumme Ideen kommen.“

„Dann ist die Sache doch ganz klar“, sagte Natalie mit leuchtenden Augen. „Wir sagen allen Bescheid und organisieren ein Massenspringen! Damit wird der Teufel ganz sicher nicht rechnen. Oh Fynn, du bist ein echtes Genie, weißt du das? Niemand sonst ist auf die Idee gekommen, einfach die Gnome zu fragen.“

„Ich gebe mein bestes“, sagte ich bescheiden lächelnd. Plötzlich schlangen sich Natalies Arme um meinen Hals und ihre Lippen pressten sich sanft auf meine. Meine Schultern entspannten sich augenblicklich.

Ich legte meine Hände auf ihre Taille, bewegte meinen Mund geübt gegen den ihren und biss leicht in ihre Unterlippe, bevor ich mit der Zunge darüber fuhr. Natalie seufzte und erwiderte meinen Kuss einige Minuten, bevor sie sich löste, mir schelmisch die Zunge herausstreckte und loslief, um meine Botschaft an die restlichen Höllenbewohner zu verbreiten.

Schmunzelnd fuhr ich mit dem Daumen über meine geschwollenen Lippen und machte mich ebenfalls auf den Weg nach draußen.

Wir hatten viel zu tun.


Ich stand an die Hauswand gelehnt da und beobachtete Emma bei ihrem Workout. Für ihre derzeitige Trainingseinheit hatte sie Liegestütze ausgewählt. Eine ambitionierte Wahl, wenn man bedachte, dass ihre fleischigen Arme bis zu den Ellenbogen im Sand versanken und nicht lang genug waren, um ihre Wampe vom Untergrund zu heben.

„Macht das Spaß?“, fragte ich, als sie aufgab und sich ächzend auf ihren unförmigen Hintern fallen ließ. Sie wischte mit einer sandigen Hand die Schweißperlen von ihrer Stirn und begutachtete mich kritisch. Zugegeben, der Verlust meiner Schuhe kratzte ein wenig an meiner Würde, aber das ließ ich mir nicht anmerken.

„Sieht´s so aus?“

„Hey, hey, kein Grund, gleich ungehalten zu werden“, beschwichtige ich sie lächelnd. „Natalie hat mir von dir erzählt. Du willst dich bessern, das ist dein Projekt, nicht wahr?“

Emma kniff die Augen zusammen. „Du kennst Natalie?“

„Sie hat mich aufgegabelt, als ich hergeschickt wurde“, sagte ich und ließ mich meiner Gesprächspartnerin gegenüber in den Sand sinken. „Und sie hat mir von dir erzählt. Wie sehr du dich abmühst, um dem Teufel zu gefallen. Ich finde es unfair, dass es dich trotz deiner harten Arbeit in den elften Level verschlagen hat. Da fragt man sich doch, was der Teufel eigentlich will, nicht wahr?“

Emma nickte nachdenklich. „Ich bin auf Level Zwei gestartet. Weiß wirklich nicht, was ich hier unten soll.“

„Findest du es nicht merkwürdig, wie vielen Toten es so geht?“, fragte ich und nickte vage in Richtung des alten Mannes, der bis vor kurzem noch Pfeifunterricht gegeben hatte. „Ich meine, Kinder auf Level Elf? Eine gute Seele wie Natalie, Kleinkriminelle, hart arbeitende Männer und Frauen wie du? Mir erscheint das sehr verdächtig.“

„Hmpf.“

Ich sah mich kurz um, bevor ich mich zu Emma lehnte und meine Stimme in ein verschwörerisches Flüstern sinken ließ. „Ich habe mit den Gnomen gesprochen. Gremlin hat sich bei unserem letzten Gespräch ein wenig… nun, sagen wir, verplappert.“

Das erweckte Emmas Aufmerksamkeit. Sie rutschte näher heran. Der Duft ihres Schweißes brannte in meiner Nase. Ich gab mir große Mühe, keine Miene zu verziehen.

Verplappert sagst du?“, fragte sie. „Was meinst du damit?“

„Der Teufel treibt ein falsches Spiel mit uns“, sagte ich bedeutungsvoll. „Der Vierzehnte Level ist nicht die wahre Hölle, das sagt er nur, um uns auf unserem Level zu beschäftigen. Aber eigentlich schickt er die Guten dorthin. Verstehst du, was das bedeutet?“

Emma kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Warum sollte ich dir glauben?“, fragte sie. „Ich kenne dich kaum.“

Ich zuckte mit den Schultern und erhob mich. „Du hast keinen Grund. Ich versuche nur zu helfen, aber mir ist klar, dass mir nicht jeder folgen wird. Trotzdem muss ich zumindest versuchen, die Wahrheit zu verbreiten, bevor ich diesen Level verlasse. Das schulde ich Natalie.“

„Was hat Natalie damit zu tun?“

„Sie hat mir die Augen geöffnet“, sagte ich und sah dabei an Emma vorbei in die Ferne. „Seit ich sie kennengelernt habe, sehe ich viele Dinge anders. Als ich noch lebendig war… nein, reden wir nicht darüber. Ich hoffe, du denkst über meine Worte nach. Natalie und ich werden versuchen, so viele Tote wie möglich mit unserer Botschaft zu erreichen. Wenn du helfen willst, erzähl so vielen die Wahrheit, wie du kannst.“ Ich lächelte grimmig. „Der Teufel wird uns nicht länger hereinlegen, das verspreche ich dir.“

Als ich Emma verließ, spürte ich ihren Blick noch lange auf mir ruhen. Sie war nur ein kleiner Stein. Einer von vielen. Doch auch der kleinste Stein konnte eine Lawine auslösen, wenn man ihn anstupste.


Ich wusste nicht, mit wie vielen Menschen ich in der darauffolgenden Zeit private Gespräche führte, nur dass Natalie mich in der Anzahl noch übertraf. Sie warf sich mit einer Leidenschaft in die Bekehrung von Level Elf, die selbst mich überraschte, obwohl ich von Anfang an auf ihre Hilfsbereitschaft gesetzt hatte.

Nach und nach verbreitete sich unsere Botschaft auch in die hintersten Winkel der Wüstenlandschaft und der Stadtkern schwoll an mit neugierigen Toten, die sich eine Ablenkung von ihrer ewigen Langeweile erhofften.

Es mussten mehrere Tage verstrichen sein, soweit man das hier unten sagen konnte, als Natalie endlich den Vorschlag machte, eine öffentliche Ansprache zu halten. Eigentlich hatte ich gehofft, sie würde früher auf die Idee kommen, aber immerhin war es nicht an mir hängengeblieben. Ich hatte schon viel selbst inszeniert. Zu viel, und selbst eine naive Frau wie Natalie würde Misstrauen schöpfen.

Wir begannen klein. An Straßenecken, in vielbesuchten Hütten, in der Nähe des Lochs. Ich hielt stets ein wachsames Auge auf Gremlin und Boss gerichtet, doch die beiden Höllengnome schienen unbeeindruckt von der Rebellion, die sich anbahnte und redeten höchstens leise miteinander, wenn wir in Hörweite waren.

Unsere Rede war nicht einstudiert, trotzdem verlief sie jedes Mal gleich. Die Eintönigkeit war mir zuwider, doch unseren Zuhörern schienen die altbekannten Worte Sicherheit zu geben, als mache die Wiederholung sie erst wirklich wahr.

„Der Teufel ist ein Scharlatan!“, rief ich bei einer unseren stärker besuchten Versammlungen mit meiner tragendsten Stimmlage. Natalies Finger lagen angenehm warm in den meinen und drückten sanft zu. „Er manipuliert euch mit Angst und Lügen. Ihr fürchtet das Loch, einen zweiten Sturz, die wahre Hölle auf Level Vierzehn.

Doch ich frage euch, weshalb sind Kinder unter euch? Weshalb sind diejenigen, die sich nie etwas Schlimmeres haben zu Schulden kommen lassen, als Kaugummi aus dem Kiosk zu stehlen oder hinter dem Rücken der Kollegin über deren neue Schuhe zu lästern, hier, auf Level Elf? So nah am Abgrund, so nah am Untergang.

Und wo sind die Serienmörder, frage ich Euch? Wo sind die Vergewaltiger, die Terroristen? Sie starten hier, doch wohin werden sie geschickt, wenn ein wenig Zeit verstrichen ist? Nach unten? Nein!“

Ich machte eine kurze Pause, um die anschwellenden Stimmen zu genießen. Sie wurden unruhig. Misstrauisch. Selbstverständlich hatte ich auch keine Ahnung, wo die Mörder und Schwerverbrecher hingeschickt wurden, aber das musste schließlich niemand wissen. Außerdem, und das war das Wichtigste, sprach ich mit vollkommener Überzeugung. Selbst diejenigen, die es besser wissen müssten, verzichteten auf Widerspruch, hinterfragten vielleicht sogar ihre Ansichten, um sich nicht zu blamieren. Das hier war nichts anderes als ein Meeting mit leicht skeptischen Geschäftspartnern. Menschen, tot oder lebendig, waren leicht zu durchschauen.

„Ich sage euch, was mit ihnen geschieht“, fuhr ich mit dröhnender Stimme fort. „Sie werden in die oberen Level geschickt, während man euch, das gute Volk, tiefer und tiefer wandern lässt. Ihr müht euch ab, verfolgt euer Projekt, als rette es euch vor der Verdammnis, aber das tut es nicht! “

Die Stimmung kippte. Wütende Rufe wurden lauten, Schreie, Wehklagen. Innerlich grinste ich. Wir hatten sie.

„All Eure Anstrengungen sind umsonst“, fuhr ich lauter fort, bis die Menschenmenge mir wieder Gehör schenkte. „Der Teufel schert sich einen Dreck um das, was ihr hier tut. Er schickt euch zu Level Vierzehn, langsam und unauffällig, damit ihr seinen Betrug nicht bemerkt. Damit ihr nicht merkt, dass ihr umsonst hier unten wartet! Der Himmel ist greifbar, für uns alle. Er wartet auf uns auf Level Vierzehn.“

 „Aber das hat jetzt ein Ende“, rief Natalie und trat an meine Seite. „Der Teufel und seine Lakaien werden uns nicht länger manipulieren! Wenn er uns den Himmel nicht geben will, dann werden wir ihn uns eben nehmen!“

Stille.

Dann, Jubel.

Das Pfeifen und die zustimmenden Schreie schwollen an, bis ich das Bedürfnis unterdrücken musste, mir die Hände auf die Ohren zu pressen, um den Lärm auszublenden. Stattdessen hob ich meine Hand empor, mit der ich noch immer Natalies festhielt.

„Folgt uns!“, schrie ich gegen das Tosen der Menge an. „Morgen springen wir in die Freiheit!“

Skull Word Big

„Kann ich kurz mit dir reden?“

Marc sah überrascht von den Hausaufgaben auf, die er gerade abschrieb. Es war die kurze Pause vor Englisch. Die Aussicht auf eine weitere Strafarbeit hatte ihn so in Panik versetzt, dass ihm das Fehlen seiner Uhr noch nicht aufgefallen war. Ich hielt es für eine gute Idee, ihm etwas auf die Sprünge zu helfen.

„Klar Fynn, gib mir nur ’ne Sekunde, ja?“

Ich nickte, lehnte mich an die Wand und verschränkte genervt meine Arme. Als Marcs Freunde sich wieder ihrer Abschreibmission gewidmet hatten, erlaubte ich mir, Kais Augenrollen vom anderen Ende des Klassenzimmers zu erwidern. Schließlich erhob Marc sich jedoch und folgte mir neugierig in den leeren Flur.

„Kai wird mich umbringen, wenn ich es dir sage, aber…“ Ich räusperte mich. „Er hat deine Uhr mitgehen lassen, als ihr anderen schon in der Turnhalle wart. Er ist ein guter Freund, aber ich kann nicht daneben stehen, wenn er sowas macht.“

Wie erwartet lief Marcs Gesicht rot an. Er griff nach seinem Handgelenk, so als erwarte er, die Uhr noch immer dort vorzufinden, doch natürlich war dort nichts.

Kalkweiß stand ihm ausgezeichnet.

„Dieses Arschloch!“, fauchte er und stapfte auf das Klassenzimmer zu. „Dem zeig ich’s!“

„Warte!“, rief ich und hielt ihn an der Schulter zurück. „Ich rede mit ihm. Vielleicht gibt er sie dir freiwillig zurück und wenn nicht, gehen wir gemeinsam zu Frau Heller. Wenn du ihn jetzt verprügelst, bist du derjenige, der Ärger kriegt. Ich mach das schon.“

Marc zögerte. Ich konnte förmlich sehen, wie sich die Rädchen in seinem kleinen Gehirn drehten. Schließlich tat er das einzig vernünftige und nickte zustimmend.

Ich schenkte ihm mein heroischstes Nicken und ging an ihm vorbei zur Tür. Einen Moment länger, und er hätte mein breites Grinsen gesehen.

Als ich wieder zu Kai stieß, schlug er mir spielerisch mit der Faust gegen die Schulter. „Ey Mann, was wolltest du denn mit Marc?“, fragte er. „Der Bonze soll sich mit seiner Uhr nicht so geil fühlen.“

„Darum ging es“, murmelte ich in verschwörerischem Ton. Marc kam hinter mir in den Klassenraum und setzte sich zurück an seinen Platz. Als er aufsah, ruhte sein Blick auf mir. „Ich habe Gerüchte gehört“, fuhr ich fort. „Er kann dich nicht leiden, das weißt du. Vor dem Sportunterricht hab ich einen von den anderen Jungs überhört. Angeblich hat Marc dir seine Uhr untergejubelt, um dich für Diebstahl dranzukriegen.“

„Was?“, fragte Kai lachend. Als ich nicht einstimmte, verstummte der Laut in seiner Kehle. „Meinst du das ernst?“

Ich nickte. „Ich wollte mit ihm reden, damit er sich bei dir entschuldigt, aber er hat sich geweigert. Obwohl ich die ganze Zeit mit dir in der Umkleide war und bezeugen kann, dass du nichts gestohlen hat. Er meinte, wenn er erst die Polizei eingeschaltet hat —“

„Was zum Teufel?!“, schrie Kai und zog in Sekundenschnelle die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse auf sich. Einzig Noras Blick huschte sofort zu mir. Sie runzelte die Stirn, doch Kai schlängelte sich schon an den Tischen vorbei Richtung Marc, der aufgesprungen war. Ich schüttelte traurig den Kopf. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich.

„Leute…“, begann ich, aber wie erwartet ging meine Beschwichtigung in den Anschuldigungen unter, die von beiden Seiten auf die Jungen niederregneten.

„Du willst mir den Diebstahl für deine scheiß Uhr unterschieben?“, fauchte Kai. „Ich hab nichts gestohlen, damit das klar ist.“

„Ist das also deine Masche?“, fragte Marc. „Du bist aufgeflogen und tust jetzt so, als wäre es meine Schuld? Hast du sie noch alle?“

„Was laberst du? Ich hab kein Interesse an ’ner Uhr, die dein verkackter Vater in der Hand hatte!“

Mit einem Schrei holte Marc aus und rammte Kai seine Faust mitten ins Gesicht.

Kai heulte auf, genauso wie Marc, der die Härte eines Kieferknochens unterschätzt hatte, doch er fing sich schnell wieder, holte Schwung und warf Marc mit der Gewalt seines gesamten Körpers zu Boden. Breitbeinig saß er auf seinem Bauch und prügelte auf Marc ein, der schützend die Arme vor sein Gesicht hielt und wimmerte, als Schlag um Schlag ihn erwischte.

„Hört auf, um Himmels willen!“, schrie Nora, durchbrach die Reihen der in Starre verfallenen Schüler und packte Kais Handgelenk, das er ihr in blinder Wut entriss und sie dabei hart auf den Boden aufschlagen ließ.

Mein Einsatz.

Ich schwang mich über den Tisch, drängte mich zwischen zwei Mitschülern hindurch und riss Kai am Kragen von Marc herunter. Er landete mit einem Ächzen auf dem Rücken. „Reiß dich zusammen“, fuhr ich ihn scharf an und nickte zu Marc, der sich verängstigt zusammengerollt hatte, und Nora, deren Brille verbogen auf ihrer Nase saß. Mit zusammengepressten Lippen hielt sie ihre Schulter.

Ich ging neben ihr in die Hocke, sah ihr in die Augen, bis ihre Wangen rot anliefen und zog vorsichtig ihre Hand von der verletzten Schulter. Ich betastete die Stelle, bis sie zusammenzuckte.

„Vermutlich eine Prellung“, sagte ich auf’s Geratewohl und half ihr auf. Als mein Blick auf die anderen Schüler fiel, begegnete mir eine Woge aus Respekt.

Etwas später, als die Lage sich beruhigt und ich Frau Heller die weitere Streitschlichtung überlassen hatte, brachte ich Nora hinunter in den Erste-Hilfe-Raum. Wie in den meisten Gymnasien war keine Krankenschwester oder zumindest annähernd kompetente Person zugegen und so lag es an mir, ihr Gesellschaft zu leisten, bis der Krankenwagen eintraf.

Noras Gesicht war schmerzverzerrt, doch die Röte in ihren Wangen stammte nicht von der Verletzung. Ich hatte einen Stuhl an die Liege gezogen und saß so nah vor ihr, dass unsere Knie sich berührten.

„Das hast du absichtlich gemacht, oder?“, fragte sie.

Ich hob die Augenbrauen. „Was meinst du?“

„Es kommt mir sehr verdächtig vor, dass du der Letzte in der Umkleide warst, bevor Marcs Uhr verloren ging und heute sowohl mit ihm, als auch mit Kai geredet hast. Die beiden sind sich erst danach an die Gurgel gegangen.“

„Was sollte mir das bringen?“, fragte ich. „Kai ist mein Freund und ich habe nichts gegen Marc. Außerdem wurdest du verletzt.“

„Das konntest du nicht vorhersehen…“, murmelte Nora, doch sie sah verlegen zur Seite. „Trotzdem“, fuhr sie fort. „Du kannst mir nicht erzählen, dass das alles Zufall war.“

Ich seufzte. „Es war kein Zufall“, stimmte ich zu. „Ich weiß auch nicht, wer von den beiden Recht hatte, aber ich weiß, dass die Uhr irgendwie in Kais Tasche gelandet ist und ich habe versucht, die Situation zu schlichten, bevor wirklich jemand die Polizei ruft. Das ist mir wohl nicht gelungen.“

„Also hast du sie nicht gegeneinander ausgespielt?“, fragte Nora, nun leicht grinsend. „Du bist kein genialer Bösewicht oder so?“

„Wofür hältst du mich?“, fragte ich amüsiert. „Wenn diese Situation irgendwie gut für mich ausgegangen ist, dann nur, weil ich jetzt hier mit dir sitze.“

Nora öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ich ersparte ihr das sicherlich furchtbar peinliche Gestammel und verschloss ihre Lippen mit den meinen.

Skull Word Big

Sie umstanden das Loch wie eine Herde gutgläubiger Schafe, ihre aufgeregten Gesprächsfetzen nur sinnloses Blöken in meinen Ohren. An meiner Seite stand Natalie, Hand fest in meiner. In der Menge vor uns konnte ich Emma ausmachen.

Ob es meine Reden waren, die sie überzeugt hatten oder Natalies strahlende Präsenz, war mir unklar, doch es interessierte mich im Angesicht unseres Erfolgs nur unwesentlich. Nicht alle waren erschienen, aber mehr als genug. Die Schar der Toten erstreckte sich bis weit ins Stadtinnere von Level Elf.

Mein Blick glitt über die Menge und blieb etwas abseits an Gremlin und Boss hängen, die eine Gruppe besonders engagierter Jungs während ihres Schläfchens entwaffnet und mit Kleidungsstücken gefesselt hatte.

Einer der Angreifer trug ein Paar sehr feiner, schwarzer Lederschuhe. Ich widerstand dem Drang, mit den Zähnen zu knirschen und nahm stattdessen die Gnome näher in Augenschein.

Gremlin murmelte seit seinem Erwachen verzweifelte Entschuldigungen, während Boss´ schwarze Knopfaugen mich trotz der Entfernung aufspießten. Warum musste er das alles auch so persönlich nehmen?

Als ich sicher war, dass unsere kleine Rebellion nicht weiter wachsen würde, hob ich meine freie Hand, um mir Gehör zu verschaffen. Es dauerte einige Sekunden, bis die Gespräche verebbten und selbst dann verblieb ein murmelnder Unterton, nervtötend wie das Summen eines Bienenstocks.

„Ihr seid unserem Ruf gefolgt“, begann ich mit schallender Stimme, „doch der Moment der Wahrheit ist jetzt. Werdet ihr eine Ewigkeit in der Hölle schmoren, bis die Langeweile euch langsam zerfrisst, oder werdet ihr springen und in den Himmel aufsteigen?“ Ich lächelte. „Die Entscheidung liegt bei euch.“

Ich beobachtete die Toten. Eine füllige Frau weinte Freudentränen, ein Kind zupfte verwirrt am Ärmel eines Erwachsenen, der pfeifende Mann nickte mit verschränkten Armen und der Junge mit den Lederschuhen war so nah an das Loch getreten, dass ich die Bartstoppel auf seinem Kinn zählen konnte.

Emma war die erste, die vortrat. Sie warf Natalie einen Blick zu, den meine unfreiwillige Komplizin mit einem ermutigenden Lächeln erwiderte, schloss die Augen und trat ins Leere. Ihr runder Körper fiel in die Tiefe und verließ unser aller Sichtfelde, bevor die meisten der Umstehenden überhaupt begriffen hatten, dass es begonnen hatte. Der Junge mit den Lederschuhen sah beschämt zu mir.

„Tut mir leid wegen der Schuhe“, sagte er und machte Anstalten, besagtes Diebesgut auszuziehen, doch ich winkte ab.

„Gib sie mir im Paradies wieder.“

Er schaute einen Moment verdutzt drein, dann nickte er und sprang Emma hinterher. Sein Schrei kam einem Jauchzen gleich.

Einer nach dem anderen traten sie vor und warfen sich in das Loch. Natalies Hand umklammerte die meine, drückte mit jedem der Sprünge fester zu. Sie schien aufgeregt, regelrecht euphorisch. Ich ließ mich anstecken und sah meiner Rebellion wohlwollend dabei zu, wie sie sich in die Tiefe stürzte.

Ruckartige Bewegungen am Rande meines Sichtfelds lenkten meine Aufmerksamkeit zurück auf die gefesselten Gnome. Die Veränderung war aus der Entfernung kaum erkennbar, doch als ich die Augen zusammenkniff, sah ich Gremlins schielenden, nach innen gekehrten Blick und Boss´ Muskeln, die sich unter den Fesseln aufblähten wie Ballons und die Stoffstreifen zum Reißen spannten.

Ich presste die Lippen aufeinander und ließ den Blick über meine getreuen Schäfchen gleiten. Die letzten Höllenbewohner, die meiner Ansprache gelauscht hatten, überwanden sich und traten näher an das Loch. Einige nahmen Anlauf oder schlossen beim Sprung die Augen, aber schließlich verschwand der letzte Haarschopf in dem runden Schlund und ließ Natalie und mich alleine zurück.

Erleichtert atmete ich durch.

„Was ist mit den anderen? “, fragte Natalie. Es dauerte einen Moment, bis ich ihr meine Aufmerksamkeit widmen und mich lange genug von den Gnomen ablenken konnte, um ihre Frage zu verstehen.

„Sie werden schon zur Besinnung kommen“, beruhigte ich sie und küsste zärtlich ihre Schläfe. Das Höhlengewölbe verfinsterte sich zu einem dumpfen Rot. Schatten sanken auf uns herab. Wieder huschte mein Blick zu Gremlin und Boss. Die beiden hatten sich fast befreit. Ob sie für das gespenstische Licht verantwortlich waren?

Nein. Das traute ich ihnen nicht zu. Es gab nur eine Person, die dafür verantwortlich sein konnte, und die hatte ich seit meiner Einweisung nicht mehr gesehen. Nun aber schien die bedrohliche Atmosphäre mich herauszufordern, meinen Plan zu Ende zu führen, mich nicht mit dem bislang erreichten zufriedenzugeben.

Er hätte sich die Dramatik sparen können; ich hatte nicht vor, jetzt einen Rückzieher zu machen.

„Sollen wir dann?“, fragte ich an Natalie gewandt. Sie nickte und drückte meine Hand. Gemeinsam traten wir an den Rand des Lochs. Grollen wie Donner hallte in meinen Ohren wieder, durchfuhr meinen Körper wie ein Hammerschlag auf meinen Kopf, der sich bis in meine Zehenspitzen fortpflanzte.

„Zusammen.“ Natalies Stimme zitterte vor Aufregung. Ich ließ meinen Blick über ihren weißen Rücken wandern, das pinke Band ihres BHs, den spitzenbesetzten Tanga, den runden Po, die straffen Schenkel.

Es war wirklich eine Schande, dass es nie zu mehr als einem Kuss gekommen war. Ich lehnte mich zu ihr, strich eine Welle ihres Haars zur Seite und fuhr mit meinen Fingerspitzen über ihre Ohrmuschel.

„Bevor wir springen, muss ich dir noch etwas gestehen“, sagte ich. Natalie ließ meine Hand los und drehte sich zu mir, leuchtende Augen auf mich gerichtet.

„Was?“, hauchte sie. Ihre Hände strichen sanft über meine Brust.

Lächelnd griff ich ihre Handgelenke und machte einen Schritt vor, bis sie mit den Fersen im Nichts stand und ihr Gewicht über dem Loch hing, nur gehalten von mir. Der Donner hallte wie lautes Lachen durch das Gewölbe.

„Ich habe gelogen.“

Bevor sie reagieren konnte, ließ ich los. Natalie ruderte einige Sekunden stupide mit den Armen, starrte mich an, so als glaubte sie noch immer, sich verhört zu haben. Dann fiel sie.

Ich sah ihr nach und winkte.

Skull Word Big

Nora stöhnte, ihre kleinen Brüste wippten seitlich auf ihrem Brustkorb, während ich ein schnelles Tempo vorlegte. Sonnenlicht strömte durch die Balkontür in ihr Schlafzimmer und traf auf die Bücherregale über ihrem Bett. Ich versuchte, ihren roten und verschwitzten Anblick auszublenden und stattdessen an die Pornodarstellerin zu denken, die ich erst vorgestern entdeckt hatte. Schmale Taille, lange Beine und dichtes, blondes Haar.

Hitze wusch durch meinen Körper, Schwärze ertränkte mein Sichtfeld und ich seufzte leicht auf. Es vergingen nur wenige Sekunden, bis ich mich von Nora löste und erhob.

Sie blickte mir nach, Augen glasig, ihr Bauch voller kleiner Röllchen. Angewidert sah ich zu den Büchern in ihrem Regal.

„Fynn?“, flüsterte sie heiser.

Ich ignorierte sie und fuhr mit dem Finger über die Einbände, dieselbe Geste wie bei meinem ersten Besuch hier. Es war eine erstaunliche Anzahl von Selbsthilfebüchern für Depression und anderen psychologischen Werken vorhanden. Man sah es Nora nicht an, aber sie kämpfte seit Jahren mit ihrer Erkrankung. Ich hatte erst vor zwei Wochen davon erfahren.

Noras Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Machst du heute nicht das, was du sonst machst?“

Ich schielte zu ihr. Sie hatte die Schenkel zusammengepresst, doch ich wusste auch so, was sie meinte.

„Tut mir leid, Nora“, sagte ich und griff mir einen dicken Wälzer aus dem Regal. „Ich habe gerade keine Lust auf bitteren Schleim.“

Meine Worte hatten den gewünschten Effekt. Nora setzte sich kerzengerade auf und riss die Decke an sich. Verrat funkelte in ihren Augen.

„Wir sollten Schluss machen“, fuhr ich ungerührt fort. „Ich habe kein Interesse mehr an dir. Du bist langweilig im Bett und dein Moralapostelgehabe geht mir auf die Nerven.“ Ich blätterte durch das Inhaltsverzeichnis des Lexikons.

L… M… N…

„Du… du machst Witze“, flüsterte Nora. „Was ist lost mit dir?“

O… P…

Ich schlug das betreffende Kapitel auf.

„Du warst so nah dran, Nora“, sagte ich und sah endlich von dem Buch auf. „Damals im Krankenzimmer. Wenn du dich nicht hättest einlullen lassen, wärst du vielleicht darauf gekommen. Aber du hast deinen Gedankengang so bereitwillig aufgegeben. Es war leicht, dich von meiner Unschuld zu überzeugen.“

„Wovon redest du?“, fragte Nora, ihre Stimme erstickt.

„Stell dich nicht dumm“, fuhr ich sie an und hielt das Buch offen vor meine Brust. Sie erstarrte, als sie die Kapitelüberschrift las. „Natürlich habe ich Marc und Kai gegeneinander ausgespielt. Was hätte ich sonst mit den beiden zu besprechen haben sollen? Und dich ins Krankenzimmer zu bringen, dachtest du, das mache ich aus purer Herzensgüte? Weil ich dich liebe? Ich bitte dich.“

Es war eine Freude, Noras Gesichtszüge zu beobachten, während die Erkenntnis langsam in ihr Bewusstsein sickerte. Sie blinzelte mehrmals, so als wolle sie einen Schleier aus ihrem Sichtfeld verbannen, ihr Mund öffnete sich einen Spalt in Ungläubigkeit, dann in Abscheu. Wie benommen schüttelte sie den Kopf, Verrat und Schmerz in jeder Falte ihrer Stirn sichtbar, in dem Zucken ihres Augenlids, in dem feuchten Glanz ihrer Augen.

„Du bist ein… Psychopath?“, fragte Nora. Ihre Stimme bebte. „Du hast uns alle nur– nur manipuliert?“

Ich nickte. „Gut erkannt.“

„Also war all das…“ Sie schluckte, kniff die Augen zusammen, zog die Decke enger an sich.

„All das war nur gespielt“, half ich nach. „Dein erster Kuss, dein erstes Date, dein erstes Mal. Alles an mich verloren. Na? Tut es weh?“

„Ich glaube das nicht.“ Nora starrte auf ihre Finger, die sich verzweifelt in die Decke krallten. „Das kann nicht sein. Du bist nicht —“ Sie stockte.

„Ah, du merkst es selbst“, sagte ich und ließ das Buch zuklappen. „Du hast schon immer vermutet, dass ich anders bin. Aber du hast dich blenden lassen,  genau wie alle anderen.“

Immer noch in die Decke gewickelt, erhob sich Nora schwankend vom Bett und trat auf den Balkon. Kühle Abendluft blies mir entgegen und streifte sanft über meinen nackten Oberkörper.

Ich folgte Nora, blieb aber im Zimmer stehen, während sie sich über den Balkon lehnte und hinab auf die Hauptstraße schaute. Wir befanden uns im vierzehnten Stockwerk, umringt von tristen Betonbauten.

An die Wand gelehnt, sah ich dabei zu, wie sie tief durchatmete und sich schließlich zu mir umdrehte.

„Ich möchte, dass du gehst“, sagte sie.

„Wirklich?“, fragte ich lächelnd und verschränkte die Arme. „Ich würde gerne noch etwas plaudern.“

„Du hast dein Ziel erreicht“, flüsterte Nora. Sie weinte nicht. Ihre Augen schienen wie ausgetrocknet, so als hätte sie nicht mal mehr die Kraft, traurig zu sein. „Lass mich jetzt in Ruhe.“

„Oder was?“, hakte ich nach. „Deine Eltern sind nicht zu Hause und du bist nicht stark genug, dich gegen mich zu wehren.“

„Ich werde ihnen alles berichten“, sagte Nora. „Du wirst damit nicht durchkommen.“

„Womit?“, fragte ich, ehrlich belustigt. „Ein letztes Mal mit meiner Freundin zu schlafen, bevor wir Schluss machen? Gemein zu ihr zu sein? Meinen Freunden einen Streich zu spielen?

Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, Nora. Die Lehrer lieben mich. Dank deines Einsatzes ist die gesamte Klasse auf meiner Seite. Ich bin nie negativ aufgefallen; du bist wahrscheinlich die einzige, die jemals auch nur einen Hauch Verdacht geschöpft hat. Nicht mal meine Eltern wissen, was ich bin. Und wenn ihnen jemand sagen würde, dass ihr einziger Sohn, ihr perfekter Sohn, mit den perfekten Schulnoten, der die alte Nachbarin immer zum Bus begleitet, ein Psychopath ist, zeigen sie denjenigen wegen übler Nachrede an.“

„Hast du mich deshalb so behandelt?“, fragte Nora. „Weil ich dir auf die Schliche gekommen bin?“

Nun konnte ich doch ein Lachen nicht unterdrücken. „Bilde dir nicht so viel darauf ein“, sagte ich und wischte mir eine Träne aus dem Augenwinkel. „Sicher, das hat mit reingespielt, aber das Risiko war nie groß genug, dass ich dich dafür freiwillig ficken würde.“

Wie erwartet zuckte sie zusammen. „Warum dann?“

„Kannst du dir das nicht denken?“, fragte ich.

Einen Moment lang sah sie mich verwirrt an. Dann öffnete sich ihr Mund und sie sank in die Hocke. „Nein. Nicht deswegen. Nicht wegen so etwas Sinnlosem!“

„Natürlich“, sagte ich. „Ich wollte Klassensprecher werden. Und jetzt, da ich mein Ziel erreicht habe, brauche ich dich nicht mehr.“

Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um, zog mich an und verließ ihr Zimmer. Die Tür schloss ich hinter mir, aber nicht schnell genug, um das lauthalse Schluchzen auszublenden, das meinen Worten folgte.

Im Flur zog ich meine Schuhe an und überprüfte ein letztes Mal den Terminkalender, der neben der Tür hing. Ich hatte den heutigen Tag nicht ohne Grund gewählt—Nora befand sich auf einer emotionalen Talfahrt und würde vermutlich, sobald sie sich ausgeheult hatte, ihre Mutter anrufen.

Sie würde nicht rangehen. Das Meeting an dem sie und ihr Mann heute teilnahmen, war zu wichtig. Im Idealfall würden sie bis spät in die Nacht fortbleiben oder sogar in einem Hotel übernachten. Isoliert hatte Nora nur noch einen Rückzugsort. Mein Blick glitt über den Dielenboden zu dem Futternapf in der Küche.

Kurze Zeit später lag in dem Feuchtfutter ein kleines Schinkenröllchen, gefüllt mit Schneckenkorn. Das Maunzen von Noras Kater drang aus der Küche an mein Ohr, als er sich freudig auf den Leckerbissen stürzte. Ich lächelte.

Später erfuhr ich, dass Nora kurz nach Entdeckung ihres kläglich verendeten Haustiers vom Balkon gesprungen war. Traurig schüttelte ich den Kopf, während ich umständlich mit der linken Hand durch die MILF-Videos scrollte. Noras Selbstmord einzufädeln, war fast zu leicht gewesen.

Skull Word Big

Über mir riss die Luft auf. Gleißend rotes Licht strahlte von der Decke herab, heiß und blendend und traf auf meine Haut, die zischte, aufplatzte und Blasen warf. Der pure Schmerz umfing mich in einer grausamen Umarmung und ich schrie, schrie, wie ich noch nie in meinem Leben geschrien hatte. Ich fiel auf die Knie, doch der Sand brannte sich augenblicklich durch meine Hose, während der teure Stoff Feuer fing. Beißender, stinkender Rauch stieg von meinem Körper auf, nahm mir die Sicht, ließ mich keuchend husten.

Der Geruch versengten Haares füllte meine Nase. Meine Kopfhaut zischte, als das Feuer sich meinen Haarschopf entlang fraß. Wie von Sinnen schlug ich auf meinen Schädel ein, rupfte schwelende Haarbüschel aus, sah dabei zu, wie mir die Überreste durch die Finger rieselten. Immer wieder bildeten sich neue Brandblasen, die aufplatzen und klare Flüssigkeit absonderten.

Verzweifelt riss ich mir die Kleider vom Leib, ignorierte meine verbrannten Handflächen, bis ich nackt im glühenden Sand stand, mein Anzug nur noch ein Häufchen Asche. Mir war schlecht, das Brennen hörte nicht auf, meine Augen tränten, waren ausgetrocknet, die Wimpern verkohlt.

Wulstige Hände packten meine verbrannten Oberarme.

GAHHH!

Mir wurde schwarz vor Augen, so schmerzhaft war der Griff. Halb blind und weinend sah ich mich um und entdeckte zu beiden Seiten die Gnome.

„Hab ihn Boss, hab ich“, sagte Gremlin, ohne eine Spur seiner normalen Unsicherheit. Seine rote Haut glühte im Schein des Lichts wie flüssiges Gold und seine Muskeln traten wie adrige Geschwüre hervor. Die gebogenen Hörner dampften.

„Ein Unruhestifter is‘ das, Gremlin, sag ich dir“, knurrte Boss und rüttelte an meinem Arm. Meine Knie wurden weich, als sich die Haut unter seinen Fingern ablöste. „Hat´s nich‘ anders verdient, hat der.“

„Ja Boss, genau Boss. Nicht anders verdient hat der´s, jawohl.“

Sie zerrten mich Richtung Loch. Fast war ich erleichtert.

Dann sah ich ihn.

Er musste aus dem Riss in der Luft getreten sein. Der Teufel lächelte mich mit einem Lächeln an, das gut zu dem Wolf aus Rotkäppchen gepasst hätte. Scharfe Zähne reihten sich aneinander, umschlossen von schwarz geschminkten Lippen. Die feuerrote Haut strahlte eine Hitze ab, die mich in die Knie gehen ließ, bis Gremlin und Boss mein gesamtes Gewicht trugen. Das pechschwarze Cocktailkleid flatterte um die muskulösen Beine und die gleichfarbigen Pumps liefen im Absatz so spitz zu wie Gremlins Heugabel. Wie bei unserem ersten Treffen waren es jedoch die Augen des Teufels, die mich gefangen nahmen.

Von rauchigem Lidschatten umrandet und mit künstlichen Wimpern versehen, starrten mir zwei orangerote, waagerechte Pupillen entgegen, umgeben von tiefster Schwärze.

Er betrachtete mich ausdruckslos, das Lächeln von zuvor nur noch eine Erinnerung.

Langsam streckte er eine Hand nach mir aus. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass er über dem Loch schwebte. Ein heftiges Schaudern ergriff mich, als sein künstlicher Fingernagel über meine verbrannte Wange glitt und eine dünne Spur aus Blut hinterließ. Keine Sekunde später fing der Schnitt Feuer.

Der Schrei erstickte in meiner Kehle, als der Teufel sie packte. Seine Handfläche war wie glühende Kohlen und die Hitze fraß sich durch meine Haut, bis mir der Geruch von verbranntem Fleisch in die Nase stieg. Die Schmerzen stiegen bis ins Unerträgliche, bis ich sicher war, ohnmächtig zu werden, doch meine Augen schlossen sich nicht mehr, so wund waren meine Augenlider.

„Finn Fynn“, sagte der Teufel. Er löste die Hand von meinem Hals und wischte die Hautfetzen ab, die dort kleben geblieben waren. Röchelnd rang ich nach Luft. „Du hättest deinen eigenen Lügen glauben und mit den anderen springen sollen“, sagte der Teufel in seiner düsteren, dröhnenden Stimme, die in meinen Ohren rang. „Das hätte dir eine Ewigkeit der Qualen erspart. Werft ihn rein.“

Gremlin und Boss zerrten mich vorwärts, meine Knie versanken im heißen Sand, dann ließen sie los, ich spürte einen Stoß in meinem Rücken und ich fiel kopfüber in das Loch. Ich schrie, als der Teufel hinterhersprang und mir folgte, bis wir auf einer Höhe waren.

Wir drehten uns umeinander, gefangen in einem grotesken Tanz aus Feuer und Schmerz. Der Sturz schien endlos, während die Hölle an uns vorbeirauschte, Schacht, Level Zwölf, Schacht, Level Dreizehn, Schacht, Schacht, Schacht…

Der rote Punkt kam näher. Wurde größer, je weiter wir fielen. Rot wurde schwarz geflecktes Orange wurde blubbernde, zähflüssige Lava.

Level Vierzehn, wo war Level Vierzehn?

Plötzlich packte der Teufel mich, zog mich in eine brutale Umarmung, die mir das letzte bisschen Luft raubte und meinen Körper verbrannte, wie eine Herdplatte, auf die man seine Hand presst. Meine Schreie blieben ungehört, und der Teufel lachte, lachte—

Wir fielen durch die Lava. Kaum dass unsere Köpfe die brodelnde Oberfläche durchdrangen, bildete sich eine zähe, schwarze Blase um uns und wir sanken in die Tiefe, während die glühende Haut des Teufels mich bei lebendigem Leib verbrannte.


Letztlich musste ich doch das Bewusstsein verloren haben, denn als ich mühsam meine verkrusteten Augen öffnete, lag ich auf einem roten Plüschteppich. Mit schmerzenden Gliedern rappelte ich mich auf und sah mich um. Regale voller Aktenordner reichten zu allen Seiten bis an die Decke und das einzige Möbelstück war ein Mahagonischreibtisch am anderen Ende des Zimmers. Darauf saß, mit überschlagenen Beinen, der Teufel.

Kaum dass ich ihn sah, rief mein malträtierter Körper sich wieder in Erinnerung. Die Blasen waren aufgeplatzt, meine Haut glich geschmolzenem Wachs und der leichte Zug an meinem Kopf erinnerten mich an die Glatze, die sich inzwischen dort befand. Der glühende Handabdruck an meiner Kehle brannte ungehemmt weiter und ließ mich kaum klar denken.

„Wo… sind wir?“, fragte ich heiser, meine Stimme nur ein Röcheln.

„Das ist mein Büro“, sagte der Teufel und zog eine kleine Fernbedienung mit einem einzigen Knopf aus der Schreibtischschublade. „Wir befinden uns auf Level Dreizehneinhalb, wenn dir das mehr sagt. Du bist der erste Mensch, der es hierher geschafft hat.“

„Ist das die wahre Hölle?“

„Finn Fynn“, sagte der Teufel und sah mich aus seinen Ziegenpupillen an. „Die wahre Hölle ist auf Level Vierzehn. Du warst schon längst dort. Zweiundreißig Jahre lang.“

„Das kann nicht —“ Ich stockte, bevor es mir wie Schuppen von den Augen fiel. „Die Erde. “

„Die Lava reinigt jeden Toten von seinen Sünden“, fuhr der Teufel fort, so als hätte ich nichts gesagt. „Die Seelen werden wiedergeboren, bereit für ein weiteres Leben aus Tränen, Schmerz, Verrat, Krieg und Tod. Aber das verursacht sehr viel Papierkram.“

Ich kniff die Augen zusammen. „Papierkram?“

Der Teufel aktivierte den Knopf auf der Fernbedienung, die Decke öffnete sich und eine Lawine aus Dokumenten rauschte herab und begrub mich unter sich. Wo das Papier mich berührte, pulsierte der Schmerz so heiß, dass mir schwarz vor Augen wurde.

„Das alles muss sortiert, geprüft, kopiert und abgeheftet werden“, sagte der Teufel, während ich mich zischend aus dem Papierberg befreite und versuchte, die anhaltenden Schmerzen zu ignorieren, dich sich wieder und wieder in den Vordergrund drängten. Es tat so weh… „Dein Schauspieltalent hat mich beeindruckt, Finn Fynn, wirklich. Allerdings hast du meinen Urlaub zunichte gemacht.“ Die Temperatur stieg mit einem Schlag so weit an, dass ich glaubte, mich in einer Sauna zu befinden. Blasen in meinem Gesicht platzten auf und ich sank stöhnend auf die Knie.

„Wenn ich den Papierkram erledigt habe“, begann ich krächzend, „werde ich dann auch… gereinigt?“

Der Teufel lachte donnernd, stand auf und kam auf mich zu. Er sah von oben auf mich herab. „Oh nein. Du bist ab sofort für jeden Papierkram zuständig, der anfällt. Deine Rebellion wird sich zweifellos auch in die anderen Level ausbreiten. Es ist nur gerecht, dass du die Verantwortung übernimmst.“

Wie um seine Worte zu unterstreichen, fiel ein neuer Schwall Papier von der Decke und direkt auf meinen verbrannten Schädel. Tränen schossen mir in die Augen.

„Um ehrlich zu sein“, fuhr der Teufel nachdenklich fort, „hast du mir mit deinem kleinen Projekt einen Dienst erwiesen.“ Er betrachtete desinteressiert seine Fingernägel. „Ich habe schon lange nach einer Ausrede gesucht, die Büroarbeit auf jemand anderen abzuwälzen. Die Gnome sind kaum in der Lage, ihren eigenen Namen zu buchstabieren, wie dir sicher nicht entgangen ist, und wahllos einen der Toten für die Ewigkeit zu verdammen, geht gegen meinen Vertrag mit Gott. Leider.“ Er runzelte irritiert die Stirn, bevor er den Blick von seinen Nägeln hob und mich mit seinen feurigen Pupillen fixierte. Der Anblick allein reichte aus, die Verbrennungen auf meinem gesamten Körper frisch zu entfachen. Stöhnend wälzte ich mich auf dem Teppich, um die neu erwachten Feuerherde auf meiner Haut zu ersticken. „Und dann kamst du, Finn Fynn, und glaubtest, du könntest mich in meinem eigenen Reich herausfordern. Ich bin sehr erleichtert, dass du nicht selbst gesprungen bist. Das hätte mir einige Scherereien beschert. So wie die Dinge stehen, werde ich meinen Urlaub doch nicht opfern müssen.“

Meine Gedanken drehten sich. Das Fehlen jeglichen Widerstands, während  wir die Höllenbewohner zu einem Massenspringen anstachelten. Gremlins fehlende Bestrafung, nachdem er das Geheimnis der Hölle ausplauderte. Das grollende Lachen, die Anstachelung, bevor ich Natalie in das Loch schubste. Ich hatte geglaubt, den Teufel provozieren zu können, doch stattdessen hatte ich ihm mit jedem Schritt meines Plans nur weiter in die perfekt manikürten Hände gespielt.

Ich raffte das letzte bisschen meiner Würde zusammen und erwiderte den schadenfrohen Blick des Teufels.

„Werden meine Verbrennungen heilen?“, fragte ich, doch ich kannte die Antwort, noch bevor der Teufel den Kopf schüttelte. Er ging in die Hocke und neigte sich vor, bis ich halb glaubte, er würde mich küssen. Über unseren Köpfen regnete unablässig neues Papier herab.

„Willkommen in der Hölle, Finn Fynn.“

Skull Word Big

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