Selbstzweifel galore

Wenn du dich einen Schreiber nennst, hast du mit Sicherheit schon mit diesem Problem gekämpft, dem ewigen Teufelskreis aus Zufriedenheit und Selbstzweifel.

Mein Buch ist total toll! Mein Buch ist scheiße…

Ich liebe diese Stelle! Was habe ich mir dabei gedacht?

Ich bin schon ziemlich gut. Warum mache ich überhaupt weiter?

Wir alle kennen es. Wirklich. Aber woran liegt dieses ewige Hin und Her, warum können wir nicht einfach objektiv auf unser Geschriebenes schauen und sagen: Ja, das ist gut.

Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich für jeden ein bisschen anders, aber ich habe in meinen drei Jahren des aktiven Schreibens eine Theorie entwickelt, von der ich denke, dass sie die Problematik sehr gut erklärt. Die Sache ist nämlich die: Wir sind mit unseren Selbstzweifeln nicht alleine.

Auch Künstler kennen diese Stimmungsschwankungen, die plötzlichen Schübe von Hass auf die eigenen Fähigkeiten, und auch wenn ich niemanden persönlich kenne, bin ich sicher, dass es in anderen kreativen Bereichen ähnlich aussieht.

Was viele vergessen: Kreative Fertigkeiten fliegen niemanden zu. Es gibt keine Musen, die uns küssen, auch wenn das eine sehr schöne Metapher für plötzlich auftretende Inspiration ist und wir werden auch nicht mit dem Talent geboren, das dann alleine ausreicht, um publiziert zu werden.

In seinem Kern sind das Zeichnen, Malen, Instrumente Spielen und eben Schreiben Handwerke, die es zu erlernen gibt. Unsere Werkzeuge sind mentaler Natur, aber das ändert nichts daran, dass wir stetig dazulernen, stetig besser werden und das nur durch Erfahrung. Je mehr wir schreiben, desto besser werden wir. Sich aktiv mit der Materie auseinanderzusetzen beschleunigt dieses Prozess natürlich, weil wir unser Auge schärfen, Fehler sehen und Muster erkennen lernen.

Und da liegt das Kernproblem.

Denn weißt du, unser Lernprozess ist nicht linear. Es gibt Schübe, lange Phasen ohne Fortschritt, Kurven und Rückschritte und all diese kleinen Abzweigungen, die uns so auf die Nerven gehen können.

Writing Skillz

Wie deutlich an dieser perfekt dargestellten und total realistischen Abbildung zu erkennen ist, entwickeln sich unsere theoretischen Fähigkeiten nicht parallel zu unserem eigentlichen Können.

Jeder kennt das. Wer viel liest, kann nach einer Weile eine guten Stil von einem schlechten unterscheiden, vielleicht auch einige Kniffe innerhalb des Buches wertschätzen, aber das heißt nicht gleich, dass er diese Kniffe auch selbst anwenden kann.

„Mach es doch besser“, ist der bekannte Satz zu diesem Dilemma. Ich muss es nicht unbedingt besser können, um die Fehler zu erkennen, aber das bedeutet leider auch, dass wir viel mehr Fehler in unseren eigenen Manuskripten sehen, als wir beheben können.

Schauen wir uns nochmal diese total tolle Abbildung an. Jedesmal, wenn die orangefarbene Linie unter der grünen Linie ist, sieht die Welt in Ordnung aus. Wir finden toll, was wir schreiben, weil unsere Theorie der Praxis hinterherhinkt. Doch dann kommt der plötzliche Schub und BOOM, orange ist über grün und die Depressionen starten, weil uns jetzt plötzlich wieder all diese neuen Probleme und Fehler auffallen, von denen wir vorher nicht mal wussten, dass man sie falsch machen kann.

Aber hier kommt der Punkt, den wir inmitten all dieser Zweifel und Selbstkritik gerne vergessen: Wir werden trotzdem stetig besser.

Manchmal fühlt es sich so an, als hätten wir Rückschritte gemacht, weil uns neue Dinge auffallen, die man hätte besser machen können, aber gleichzeitig hat sich unsere Technik schon wieder weiterentwickelt. Vielleicht nicht viel. Vielleicht nur ein bisschen. Aber wir sind besser geworden. Und das lassen wir zu häufig außer Acht.

Letztlich hört diese Kurve nie auf. Das Lernen hört nie auf. Und egal wie gut du dein Geschriebenes jetzt gerade findest, ich garantiere dir, dass du in einem Jahr neue Dinge daran auszusetzen hast.

Emotionale Schmerzen gehören zum Schreiben dazu. Es läuft nicht immer rund, es macht nicht immer Spaß und es ist ganz sicher nicht leicht.

Aber geben wir deshalb auf? HELL NO!


 

Erscheint euch meine Erklärung plausibel oder habt ihr eine bessere? Was tut ihr, um dem inneren „Hater“ lange genug davonzulaufen, bis ihr wieder objektiv auf euer Werk schauen könnt?

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12 Gedanken zu “Selbstzweifel galore

  1. Hallo 🙂

    ich stecke gerade in dieser Orange-ist-über-Grün-Phase und der Artikel hat mir das nochmal bewusst gemacht, denn ich glaube dass wir das schnell vergessen. Ich stimme deiner Erklärung also absolut zu. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie ich diesem inneren Kritiker/Hater entkommen kann bzw wieder aus dieser Phase herauskomme, meistens „passiert“ das irgendwann. Ich glaube es hilft, wenn man sich den Druck nimmt 🙂

    LGs Jalieza

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    1. Mir hilft es meist schon zu wissen, dass es wieder besser wird und was eigentlich dahinter steckt, aber wirklich entkommen tut man den Selbstzweifeln nicht xD Einfach durchbeißen und vielleicht versuchen, zumindest einigen der neuen Selbstansprüche gerecht zu werden^^

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  2. Meine Art, mit Selbstzweifeln umzugehen, ist recht einfach: Ich ignoriere sie.
    Sobald ich ihnen auch nur eine Sekunde nachgebe, setzen sie sich fest, wollen durchdacht und überlegt und verarbeitet werden, und das ist nicht förderlich beim Schreiben. Also werden sie konsequent ignoriert. Gelingt mir nicht immer, aber immer öfter 😀

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  3. Hey Otterfly!

    Selbstzweifel sind bei mir auch ein sehr großes Thema. Am schlimmsten waren sie jedoch in meiner anfänglichen Phase. Als ich mit dem Schreiben begonnen hatte, durfte nur mein damaliger Freund alles lesen. Der fand natürlich ausnahmslos alles gut. Später, als ich dann das erste Mal anderen Freunden mein Skript zukommen ließ, traf mich die Kritik wie ein Schlag ins Gesicht.
    Es war so schlimm für mich, ich dachte ich wäre einfach zu schlecht und sollte lieber damit aufhören. Die anderen zweifelten allerdings nicht an meinem Können, sondern haben mir ganz normale Kritik gegeben.Tatsächlich hat es dann auch eine Weile gedauert, bis ich mich wieder aufgerafft habe. 😀

    Mittlerweile lache ich darüber, aber es gibt immer noch Momente, in denen ich denke, dass ich zu nichts fähig bin. Am schlimmsten ist es, wenn ich Bilder in meinem Kopf habe und es nicht schaffe, sie so aufs Papier zu bringen, dass andere Leser sie nachempfinden können. Aber genauso oft bin ich total zufrieden mit mir selbst, weiß auch, was ich kann und woran ich noch arbeiten muss.

    Danke für deinen (irgendwie) motivierenden Blogpost!

    Liebe Grüße,
    Bluebird

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    1. Irgendwie motivierend zu sein ist meine Spezialität xD
      Ich weiß genau, was du meinst. Umso froher bin ich, dass du dich aus dem Loch herausgeraffst hast und jetzt aktiv an deinen Problemen arbeiten kannst. Das ist immer noch das wichtigste^^

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  4. Mit diesem ständigen Heiß-Kalt scheinen wirklich alle zu kämpfen. Ich finde deine Theorie gut, Erfahrung und theoretisches Wissen spielen sicher in diesen Liebe-Hass-Kreislauf.
    Vergleichen ist auch noch so eine Sache: Zum einen mit anderen, was entweder inspirierend (Das will ich auch können!) oder demotivierend sein kann (So gut wie der/die werd ich nie).

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  5. (Aus Versehen abgeschickt, war noch nicht fertig mit meinem Senf 😉 )
    Wenn man die eigenen Texte untereinander vergleicht, merkt man oft, was schon besser geht oder – nach einer längeren Schreibpause – auch wieder schlechter/weniger flüssig.
    Gerade in einer Hass-Phase sind Beta-Leser ein Segen. Ich selber kann den Text dann nämlich gar nicht mehr beurteilen und da tut es gut, wenn jemand von außen objektiv sagen kann: „Was hast du denn? Passt doch.“ Oder eben auch: „Hm, hast recht. Würd ich neu/anders/grün machen.“

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    1. Da hast du Recht. Ich bin gerade in dieser Low-Phase und kann meine Kapitel fast schon nicht mehr sehen, obwohl ich natürlich weiter hochladen muss. Da ist es dann schön zu sehen, dass die Reaktionen meiner Leser nicht wie meine eigene Wahrnehmung ins Negative gerutscht sind xD

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  6. Ohja, ich kenne diese Selbstzweifel zu gut. Besonders am Anfang habe ich mich mit theoretischem Wissen zu geknallt und war immer total deprimiert, weil meine Fähigkeiten immer noch unter dem Gelernten lagen.
    Mittlerweile habe ich regelmäßige Schwankungen zwischen „Hey, eigentlich ist das annehmbar“ und „Gott, das dürfen meine Beta-Leser niemals zu Gesicht bekommen“. Man bekommt ja immer wieder zu hören, dass es jedem Schreiberling so geht, aber wenn man seine Fähigkeiten gerade als Mist ansieht munter das halt nicht auf =D (Soll auch nicht das Ziel sein. Ziel ist solange zu schreiben, bis man sich wieder als gut ansieht… Das ist dann eine Frage des Durchhaltevermögens.)
    Gerade in solchen Zeiten sind Beta-Leser überlebenswichtig, da sie die den Mist objektiv kritisieren können. Und meistens merkt man dann, wo der Fehler lag, oder dass die Szene doch gar nicht so schlimm ist, wie man dachte.

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