Finn Fynn und der Teufel (2/3)

Jetzt, wo ich in mein neues Höllenleben eingewiesen war, hielt ich es für angemessen, mein zukünftiges Zuhause gebührend zu erkunden.

Level elf, so stellte ich fest, war eine rote, steinerne Wüste mit einem Loch in der Mitte. Besagtes Loch war eben jenes, durch das ich wenige Stunden zuvor gefallen war und anders als zuvor führte es tiefer in die unteren Level. Ich war auf einer Steinplatte gelandet, die Boss und Gremlin rechtzeitig über die gähnende Leere geschoben hatten. Woher sie die Information bekamen, wann es zu öffnen oder zu schließen war, blieb mir genauso ein Rätsel wie ihr Wissen um meinen Namen. Dann wiederum war ich im Reich des Teufels. Ich sollte mich weniger von diesen Dingen überraschen lassen.

Abgesehen von dem Loch erinnerte mich Level elf an ein Kaff in Ägypten oder einem anderen dieser Sandstaaten. Eckige Steinhäuser bedeckten jeden freien Zentimeter, türmten sich bis an die Decke oder hingen an den Wänden, die den Level in einem Radius von wenigstens… mindestens…

Ich hatte keine Ahnung. Viele Kilometer. Genug, dass ich es in meiner mehrstündigen Reise durch das Teufelskaff nicht schaffte, den Wänden gefühlt auch nur ein Stück näher zu kommen. Vielleicht gab es kein Ende. Vielleicht waren die Wände nur Illusionen und ich war geradewegs in ihre Falle getappt.

Die Unterkünfte waren unbewacht. Es gab keine schließenden Türen, keine Fenster, keine Sicherheitsmaßnahmen. Und wenn doch mal jemand fiel, was häufiger vorkam, als ich gedacht hätte, dann hallte ein Schrei durch die roten Gewölbe, gefolgt von einem lauten Krach, einer gigantischen Staubwolke und dem immer wieder beliebten Nichts passiert.

Ich verglich den Level mit einer Wüste, doch diese Beobachtung war nicht sehr akkurat. Wüsten sind verlassen. Man kann die Einsamkeit förmlich schmecken.

Hier? Überall Tote. Männer, Frauen, jung, alt, hässlich wie die Nacht und schöner als jedes Model. Es gab sie alle. Und ich war einer von ihnen. Einer von vielen.

Es war nicht schlecht, einer von vielen zu sein. Dem Strom folgen war solide. Aber solide reichte nicht, um groß rauszukommen. Und ich wollte groß rauskommen.

Nach meiner Einweisung hatte ich lange Zeit darüber nachgedacht, was den Teufel positiv stimmen würde. Wollte er Besserung sehen? Oder unterstütze er sündiges Verhalten? War Originalität gefragt oder wollte er blinden Gehorsam?

Ich war gut darin, Menschen einzuschätzen, doch die Motivation des Teufels entzog sich mir. Ich wusste nicht, was er wollte. Ich wusste nur, was ich wollte. Und das war, nicht auf Level 14 degradiert zu werden.

Völlig in Gedanken versunken merkte ich erst, spät, wohin meine Beine mich trugen. Ich war wieder bei dem Loch. Gremlin und sein Boss lagen schnarchend einige Meter entfernt auf der Steinplatte, die sehr schwer aussah und noch schwerer war. Ihre Bäuche ragten wie kleine Hügel in die Höhe.

Ich setzte mich an den Rand, ließ meine Beine baumeln und schaute hinab. Der Schacht war so geschnitten, dass ich nur das Loch von Level 12 erkennen konnte. Das Ende war nichts als ein winzig kleiner, orangeroter Fleck.

„Buh!“

Zwei Hände griffen meine Schultern und drückten mich abrupt vorwärts, sodass ich halb über dem Loch hing. Als die Hände mich wieder zurückzogen, war ich schweißgebadet.

„Du solltest hier nicht so sitzen“, sagte eine Stimme hinter mir. Die Hände ließen mich los. „Ein Fall durch das Tor ist ein direktes Ticket zu Level 14. Du wärst nicht der erste, der reinfällt oder reingeschubst wird.“

Ich rutschte von dem Loch zurück und drehte mich um. Eine junge Frau, um die dreißig und in nichts als pinker Reizwäsche gekleidet, stand vor mir. Sie war nicht so schlank wie Amelie und ihre Beine waren kein Vergleich zu Juliettes langen Stelzen, aber keine der beiden Frauen hatte mir Glück gebracht und ihre Andersartigkeit tat erfrischend gut. Als ich nicht antwortete, wurde ihr erfreuter Gesichtsausdruck ernster.

„Habe ich dich sehr erschreckt?“, fragte sie besorgt. „Tut mir leid. Ich wollte nur sicher gehen, dass du gewarnt bist, bevor jemand dich wirklich schubst.“

„Du bist nicht aus diesem Level, oder?“, fragte ich. Sie war zu gutmütig. Wie sie überhaupt in der Hölle gelandet war, war mir ein Rätsel.

„Charmeur“, sagte sie lachend und verschränkte die Arme unter ihren vollen Brüsten. „Ich komme aus Level drei.“

„Der Teufel scheint dich nicht zu mögen.“

„Nein, wohl eher nicht.“ Sie reichte mir eine Hand. „Ich bin Natalie.“

„Fynn.“

„Finn?“

„Fynn. Mit Ypsilon.“

„Finn Fynn?“ Ich verzog das Gesicht. Sie lachte. „Tut mir leid.“ Sie sah nicht aus, als täte es ihr leid. Ich ließ mich von ihr hochziehen, zumindest ergriff ich ihre Hand. Aufstehen konnte ich selbst.

„Warum bist du in Dessous?“, fragte ich, einerseits aus Neugier, andererseits um zu sehen, ob ich sie in Verlegenheit bringen konnte.

Natalie zupfte an ihrem BH-Träger. „Ich bin so gestorben“, sagte sie. „Am Anfang war es mir sehr peinlich, aber man gewöhnt sich an die Blicke und es gibt genug Tote, die ihre Ewigkeit nackt verbringen müssen, es hätte mich also schlimmer treffen können.“

„Immerhin sind es Dessous“, stimmte ich zu. „Stell dir vor, es wäre die löchrige Unterhose deiner Großmutter gewesen.“

„Ugh, du Schwein!“, rief sie und schlug mir gegen die Brust. Es war nicht unangenehm.

„Darf ich fragen, wie du gestorben bist?“, fragte ich, als wir uns auf den Weg zurück in die Stadt machten.

Nun wurde sie doch rot. „Es ist eine sehr peinliche Geschichte.“

„Ich will sie hören“, sagte ich.

„Mein Mann hatte mir von seinem Geschäftsauftrag in Afrika eine antike Statue mitgebracht“, begann sie. „Ein ziemliches großes, schweres Ding aus Metall. Ich fand es so hübsch, dass wir es neben unser Bett stellten.“

„Oh nein“, sagte ich, als mir der Rest klar wurde.

„Ich weiß nicht, was genau passierte, aber sie fiel mir nachts auf den Kopf und weg war ich.“ Sie lachte wieder. „Es war furchtbar, als ich herkam. Wegen so etwas Dummem zu sterben kam mir so sinnlos vor. Aber das ist lange her. Jetzt ist es wie eine dieser peinlichen Geschichten aus der Grundschule. Eine unterhaltsame Anekdote.“ Sie schwelgte einen Moment in Erinnerungen, bevor sie mich erwartungsvoll ansah. „Und wie bist du gestorben? Oh, aber das ist erst kürzlich geschehen, oder? Ist es noch zu frisch?“

„Nein.“ Ich dachte an meine letzten Momente. „Ein eifersüchtiger Ex-Freund hat mich von einem Balkon gestoßen. Und ich habe nicht mal mit ihr geschlafen.“

„Ah, das ist bitter. So hat jeder sein Päckchen zu tragen.“

Eine Weile schwiegen wir.

„Was macht man hier unten so?“, fragte ich schließlich. „Es erscheint mir ziemlich öde bisher.“

„Oh ja, sehr.“ Natalie nickte heftig, ergriff meinen Arm und zog mich zu einem der Steinhäuser. Es war leer. „Wir essen nicht, wir schlafen nicht, es gibt sehr wenig zu tun, es sei denn, man hat ein Projekt.“

„Ein Projekt?“, fragte ich, während ich ihr in das Haus folgte.

„Eine langwierige Arbeit, die dein Ansehen beim Teufel steigern soll und dich beschäftigt.“

Ich kniff die Augen zusammen. „Was ist dein Projekt?“

Sie lächelte und ließ sich rückwärts auf den Boden sinken, die Beine leicht gespreizt.

„Ich“, sagte sie und sah mir in die Augen, „sammle Männer.“

„Das ist ein… interessantes Projekt“, gab ich zu. „Ich wäre gerne behilflich.“

„Oh, das glaube ich dir aufs Wort.“ Sie zwinkerte mir zu und lehnte sich ein wenig zurück. Die Perspektive gefiel mir. Ich ging auf sie zu und zwischen ihren geöffneten Beinen auf die Knie. Bevor meine Hände sie berühren konnten, klappte sie jedoch wie Scheren zu und fingen meinen Arm zwischen ihren Schenkeln.

„Ich bekomme das Gefühl, dass du Männer anders sammelst, als ich mir wünsche“, sagte ich. Natalie warf mir einen Kussmund zu, formte mit ihren Fingern eine Kamera und machte ein Knips-Geräusch. Sie ließ meinen Arm los und setzte sich mit geschlossenen Beinen vor mich.

Ich seufzte.

„Eingesammelt“, verkündete sie mit einem schelmischen Gesichtsausdruck.

„Ich verstehe“, sagte ich. „Du sammelst bittere Enttäuschungen.“

Sie lachte. „Nicht ganz.“

„Was dann?“

„Erinnerungen von Männern, die mit mir schlafen würden“, sagte sie und strich eine tiefbraune Locke hinter ihr Ohr. „Aber bisher hat es den Teufel nicht beeindruckt.“

„Vielleicht erwartet er, dass du tatsächlich mit den Männern schläfst“, schlug ich vor. Ihre weichen Rundungen hatten es mir angetan.

„Dann werde ich wohl bald in der wahren Hölle landen“, sagte sie und schnitt eine Grimasse.

„Warum wechselst du nicht dein Projekt?“

Sie seufzte. „Vielleicht sollte ich das tatsächlich tun. Aber nun zu dir. Was wird dein Projekt?“ Die Bewegung ihrer vollen Lippen ließ meine Gedanken in interessante Bahnen gleiten. „Du erscheinst mir wie ein Mann mit einem Plan.“

Ein Mann mit einem Plan, so so. Ich konnte nicht behaupten, bereits so weit gedacht zu haben und zugegebenermaßen trug Natalie nicht unwesentlich zu der Ablenkung bei. Ich lächelte ihr gewinnend zu und erhob mich. „Was hältst du davon, mich einigen deiner Bekannten vorzustellen und vielleicht weihe ich dich als Gegenleistung in meinen Plan ein.“

„Oh, du“, lachte sie und hielt mir eine Hand hin. Ich zog sie mühelos hoch und etwas näher an mich, als nötig gewesen wäre. Ihr heißer Atem streifte meinen Hals, bevor sie sich räusperte und einen Schritt zurückmachte. „Dann komm“, sagte sie, ergriff mein Handgelenk und zog mich hinter sich aus dem Haus. Ich konnte mir wesentlich unangenehmere Situationen vorstellen.

Skull Word Big

Der Sportunterricht hatte schon begonnen, doch ich hielt mich unauffällig im Hintergrund der Umkleide. Kai warf mir einen fragenden Blick zu. Ich nickte in Richtung der Toilette. Er grinste und verschwand wortlos nach draußen.

Statt mich eines großen Geschäfts zu entledigen, wie Kai sicher annahm, horchte ich, ob jemand im Gang vorbeiging. Vielversprechende Stille begrüßte mich, nur unterbrochen von fernen Rufen aus der Turnhalle. Ich steuerte auf Marcs Schultasche zu, in der er seine neue Uhr verstaut hatte.

Sein Vater hatte sie ihm aus den Vereinigten Staaten mitgebracht und kaum ein Tag verging, an dem Marc sie nicht stolz jedem präsentierte, der eine Sekunde zu lang auf sein Handgelenk starrte. Das allein war Grund genug, ihm eins auszuwischen, doch ich hatte noch eine andere Motivation für mein Vorhaben.

Die Uhr lag glatt und feingliedrig in meiner Hand. Das Metall war noch warm. Ich ließ das Accessoire durch meine Finger gleiten, drehte mich um und versteckte die Uhr sorgfältig in Kais Rucksack, tief in der Seitentasche, von der ich wusste, dass er sie so gut wie nie benutzte.

Zufrieden lächelnd verließ ich die Umkleide. Zeit, die Klasse ein bisschen aufzumischen.

Im Gang erwartete mich bereits Nora, ihres Zeichens amtierende Klassensprecherin und moralischer Plagegeist. „Hey!“, rief sie und lief mit wippendem Pferdeschwanz auf mich zu. Ohne ihre Brille musste sie die Augen leicht zusammenkneifen, bevor sie nahe genug war, um mich scharf zu sehen.

Ich schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Was Mädchen im zarten Alter von fünfzehn anging, war sie erschreckend normal, wenn man normal mit unscheinbar und langweilig gleichsetzte. Aber Nora war verlässlich und durch ihre neutrale Position bei niemandem unbeliebt; es war nicht klug, zu offensichtlich gegen sie vorzugehen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, sagte ich und folgte Nora in die Turnhalle. „Ich hatte Bauchkrämpfe.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Geht es dir wieder besser oder soll ich mit dir zu Frau Heller gehen?“

„Es geht, danke.“

Sie zupfte nervös an dem Ende ihres Pferdeschwanzes und warf mir einen kurzen Seitenblick zu, als sie glaubte, ich schaue gerade nicht hin. Natürlich hatte ich ihr absichtlich die Gelegenheit gegeben, mich unbemerkt zu beobachten.

Nora war seit der siebten Klasse hoffnungslos in mich verliebt, eine Tatsache, die ich in den vergangenen Jahren subtil unterstützt hatte. Bislang waren ihre verschämten Blicke allenfalls Grund zur Erheiterung gewesen, doch in diesem Schuljahr wusste ich genau, wie ich mir ihre Gefühle zu nutzen machen würde. Die Wahl zum Klassensprecher stand bevor. Ich hatte vor, sie zu gewinnen.

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„Ich würde wirklich gerne eine rauchen“, stellte ich Natalie gegenüber fest, mit der ich durch die rote Wüste stiefelte. Der Sand war in meine Lederschuhe vorgedrungen und knirschte unangenehm zwischen meinen Zehen.

„Das ist ungesund!“, rief sie entsetzt.

Ich hob lediglich eine Augenbraue.

„Gut, schön, ich gebe zu, dass es nicht das beste Argument ist –“

„Wie wäre es mit gar kein Argument?“, schlug ich vor. „Auch wenn meine letzte Zigarette mir wirklich das Genick gebrochen hat, wenn ich jetzt so darüber nachdenke.“

„Siehst du“, stimmte Natalie fröhlich zu. „Außerdem gibt es hier keine Zigaretten. Auch keinen Alkohol oder andere Drogen.“

Ich seufzte theatralisch.

Wir stapften weiter. Ich fiel stetig zurück, zum einen, um Natalies Hintern zu bewundern, zum anderen, weil ich die Toten um mich herum in Augenschein nehmen wollte. Ein alter Mann mit Glatze und einem Unterhemd, dessen graue Farbe seinem Bart Konkurrenz machte, saß im Schneidersitz vor einer halb zerfallenen Steinhütte und unterrichtete drei Knirpse im Pfeifen. Er schien nur mäßigen Erfolg zu haben, wenn ich die fliegende Spucke und das feuchte Pusten seiner Schützlinge als Anhaltspunkt nahm.

Zu meiner Rechten entdeckte ich eine fette Frau mittleren Alters, BMI 40+, die allem Anschein nach Hampelmänner machte. Das Bild ihrer auf und ab hüpfenden Hängebrüste drohte, mir für immer die Lust an Sex zu nehmen, war jedoch gleichzeitig so hypnotisierend, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Glücklicherweise tauchte in dem Moment Natalie in meinem Sichtfeld auf, die mich besorgt musterte.

„Was machst du da?“, fragte sie neugierig, bevor ihre Augen sich in einem Anflug von Vorfreude weiteten. „Hat es mit deinem Projekt zu tun?“

„Was macht sie da?“, konterte ich. „Wenn ihr Projekt darin besteht, meine Augen auszubrennen, ist sie zumindest sehr erfolgreich.“

Natalie schielte in die Häusergasse, zuckte zusammen und sah mich tadelnd an. „Sie trainiert“, sagte sie. „Emma hat sich vorgenommen, ihre Versäumnisse aus dem Leben nachzuholen. Und sie ist sehr nett.“

„Ihre Nettigkeit habe ich nie angezweifelt“, murmelte ich, beließ es aber dabei, bevor Natalie mir ernsthaft böse werden konnte und zog sie weiter.

Je länger wir ziellos durch die Hölle schlenderten, umso sicherer war ich mir.

Keiner hier unten hatte die geringste Ahnung, was der Teufel von uns wollte. Sicher, sie alle mühten sich ab. Die einen benutzten Manöver, die ich bei Lebenden als selbstmörderisch eingestuft hätte, andere krempelten ihr Leben um und wieder andere verhielten sich ihrem Boshaftigkeitsmarker entsprechend. Zwei Jungen hatten separat versucht, mich zu überfallen, was in beiden Fällen damit endete, dass entweder jemand an meiner Krawatte zerrte oder versuchte, mir zwanghaft die Schuhe auszuziehen.

Die Krawatte hatte ich retten können.


Nur in Socken und mit hochgekrempelten Hosenbeinen stapfte ich alleine zurück Richtung Loch. Ich wusste nicht ganz, weshalb, doch es zog mich immer wieder dorthin. Vielleicht war ich auf meine alten Tage sentimental geworden.

Vielleicht wünschte ich mir auch einfach eine Unterhaltung mit jemandem, der besser Bescheid wusste, als ich. Selbst, wenn die betreffenden Parteien in ihrer Intelligenz höchstens meinen Frühstückscornflakes Konkurrenz machten. Seufzend lockerte ich meine Krawatte.

Manchmal musste man für den Erfolg eben Opfer bringen.

Ich war erleichtert, Gremlin und Boss so vorzufinden, wie ich sie verlassen hatte. Schnarchend und die runden Bäuche in die Höhe gereckt, die Heugabeln gerade so außer Reichweite. Von dem Schlafrhythmus der beiden Gnome zu schließen, erwartete Level Elf kein baldiger Zuwachs. Sollte mir recht sein.

Ich schnappte mir eine der Heugabeln, hockte mich neben Gremlin in den Sand und piekste ihm in die fleischigen Rippen.

Er sprang quiekend auf, kreischte bei meinem bewaffneten Anblick und verfiel dann in Schockstarre, als ich die drei Metallspitzen abschätzend auf ihn richtete. Ihm schien der Begriff von Distanz nicht ganz bewusst zu sein, denn es trennte ihn über ein Meter von der Heugabel.

„Gremlin, Gremlin“, sagte ich kopfschüttelnd. Unauffällig schielte ich zu Boss, dessen Schnarchen für einige Sekunden ausgesetzt hatte, nun jedoch in altbewährter Lautstärke die Luft erfüllte. „Was würde dein Chef nur dazu sagen? Einer der Gefangenen stiehlt deine Waffe und du kannst nichts dagegen tun? Wärst du mein Angestellter, würde ich dich feuern.“

Heh. Feuern. Der war so schlecht, dass er wieder gut war. Ich verzog keine Miene. Niemand sollte sagen, Fynn Smith hätte einen Faible für Wortwitze.

„Ich, ich weiß auch nich‘, ich…“ Gremlin rang die wulstigen Hände und sah hilfesuchend zu Boss, der seelenruhig weiterschlummerte. Ich lächelte ihn aufmuntern an.

„Es ist schon in Ordnung“, sagte ich und ließ die Heugabel sinken. „Du hast Glück, dass ich es war, der deine Waffe genommen hat. Stell dir nur das Chaos vor, wenn einer der anderen Toten damit Amok liefe. Willst du dir das Szenario vorstellen? Ich nicht. Der Teufel wäre sicher sehr ungehalten.“

Gremlin begann zu zittern.

„Oh Mann, er würd‘ mich häuten, würd‘ er, oh Mann, oh Mann, was soll ich tun, Boss? Das is‘ ja fürchterbar, is‘ das ja…“

„Jetzt beruhige dich erstmal“, sagte ich, betont freundlich. Gremlin sah mich aus schwarzen Knopfaugen an, als wäre ich allein die Antwort auf all seine Probleme. Ganz Unrecht hatte er ja nicht. „Ich bin hier, um dir zu helfen. Die anderen Toten werden ungeduldig, verstehst du? Sie wollen wissen, was der Teufel von ihnen möchte, wie sie der Hölle entkommen können, wie hier alles abläuft. Wenn sie keine Antwort bekommen, dann sind sie es das nächste Mal, die deine Heugabel klauen und dich pieksen. Und das willst du sicher nicht, oder?“

Gremlin schüttelte sich heftig. „Ne, das will ich nich‘, ganz sicher nich‘.

„Dann sind wir uns einig“, sagte ich. „Sag mir, wie wir den Teufel befriedigen können und ich sorge dafür, dass euch niemand mehr angreift.“

Dieses Mal zögerte Gremlin. Sein Blick verdüsterte sich kurzzeitig und er schielte, so als betrachte er einen Ort, den nur er wahrnehmen konnte. „Ich weiß nich'“, sagte er und hob den Kopf. „Das is‘ gegen die Regeln, is‘ das. Ich will kein Ärger kriegen.“

„Gremlin, ich weiß, ich bin erst seit kurzem hier“, begann ich vorsichtig, darauf bedacht, in ja nicht zu verschrecken. Ich war so nah dran… „Aber du kannst mir vertrauen. Ich will dir nur helfen.“ Einer spontanen Eingebung folgend nickte ich in Richtung Boss. „Euch beiden.“

Gremlin zögerte noch einen kurzen Moment, dann legte sich der schwarze Schatten um seine Augen und er stand wieder völlig unbeholfen und ungefährlich vor mir. Ich reichte ihm die Heugabel zurück, die er umarmte, als wäre sie seine Geliebte. „Also gut. Ich weiß nich‘, was der Teufel will, aber die Level ham‘ nich‘ viel zu sagen, meint Boss immer. Nach dem Start sin‘ die quasi egal, sin‘ die. Un‘ der Teufel sucht dann aus, wen er unten haben will.“

„Unten?“, hakte ich nach. „Auf Level vierzehn?“

Gremlin nickte heftig. „Er schickt da nich‘ viele hin, tut er. Ganz wenige nur. Meint, dass is‘ ihm alles zu viel Arbeit sons‘. Un‘ er sagt, er schickt da auch die Guten hin, wenn er Urlaub machen will.“

Nun stutzte ich doch. Dass der Teufel willkürlich mit den Projekten verfuhr, leuchtete mir noch ein, schließlich hätte sonst zumindest irgendeiner der Toten einen Trend bemerkt, wie man auf- oder absteigen konnte. Was also, wenn das Projekt nur dazu diente, uns beschäftigt zu halten? Dem Teufel zu zeigen, was wir mit unserer Zeit anfingen, wie er uns einschätzen konnte?

Und trotzdem schickt er die Guten nach unten, dachte ich. Irgendetwas verheimlichte man uns.

Ich wusste nicht, was es war. Aber ich wusste plötzlich sehr genau, wie ich mein eigenes Projekt gestalten würde. Und von dem, was Gremlin berichtet hatte, würde es dem Teufel ordentlich einheizen.

Heh. Einheizen. Schlechter ging es wirklich nicht mehr.

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