Konfliktreich schreiben

Dank dem Myers-Briggs Persönlichkeitstest weiß ich: Ich bin ein INFP. Ein Diplomat. Ich hasse Konflikte. Wenn jemand wütend auf mich ist, macht mich das binnen Minuten völlig kaputt. Wenn ich wütend bin, gehe ich meistens einfach weg, beruhige mich und regele das ganze später zu jedermanns Zufriedenheit.

Für eine Autorin in spe ist das leider ein ziemliches Manko.

Lange Zeit hatte ich das Bedürfnis, die Probleme meines Protagonisten für ihn zu lösen, seine Streitigkeiten zu beseitigen und mit Ehrlichkeit alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Bis ich (und andere) bemerkten, dass die Geschichte dadurch schlicht und ergreifend langweilig wurde. Es gab keinen Konflikt.

Konflikte sind das Salz in der Suppe. Vielleicht sind sie sogar die Suppe an sich. Ich bin kein Fan von Metaphern. 

Für mich war am Anfang der Reiz groß, mir ein Setting zu überlegen, meine Charaktere hineinzuwerfen und ihnen einfach dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben genießen und glücklich sind. Das macht Spaß. Die ersten paar Kapitel.

Dann wird es mir als Autorin zu langweilig und ich breche das Projekt ab.

Laut Wikipedia gibt es 4 grobe Arten von Konflikt:

Mensch vs. Mensch 

Dieser Konflikt entsteht aus dem Interessenkonflikt zwischen zwei oder mehr Personen. Eine sehr beschützerische Mutter, die ihr Kind nicht ausziehen lassen will, obwohl das sein größter Wunsch ist, zum Beispiel, oder eine Diebesgruppe, die einen armen Mann ausraubt. Romanzen, in der einer der Partner unzufrieden ist oder anderweitig Probleme auftreten, sind ebenfalls sehr beliebt.

Mensch vs. Gesellschaft

Menschengeschaffene Institutionen sorgen bei vielen Menschen für Probleme. Eine korrupte Gesellschaft, ein Gesetz, das deinen Charakter betrifft und ihm das Leben schwer macht oder auch ein Krieg, der seine Familie zerreißt, all das spielt hier mit rein.

Mensch vs. Natur

Wenn Menschen mal nicht die Wurzel des Problems sind, tritt die Natur auf den Plan. Vulkanausbrüche, Orkane, Tsunamis, die stürmische See oder eine Dürreperiode, all das kann deinem Charakter das Leben schwer machen und ihn in die Enge treiben. Ebenfalls dazu gehören Tiere und Monster. Ob existierende Götter eher in diese oder die Mensch vs. Mensch-Kategorie fragen, sei einmal dahingestellt.

Mensch vs. Inneres Selbst

Hier geht es um das, was die meisten als Innerer Konflikt kennen. Hier steht sich der Charakter selbst im Weg. Vielleicht bedrohen neue Bedürfnisse oder Situationen seine Moral, vielleicht muss er sich seine Fehler eingestehen. Wichtig ist, dass ein Überkommen dieses Konflikts fast immer eine Charakterentwicklung mit sich zieht.

Eins muss dir als (Hobby-)Autor klar sein. Nicht nur wir, die Verfasser der Geschichte, sind manchmal kleine Sadisten. Leser sind es auch. Sie sagen zwar, dass alles glatt laufen und gut enden soll, aber das wollen sie (meistens) gar nicht. Was sie wirklich wollen, ist dass die Charaktere alle Konflikte überwinden, den Schwierigkeiten trotzen und im Angesicht ihres Schicksals nicht zerbrechen, sondern weitermachen, bis zum bitteren Ende.

Und eins dürfen wir nicht vergessen: In meiner Erfahrung sehen Leser ihre Lieblingscharaktere gerne auch mal am Boden. Aber da dürfen sie nicht bleiben. Die besten Momente sind die, wenn der Charakter sich wieder aufbäumt, der Welt zeigt, dass er noch nicht geschlagen ist, egal, wie übel man ihm mitgespielt hat.

Am besten ist es, wenn nicht nur ein Konflikt, sondern viele vertreten sind, wenn möglich auf allen Ebenen. Wie ich gerne zu sagen pflege: Lass keine Möglichkeit für Konflikt aus. Dein Charakter geht noch in die Schule? Lass ihn Probleme mit den Noten haben. Er ist intelligent und schreibt nur Einsen? Vielleicht ist er dafür schüchtern und traut sich nicht, während des Unterrichts aufzuzeigen, oder er hat ein Referat, dass er vortragen muss. Nichts davon trifft zu? Dann lass einen der Lehrer es auf ihn abgesehen haben, lass einige der Mitschüler neidisch sein, wirf ein bisschen Mobbing oder Piesacken mit rein.

Konflikt lässt sich immer an euren Charakter anpassen, und so sollte es auch sein. Jede Eigenschaft, jede Schwäche gibt euch die Möglichkeit, mehr Spannung zu erzeugen, mehr Konflikt einzubauen, damit der Leser nicht die Lust verliert, nur weil alles so funktioniert, wie der Charakter es braucht und möchte.

Kurzum: Klopfe deinen gesamten Plot, deine Charaktere und dein Setting auf Möglichkeiten ab, es deinem Charakter so schwer wie möglich zu machen, sein Ziel zu erreichen. Das sorgt nicht nur für andauernde Spannung und mehr Sympathie für den Charakter, sondern macht das Ende auch umso zufriedenstellender.


Hattet ihr auch Probleme damit, Konflikte in eure Geschichte einzubauen oder war ich die einzige? Was ist der Konflikt, der euren Charakter am meisten prägt und ihm zu schaffen macht? Welches ist euer liebster Buchmoment, in dem der Charakter sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt?

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9 Gedanken zu “Konfliktreich schreiben

  1. Das erinnert mich an einem Kurs, den ich mal zum Thema Plotten besucht hatte. Und das ist genau Punkt. Die besten Geschichten eskalieren fortlaufend. Konflikte werden scheinbar immer unlösbarer, und jeder gelöste Konflikt senkt die Spannung. Also müssen Konflikte gerade zu unlösbar sein, sich aufbauschen, übergroß werden, Fragen über Fragen aufwerfen. Momentan geht es mir eher darum: Wie kurz darf ein Satz sein? Was kann ich alles weglassen, damit die Geschichte trotzdem noch funktioniert? Im Prinzip nahm ich aus dem Plottingworkshop mit, das man die Geschichte um den Konflikt herum strippen muss, sie reduzieren muß auf ihre Cliffhanger und Spannungsbögen. Das schlimme ist, wenn man sich mal damit beschäftig hat, dann stellt man fest, das zwei-drittel aller Drehbücher einem einzigen Konzept folgen, und das Leben wird ziemlich überraschungslos :-).

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    1. An dem Punkt war ich auch schon. Wie viel kann ich wegkürzen, bevor die Geschichte nur noch Szene an Szene an Szene ist und sich nicht mehr wie ein Buch anhört. Jede Szene muss mindestens eine Aufgabe erfüllen, aber sie darf ruhig ein bisschen Vorlauf haben, um die Stimmung aufzubauen, dann liest sich das Ganze flüssiger 😀

      Sätze dürfen so kurz sein, wie sie wollen, finde ich. Es kommt öfters vor, dass bei mir nur ein oder zwei Wörter drin sind. Damit darf man es aber auch nicht übertreiben. Es ist ein Stilmittel wie alles andere auch und zu viele kurze Sätze hintereinander klingen nach einer Weile sehr hektisch und abgebrochen. Gerade in Actionszenen machen viele Anfänger das falsch, weil man in der Schule lernt, das kurze Sätze gleich schnelle Szene sind, aber sie übertreiben es dann völlig und es hat den gegenteiligen Effekt, weil der Punkt dauernd einen mentalen Stop macht. Besser sind längere Sätze, die durch atemlose Nebensätze und Kommata unterteilt sind, mit einigen kurzen, prägnanten Sätzen zwischendurch. Letztlich funktioniert es bei mir am besten, wenn ich laut lese und hinhöre, wo es falsch klingt 🙂

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  2. Also ich hatte eigentlich nie Probleme, meinen Charakteren gemeine Konflikte zu verpassen. Im Gegenteil! Was das betrifft, bin ich sogar ziemlich sadistisch. Früher ließ ich meine Charaktere das verarbeiten, was sich mein Leben lang in mir aufgestaut hat.Irgendwer muss die Suppe ja auslöffeln. ;D
    Außerdem ist es, wie du schon sagtest. ein viel schöneres Gefühl, wenn ein Charakter leiden musste und sich schließlich durchsetzt!
    Ein Lieblingsmoment (von vielen) in dem sich ein Charakter, der sonst immer von allen fertig gemacht wurde, endlich mal verdammt badass verhalten hat, fällt mir auch direkt ein. Nämlich Neville Longbottom aus Harry Potter, der in Band 7 den letzten Horkrux zerstört! Das nenne ich mal eine sehr gelungene Charakterentwicklung. 😀

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    1. Ja, der Moment war sehr episch! Haaa, dann bin ich wohl doch die einzige xD Aber ich habe mich gebessert, ich verspreche es 😀 Bei meinen Lesern hab ich schon den Ruf weg, dass immer alles schiefgeht, was schiefgehen kann xD

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  3. Ich glaube, ich bin ein Teufel, was meine Charaktere angeht. Ich kette sie an und halte einen Stück Kuchen nur Millimeter von ihren Händen weg und wenn sie dann endlich den Kuchen mit Mühe und Not erreichen – Twist – er war vergiftet.Es ist dann tatsächlich ein Wunder, dass ich von Happy End eher angetan bin als von irgendwelchen Downern. Für mich sind die Gefühle, die man in ein Happy End investiert, einfach viel intensiver und zufriedenstellender, wenn Charaktere durch die Hölle gehen müssen und kurz vor dem Ende merken, sie müssen zurück und es dann auch noch schaffen. [Jokes on you, ich habe keine Gefühle]
    Wobei ich sagen muss, dass ich mich hauptsächlich auf Mensch vs Mensch und Mensch vs Inneres Selbst konzentriere, weil ich diese Punkte besonders interessant finde. Mensch vs Natur ist hingegen oft verdammt langweilig, wenn man nicht noch gerade andere Konfliktart mit zur Rate zieht.

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    1. Ja, da hast du Recht. Ich schreibe meistens Mensch vs. Mensch und Mensch vs. Gesellschaft. Mit innerem Konflikt habe ich mich eine Zeit lang schwer getan, aber ich baue inzwischen bewusst mehr Innenleben und damit verbundenen Konflikt ein.

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  4. Ich liebe innere Konflikte. Dinge, die Figuren tun müssen, weil es keinen anderen Weg gibt, die sie aber in Wirklichkeit verabscheuen. Moral vs. Sicherheit oder Gewissen vs. Realität. Das macht richtig Spaß. Es ist zwar nicht gut, allzzsehr den moralischen Zeigefinger zu erheben, aber wenn es um die innere Zerrissenheit meiner Figuren geht, dann kriege ich wirklich nicht genug davon.
    An einen bestimmten Moment in einem Buch erinnere ich mich nicht. Muss aber auch sagen, dass ich mehr auf ein schlechtes Ende stehe als auf Happy Ending.
    Sehr schöner Beitrag, der zum Nachdenken anregt.
    +Mika+

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