Kritik schätzen lernen

Wenn du selbst schreibst, weißt du sicher, dass Autoren ihre Geschichten lieben wie ihre eigenen Kinder. Sie kennen alle Facetten, alle Hintergründe und haben ihr Baby unter Schmerz und Tränen zur Welt gebracht. Eltern mit objektiven Meinungen über ihre Kinder zu konfrontieren, kann daher manchmal schwierig werden.

Die erste ehrliche, konstruktive und negative Kritik ist wie ein Stich ins Herz, auch wenn der Betreffende nur seine Meinung kundtun und dir helfen möchte. Ja, helfen. Du glaubst mir nicht?

Wer mit dem Schreiben gerade so richtig in Fahrt kommt, fühlt sich schnell unbesiegbar. Die ersten Kapitel sind geschrieben, vielleicht ist sogar die erste Geschichte fertig und das Werk wird voller Vorfreude den Eltern gezeigt oder ins Internet hochgeladen, um dort alle Leser zu beeindrucken. Jetzt rate mal, wo die ehrlichste Kritik verfasst wird.

Richtig. Im Internet. Auch wenn sie nicht gerade von Bäumen fallen, gibt es jede Menge Leser und Schreiber, die besser sind als du, oder deine Geschichte einfach objektiver beurteilen können. Und das beste: Sie kennen dich nicht und haben weniger Skrupel, deine Gefühle zu verletzen.

Von einem Fremden darauf hingewiesen zu werden, dass deine Charaktere nicht konsistent sind, dass die erste Hälfte deines Manuskripts mit unwichtigen Szenen aufgebläht ist oder dass das Ende nicht zufriedenstellend und obendrein vorhersehbar war, ist hart. Niemand bestreitet das. Aber die Person hat dir gerade ein wertvolles Geschenk gemacht.

Sie hat dich auf all die Dinge hingewiesen, die du besser machen kannst.

Eine konstruktive Kritik will dich nicht runtermachen. Sie gibt dir einen sachlichen Einblick in die Meinung deiner Leser. Was du hinter den harten Worten nicht siehst, ist die Zeit, die der Fremde in diese Kritik investiert hat.

Er hat deine Geschichte gelesen, obwohl er bestimmt besseres zu tun hatte, und als er merkte, dass es viele Fehler und Probleme darin gibt, hat er sie nicht einfach abgebrochen. Er hat weitergelesen, um dir eine Chance zu geben, an deinem Manuskript zu wachsen und etwas aus dieser Erfahrung mitzunehmen. Freiwillig. Niemand hat ihn dafür bezahlt. Er selbst zieht daraus keinen Vorteil. Im Gegenteil, er muss fürchten, für seine ehrlich gemeinten Ratschläge selbst kritisiert oder beschimpft zu werden.

Konstruktive Leser, deren Tipps dich weiterbringen, sind selten. Verscheuch sie also nicht. Schätze sie wert, mehr noch als Fans, die an jedem deiner Worte hängen. Wenn sich jemand die Zeit nimmt, dir eine lange Rückmeldung zu schreiben, lass dich nicht von den Beschwerden blenden. Wir wollen alle nur helfen. Es ist an dir, die Hilfe anzunehmen oder nicht.

Durch das Self-Publishing und zahlreiche Schreibplattformen gibt es inzwischen viele Möglichkeiten, eine Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne dass sie vorher von Lektoren und Editoren auseinander genommen und ausgefeilt wurde. Das hat zur Folge, dass viele dieser Autoren ihre Geschichte für unantastbar halten. Kritik am Buch wird schnell als persönlicher Angriff aufgefasst.

Aber das ist sie nicht. Sie ist Kritik an deinem Werk, nicht an dir. Riesiger Unterschied. Wenn du diese Erkenntnis verinnerlicht hast, hast du einen großen Schritt in Richtung erfahrener Schreiber gemacht. Du hast Stufe 3 auf meiner Schreibleiter erklommen.

In meiner Erfahrung gibt es drei Phasen, die Schreiber durchlaufen:

  1. Du bist der König der Welt! Deine Geschichte ist perfekt und wer sich anmaßt, dir Kritikpunkte zu nennen, ist einfach nur neidisch oder hat selbst keine Ahnung.
  2. Du bist absolut unfähig. Du hast eingesehen, dass du noch ganz am Anfang stehst und möchtest am liebsten alles hinschmeißen. Niemand braucht deine Geschichten und du wirst es niemals bis ganz nach oben schaffen.
  3. Jede Kritik macht dich besser. Du kannst deine Fähigkeiten realistisch einschätzen. Du bist besser als einige andere, aber es gibt noch vieles, das du lernen und verbessern musst. Du wünschst dir ehrliche Kritik, weil sie dir hilft, deinen Horizont zu erweitern und deine Schwächen eine nach der anderen auszumerzen.

In diesem Sinne, herzlichen Glückwunsch! Jetzt geh und schreib jemandem eine ernst gemeinte Kritik. Mit etwas Glück wird er es dir danken.


Habt ihr negative/positive Erfahrungen mit den Rückmeldungen eurer Leser gemacht? Gibt es jemanden, dessen Meinung ihr schätzt, obwohl sie manchmal wehtut?

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9 Gedanken zu “Kritik schätzen lernen

  1. Ein sehr schöner Artikel. Ich z.B. gebe mir Mühe in meinen Kritiken immer zu schreiben, was mich stört, falls sich mal ein Autor oder Verlag auf meine Seite verirrt ^^. Wenn man bei Kritiken auch schreibt, was einem gefällt, sollte der Autor gar nichts dagegen haben.
    Kommentare ohne Begründung tun weh, da man nie weiß, was man fasch gemacht hat. Ich fange z.B. mit dem Schreiben für andere an. Natürlich ist meine Mutter, mein größter Fan, aber die wenigsten Meinungen von Freunden und Familie haben den nötigen Biss. So sind gute Testleser eine Rarität, da sollte man sich über jede Kritik freuen und versuchen die Kritik im nächsten Werk umzusetzen. Es ist kein Meister vom Himmel gefallen und auch Meister machen Fehler.

    P.S. Danke für dein Kommentar zu meiner Geschichte. Ich gebe mir Mühe meinen Stil zu verbessern ^^

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  2. Ich hatte am Anfang auch Probleme mit Kritik, aber irgendwann hat es Klick gemacht. Jetzt schreibe ich Kommentare so, wie ich sie gerne hätte: Mit ernst gemeintem Lob, aber eben auch mit einer Darstellung aller störenden Faktoren. Meist kann man als Autor damit mehr anfangen als mit einem „War voll toll.“ 😀 Nicht, dass ich mich darüber nicht freue, aber über Lob/Kritik mit direktem Bezug zum Text ist eben noch besser^^

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  3. Hey ho! 🙂
    Dein Artikel gefällt mir! Vor allem, da ich erst vor Kurzem mit Kritik konfrontiert wurde.
    Allerdings muss ich sagen, dass es tatsächlich Leute gibt, die nicht darauf aus sind, dir weiterzuhelfen. Sogenannte Rein-aus-Prinzip- oder Ich-finde-grundsätzlich-alles-beschissen-Hater. Nicht jeder macht sich Gedanken darüber, wie Kritik konstruktiv geschrieben wird, ohne dabei den Verfasser zu verletzen oder gar zu beleidigen. Manche Kritiker werden sogar unverschämt und ich sage: Man muss sich nicht alles gefallen lassen!
    Ich selbst gebe meist eher positive Kritik, da es für einen Autor auch wichtig ist zu wissen, was dem Leser besonders gut gefallen hat.
    In deinen 3 Phasen erkenne ich mich gleich wieder. Die wechseln sich bei mir jedoch des Öfteren mal ab. 😀
    Letztendlich muss einem bewusst sein, dass man im Internet -immer- auf Kritik stößt, ob gute oder schlechte.
    Dein Artikel hat mich auf jeden Fall über mein eigenes Verhalten nachdenken lassen und ich konnte ein paar wichtige Ansätze mitnehmen. Danke! 🙂

    LG
    deine j.s.k.

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    1. Diese Rein-aus-Prinzip Hater sind wirklich schlimm, aber zum Glück kann man sie auch sehr leicht identifizieren und dann dementsprechend die Kommentare und Kritik auch mit Vorsicht genießen. Aber zunächst schmettert es einen natürlich nieder, das ist ganz klar =/

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  4. Erstmal freut es mich, dass du den Artikel hilfreich fandest 😀 Wir alle können da immer noch ein bisschen mehr dazu lernen.
    Es gibt natürlich Menschen, die dir mit ihrer Kritik nur einen reinwürgen wollen und wenn das ganze dann noch unhöflich verpackt ist, regt das schnell auf. Aber selbst von solchen Kommentaren kann man etwas mitnehmen, denke ich. Wenn man die Unverschämtheit mal streicht, ist meist noch ein Kerngedanke da, wegen dem der Kommentar überhaupt verfasst wurde. Manchmal lohnt es sich, das nicht wegen des Tons direkt von der Hand zu weisen, sondern sein eigenes Werk mit kritischem Auge zu begutachten, auch wenn das so ziemlich das schwerste ist, was es gibt xD
    Was den Kommentar angeht, von dem du redest, kann ich das natürlich nicht beurteilen. Wo hast du ihn denn bekommen und was stand drin?

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    1. Hey 🙂
      Stimmt, das Thema Feedback verfolgt uns immerhin ein Leben lang. 😀
      Bei dem erwähnten Kommentar war ein Kerngedanke da (irgendwo ganz tief im Meeresboden vergraben), das stimmt. Allerdings so beleidigend verpackt, dass ich einfach die ganze „Kritik“ ignoriert habe, um nicht einen Ausraster zu bekommen. Es gibt nichts Schlimmeres als unfaire Kritik …
      Ich weiß nicht mehr konkret, was diese Person geschrieben hat (ist schon etwas her). Ich weiß nur, dass ich mir noch heute über die erwähnten Kritikpunkte Gedanken mache und auch beim Schreiben lieber zweimal über meinen Text nachdenke. Ob das gut ist? Manchmal verunsichert das eher, anstatt zu helfen, wenn du mich fragst. ^-^‘
      Aber ich gebe zu, dass ich sogar an dieser Art von Kritik gewachsen bin. Trotzdem war es keine angenehme Erfahrung, ich würde das niemandem wünschen. ._.

      LG
      deine j.s.k.

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  5. Verunsicherung an sich ist nicht schlecht 😀 Ich habe auch schon ein paar Kritiken abbekommen (die meisten von meinem besten Freund und Writerbuddy xD) und an manchen von denen hatte ich sehr zu nagen. Nicht, weil er gemein war, sondern weil ich im Nachhinein merkte, dass er Recht hatte.
    Seitdem gibt es viele Fallen, in die ich nicht mehr hineintappe und Fehler, die ich vermeide. Das heißt zwar, dass ich langsamer schreibe und meine eigene Arbeit viel kritischer sehe, was manchmal echt deprimierend ist, aber ich glaube auch, dass ich besser geworden bin und jetzt „kontrollierter“ schreibe, wenn du verstehst, was ich meine 😀
    Die Unsicherheit kommt und geht meiner Erfahrung nach in Schüben. Wenn du gerade das Gefühl hast, dass gar nichts mehr gut ist, heißt das nur, dass du besser darin geworden bist, deine eigenen Fehler zu sehen, obwohl du dich gleichzeitig verbesserst 🙂
    In diesem Sinne, weitermachen, Kopf hoch halten und selbstkritisch bleiben ^-^

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  6. Hey,
    cooler Artikel!
    Kritik begegnet uns ja wirklich bei vielen Dingen. Nicht nur beim Schreiben bekommen wir Kritik, sondern auch bei anderen Sachen. Da ich bis jetzt noch keine Kritik bekommen habe, zu meinem Buch (da dieses auch noch nicht existiert), kann ich nicht viel darüber sagen. Aber ich denke mal Kritik unterscheidet sich nicht wirklich.

    Es gibt halt verschiedene Gruppen von Menschen, die einen wollen mit ihrer Kritik dem Autor oder dem Künstler helfen, sich zu verbessern. Dann gibt es allerdings diejenigen, die behaupten sie könnten alles besser, haben aber überhaupt keine Ahnung von dem Ganzen und meinen nun ihren Senf abgeben zu müssen. Die Kritik muss noch nicht einmal böse gemeint sein. Zu guter Letzt haben wir dann diejenigen, die wohl neidisch sind oder extra harte Kritik abgeben, die schon zum Teil verletzend ist und auch teilweise gar keinen Sinn ergibt. Letztere Gruppe von Menschen, mag ich überhaupt nicht. Die geben nur harte und unfaire Kritik, weil die irgendwas haten wollen.

    Habe ich alles schon erlebt (bin Mediengestalter) und in dieser Branche gibt es leider viel zu viele, die überhaupt keinen Plan von der ganzen Thematik haben und dann meinen unfaire Kritik abgeben zu müssen. Ich denke mal das ist bei Büchern nicht anders. Finde die drei Phasen interessant die du aufgelistet hast.
    Ich denke mal die Phasen kann man überall übernehmen.

    Letztendlich jedoch muss man wieder aufstehen, weiter machen. Kritik die unfair ist, versuche ich meistens zu ignorieren, was ich sehr schwer finde und was mir meistens nicht gelingt. Faire Kritik, bei der man auch noch was lernen kann, sollte man sich zu Herzen nehmen.Diese hilft einem weiter.

    Aber niemals aufgeben!

    LG 😀

    Gefällt 2 Personen

  7. Hallo Shukon 😀

    Natürlich stimme ich dir zu, unhöfliche Kommentare müssen nicht sein. Das habe ich ja schon ausführlich mit Joanna besprochen. Trotzdem muss ich dazu sagen, dass die Sache mit dem „Ahnung haben“ schwer einzuschätzen ist. Ich sehe das leider oft (nicht unbedingt beim Schreiben, sondern vor allem in Sportarten).

    Oft fällt nach harter Kritik der Satz: „Du kannst es ja nicht besser“ oder auch „Du hast doch selbst keine Ahnung.“ Kann natürlich sein, ist aber häufig nicht so. Ein Trainer kann selten die Sportart besser ausführen als sein Schützling, aber das heißt nicht automatisch, dass er keine Ahnung hat. Er kennt die Theorie einfach besser und kann Fehler sehen, die der Sportler nicht bemerkt. Die Kritik klingt oft umso härter, weil der Trainer auf Feinheiten achtet, die andere nicht bemerken oder einfach nicht erwähnen, weil es eben nur Kleinigkeiten sind.

    Was bedeutet das jetzt für´s Schreiben? Jemand, der nie in seinem Leben ein Buch geschrieben hat, kann dir vielleicht nicht sagen, wie du es besser machen sollst, aber wenn derjenige belesen ist und sich in der Literatur auskennt, fällt es ihm nicht schwer, die Probleme zu erkennen oder zumindest sagen zu können: „Hör mal, irgendwas stört mich hier.“

    Was mir in diesem Artikel wichtig war, ist die Tatsache, dass Kritik meistens einen Ursprung hat. Sicher gibt es Hater, aber sie sind seltener, als man denkt und ich glaube, auch wenn jemand sich im Ton vergriffen hat, überheblich klingt oder einfach nur unhöflich und verletzend ist, ist seine Kritik dadurch nicht automatisch ungültig.

    In dem Moment, da wir unsere Arbeit veröffentlichen, hochladen oder einfach der Welt zugänglich machen, brauchen wir ein dickes Fell. Es gibt immer etwas zu verbessern, immer etwas, auf das negativ reagiert wird und es liegt an uns, aus allen Kommentaren die Essenz mitzunehmen, ohne die Worte auf uns persönlich zu projektieren. So sehe zumindest ich das^^
    Es freut mich, dass sich hier eine so angeregte Diskussion entwickelt hat. Haltet alle die Ohren steif 😀

    LG 😉

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