Daemon (5/5)

Ich vertraue Coon.

Ich bin erst seit wenigen Tagen an ihrer Seite, doch es fühlt sich an, als wäre ich schon ewig bei ihr gewesen. Ich kann Daddys Daemon nicht einschätzen. Bisher konnte Coon jeden Daemon mit Leichtigkeit besiegen, aber vor diesem hat sie Angst. Es ist egoistisch von mir, aber ich muss wissen, dass es Daddy gut geht, bevor ich endgültig verschwinde.

Alles verändert sich.

Ich lachte lauthals. „Nein. Nein, tut mir leid“, brachte ich schließlich heraus und holte mein Handy aus meiner Tasche. „Du gehst schön wieder nach Hause.“ Andrew lief rot an.

„Wenn du Samantha anrufen willst, ihr Telefon ist aus“, sagte er und ich hielt inne. „Sie steckt mitten in der Prüfung, schon vergessen?“

„Andrew“, sagte ich und sah ihm tief in die Augen. „Du hast keine Ahnung, worauf du dich hier einlässt. Und dass Sam dich geschickt hat, ist mehr ein schlechter Witz als alles andere.“

„Was kann schon passieren?“, fragte er und verschränkte die Arme. „Ich habe die berühmte Raccoon Thynlee an meiner Seite.“

„Diese berühmte Raccoon Thynlee hatte schon einmal mit diesem Daemon zu tun und hat damals kläglich versagt“, erwiderte ich kalt. „Und du bist die grünste Art von Rookie, die es gibt. Du kannst gegen Attrappen kämpfen, wenn man dir vor Beginn einen Countdown gibt. Du kannst Schlüssel auswendig aufsagen und vielleicht gehörst du sogar zu den wenigen, die vorher keine drei Minuten überlegen müssen. Glaub mir, eine echte Exzision ist ein ganz anderes Kaliber.“

„Sie tun so, als wäre ich ein totaler Vollidiot“, murmelte Andrew. Seine gute Laune war verflogen. Gut so.

„Ich bezweifle nicht, dass du Potenzial hast“, sagte ich. „Aber lass es dir von einer Veteranin gesagt sein: Die erste Exzision nach der Prüfung endet immer in einer Katastrophe. Dir fehlt die Routine. Dein Mentor kann nur darauf hoffen, dass du dir weder in die Hose machst, noch schreiend davonrennst und alle Beteiligten in Lebensgefahr bringst.“

„Sie übertreiben.“

„Nicht im Geringsten.“

Unsere Blicke trafen sich und wir starrten einander fast eine ganze Minute an, bevor Andrew wegsah. Ich lächelte grimmig.

>Wäre es wirklich so schlimm?

Ida schwirrte mit gerunzelter Stirn um Andrew herum, der unter ihrem Blick ein wenig zusammenschrumpfte.

„Schlimmer“, sagte ich. „Ich will dich wirklich nicht schikanieren, Andrew, aber derzeit bist du nur ein Risiko. Wenn ich mich nicht auf den Daemon konzentrieren kann, weil ich nicht sicher bin, ob du deine Schlüssel noch weißt, dann sind wir alle in Rekordzeit tot.“

Er biss sich auf die Lippen.

„Ida, wir gehen hoch“, sagte ich und als ich an Andrew vorbeiging, klopfte ich ihm auf die Schulter. „Nimm es nicht so schwer. Wir alle haben klein angefangen.“ Dann klingelte ich wahllos in verschiedenen Wohnungen, bis ein Sirren ertönte. Ich trat ein.

Ida schwirrte fünf Treppen hinauf, bis sie vor einer Tür in der Luft schweben blieb. Sie war dunkler geworden.

>Hier.

„Dann mal los“, murmelte ich und legte ein Ohr an die Tür. Von innen konnte ich langsame Schritte hören. Dielen knarzten. Die Geräusche kamen näher.

Ich klopfte.

Ida sah mich verwirrt an, aber ich hielt einen Finger an meine Lippen und nickte ihr stumm zu. Sie zog die Stirn kraus, flog jedoch gehorsam auf meine linke Seite. Von innen hörte ich eine Stimme. Sie war heiser. Tief.

„Ich bin hier, Daemon“, sagte ich, meine Wange an die Tür gelegt.

Ein leises Kreischen. Die Schritte kamen wieder näher und ich machte einen Schritt von der Tür weg. Als ich die Augen zusammenkniff, entdeckte ich einige gelbe Spuren um die Tür und auf dem Fußboden. Sie waren so blass, dass ich sie fast übersehen hätte. Idas Vater hatte die Wohnung seit seiner Bewirtung nicht verlassen.

Das Schloss klickte und ich hob beide Hände, bereit, meine Schlüssel aufzusagen, aber die Tür öffnete sich nur einen schmalen Spalt. Finger umklammerten die Kante. Verschwanden wieder.

Ich nickte Ida zu, die nach vorne schwebte und vorsichtig in die Wohnung lugte. Sie sah zu mir, nickte und verschwand im Inneren. Ich folgte ihr.

Der Dielenboden quietschte unter meinen Boots und ich sah mich rasch um. Schmaler Flur, offener Wohnbereich, kleine Küche, zwei verschlossene Türen. Weiße Wände, so dicht mit gelben Spuren bedeckt, dass mir schwindelig wurde.

Ida schwebte bereits neben dem Durchgang zum Wohnzimmer. Ihr Blick war starr hinein gerichtet.

>Daddy.

Ich folgte ihr. Idas Vater war älter als erwartet, sein Haar gesprenkelt vom Grau des Alters und seine rotumrandeten Augen schauten mich aus eingefallenen Höhlen an. Wirt zu sein kostete viel Kraft. Ich bezweifelte, dass der Daemon sich um eine ausgewogene Ernährung gekümmert hatte.

„Ich kenne dich…“, sagte der Mann langsam und deutete mit einem zittrigen Finger auf mich. Dann grinste er breit und für einen Moment leuchteten seine Augen mir in einem grellen Gelb entgegen.

„Ida, halt ihn fest“, murmelte ich und hob meine Hände.

Ida nickte entschlossen. Ihr Vater machte einen Schritt auf uns zu, streckte einen Arm aus und kreischte. Ida schoss nach vorne und in ihn hinein. Ich erwartete, dass er wie Joeys Türsteher gelähmt zu Boden gehen würde, doch Ida war kaum mit dem Kopf in seiner Brust, da wurde sie aus seinem Körper herausgeschleudert und überschlug sich mehrmals in der Luft, bevor sie sich wieder fing, halb in der Wand hängend.

Sie zischte.

„Relictus“, sagte ich laut, bevor Idas Vater angreifen konnte. Er schüttelte sich, als hätte ich ihn mit kaltem Wasser nass gespritzt, blieb sonst jedoch völlig unbeeindruckt.

Gottverdammte Scheiße. Er war noch stärker als vor einem Jahr.

„Ida, du musst ihn verdrängen“, befahl ich. Sie tauchte augenblicklich neben mir auf, schwärzer denn je. „Deine Masse ist geringer als seine, aber wir sind zu zweit. Los!“

Ida fauchte und schoss erneut auf ihren Vater zu, während ich den Austreibungsschlüssel wiederholte, dieses Mal lauter. Meine gekreuzten Handflächen waren direkt auf seine Brust gerichtet.

Wieder dauerte es nur wenige Sekunden, bevor Ida an mir vorbeigeschleudert wurde und sich mehrfach überschlug. Entschlossen startete sie einen neuen Versuch.

„Relictus!“, rief ich, genau in dem Moment, da Ida ihren Kopf in der Brust ihres Vaters versenkte. Der Daemon ließ einen tiefen, genervten Schrei los, aber wie erwartet konnte er sich nicht vor beiden Angriffen gleichermaßen schützen.

Ida verschwand bis zu den Schultern in ihrem Vater und er riss den Kopf nach hinten. Schwarzer Rauch strömte aus seinem weitgeöffneten Mund, wurde im nächsten Moment jedoch wieder gierig aufgesogen. Ida kämpfte gegen den Daemon an, aber sie war zu schwach. Als sie wieder an mir vorbeiflog, biss ich mir auf die Lippen.

Wenn es schon so schwierig war, den Daemon von seinem Wirt zu trennen, wollte ich nicht wissen, wie die Exzision laufen würde.

Hinter mir knarzten die Flurdielen und ich fluchte leise. Ich hatte vergessen, die Eingangstür zu schließen.

„Hunter im Einsatz, bitte verlassen Sie sofort die Wohnung, sonst kann ich nicht für Ihre Sicherheit garantieren!“, sagte ich mit lauter Stimme, während Ida sich ein weiteres Mal auf ihren Vater stürzte. Dieses Mal schoss sie mehrmals um ihn herum, bevor sie ihn von hinten attackierte.

„Keine Sorge“, ertönte eine Stimme hinter mir und ich stöhnte. „Sie müssen für nichts garantieren. Ich bin freiwillig hier.“

„Andrew. Hau. Sofort. Ab.“ Ida wurde zur Seite katapultiert und flog durch den Bücherschrank hindurch. Sie zischte, als ihre Masse durch das Holz gequetscht wurde.

„Sie brauchen meine Hilfe“, sagte Andrew und bezog neben mir Stellung.

„Falsch“, sagte ich kalt. „Relictus. Ich brauche erfahrene Hilfe.“

„Ihre Auswahlmöglichkeiten sind leider etwas beschränkt“, erwiderte er und hob seine Arme.

„Ich werde dich nicht beschützen“, flüsterte ich bedrohlich, ohne ihn anzusehen. „Wenn er dich angreift, bist du auf dich allein gestellt.“

„Ich bin der Beste aus meinem Jahrgang. Samantha sagt, ich habe das größte Potential, das sie seit Beginn ihrer Karriere gesehen hat.“

„Relictus“, sagte ich laut und der Wirt krümmte sich, dann machte er einen Schritt nach vorne. Ida war sofort zur Stelle. Auch wenn sie es nicht schaffte, den Daemon aus ihrem Vater zu verdrängen, hielt sie ihn immerhin davon ab, uns zu nahe zu kommen. „Dann zeig mal, was du kannst, Superhirn.“

„Relictus“, sagte Andrew laut. Idas Vater sah ihn breit grinsend an. „Relictus.“ seine Stimme wurde panischer, als er keine Reaktion hervorrief.

„Ziel nicht auf seinen Kopf“, sagte ich und fügte ein Relictus hinzu. Dieses Mal machte der Daemon einen Schritt nach hinten und zischte. „Der Daemon sitzt im Brustkorb.“

Ida zwängte sich aus dem Bücherregal. Sie war schwarz wie die Nacht und ihre Formen begannen bereits, sich aufzulösen.

Gottverdammte Scheiße.

„Relictus“, wiederholte Andrew frustriert. Dieses Mal waren seine Hände auf die Brust gerichtet.

„Relictus“, verbesserte ich ihn genervt. Wie zur Hölle hatte er die Prüfung bestanden? Ich hatte keine Zeit, ihm Nachhilfe zu geben!

Ida schüttelte sich, schoss an die Decke und preschte von oben auf ihren Vater zu. Im letzten Moment riss sie ihre schlierige Form zur Seite und durchbrach zum ersten Mal die Barriere des Daemons. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte sie sich in ihren Vater gepresst, bis nur noch ihre Beine aus ihm herausragten.

Andrew verzog das Gesicht.

„Auf drei“, sagte ich. „Eins, zwei, drei!“

„Relictus!“, riefen wir beide gleichzeitig, gerade in dem Moment, da Ida vollends in ihrem Vater verschwand. Sie füllte ihn von innen aus. Der Schrei des Wirts rang in meinen Ohren wieder und ich kniff ein Auge zu. Idas Vater riss den Kopf nach hinten und eine schwarze Rauchsäule brach aus dem weitgeöffneten Mund hervor. Sie war dichter und länger als ich erwartet hatte und als der Daemon sich schließlich vor uns materialisierte, musste ich schlucken.

Gelber Geifer tropfte von den schwarzen, fingerlangen Zähnen und ebenfalls gelbe, faustgroße Augen blinzelten mich hasserfüllt an.

Der Daemon war mit Leichtigkeit größer als die meisten Pferde und tänzelte auf allen Vieren hin und her. Wann immer er gelb pulsierte, erfüllte das Licht den gesamten Raum. Idas Vater war wie ein nasser Sack zu Boden gefallen und lag bewusstlos neben einem Sessel.

Andrew machte einen Schritt zurück und der Daemon riss den kantigen Kopf herum, seine lidlosen Augen auf ihn gerichtet. Dann machte er einen Schritt in unsere Richtung. Das Holz der Dielen zerbarst unter seinen Klauen.

Der Daemon fauchte, riss das Maul weit auf und machte einen Satz nach vorne. Andrew stand wie erstarrt.

„Haesitare, Mori, Sidere!“, schrie ich laut und die Kraft der Worte durchfuhr mich wie ein elektrischer Schock. Als hätte die Schwerkraft mit einem Mal zugenommen, wurde der Daemon zu Boden gerissen und blieb alle Viere von sich gestreckt liegen, bevor er die Zähne bleckte und sich aus meinem Muster riss. „Occidere, Mori.“ Schwarzer Rauch stieg von seinem Körper auf und verdichtete sich über ihm. Als der Nebel sich lichtete, entdeckte ich Ida, die wie ein Rachegeist über ihm schwebte, ihre Augen schwarze, blanke Spiegel.

„Ida, beschäftige ihn, Andrew, Fixierungsschlüssel Kat4 und 5, Dauerbeschuss, ich übernehme den Rest. Los!“

>Geht klar.

Ich warf Andrew einen flüchtigen Blick zu. Seine Augen waren aufgerissen, seine halbgeöffneten Lippen zitterten.

„Andrew!“, fauchte ich und er riss den Kopf herum. Panische Augen starrten mich an. „Entweder du haust ab oder du machst dich verdammt nochmal nützlich!“

Ida stürzte sich auf den Daemon, der den Kopf herumriss und nach ihr schlug, aber sie wich rechtzeitig aus und attackierte ihn von der anderen Seite.

„Decedere, Occidere, Mori!“, rief ich und verringerte die Größe des leeren Dreiecks zwischen meinen Händen, um den Fokus auf den Daemon zu verstärken, der jetzt über den Boden schlitterte und Ida verfolgte, seine gelben Glubschaugen weit aufgerissen. Ida schoss durch die Luft, schlug Haken und rammte ihn wieder und wieder.

„Occidere, Mori“, sagte ich erneut und warf einen weiteren Blick zu Andrew. Er starrte regungslos auf das Geschehen. Genau deshalb hatte ich ihn weggeschickt.

Während ich einen Schwächungsschlüssel nach dem anderen aufsagte, beobachtete ich den Daemon mit hin und her huschenden Augen. Idas Ablenkungsmanöver war einfach, aber effektiv. Wann immer der Daemon sich mir und Andrew zuwendete, griff sie ihn an oder riss ihn zurück. In manchen Momenten waren sie so dicht ineinander verkeilt, dass ich nicht mehr wusste, wo Ida anfing und der Daemon aufhörte.

Das machte das Zielen nicht leichter, aber ich war froh, mich auf die Schwächung konzentrieren zu können. Je weniger Energie ich auf die Fixierung verwenden musste, umso schneller konnte ich den Daemon exzidieren. Ich wusste aus Erfahrung, dass meine Schmerzgrenze bei ungefähr fünfundzwanzig Minuten lag. Vielleicht schaffte ich dreißig. Danach war ich so gut wie tot.

Ida flog an mir vorbei und landete mit einem lauten Schrei in der Wand hinter mir. Ich riss den Kopf zu ihr herum.

>Pass auf!

Mein Herz setzte einen Schlag aus, nur um doppelt so stark weiterzuschlagen, als ich mich hektisch wieder dem Daemon zuwandte. Er raste auf mich zu.

„Protectio!“

„Sidere!“

Der Daemon blieb mitten in der Bewegung stehen, seine Masse inzwischen auf die Größe einer Dogge geschrumpft. Mein Verteidigungsschlüssel umhüllte mich wie ein Schleier aus warmem Wasser. Ich drehte den Kopf.

Andrews Hände waren erhoben, er keuchte und seine Augen waren weit aufgerissen. Ich nickte ihm zu.

„Willkommen zurück.“ sagte ich, dann sah ich wieder zu dem Daemon.

„Mori.“

„Sidere.“


Ich sah Gelb.

Gelbe Augen, gelbe Fußspuren, die den gesamten Raum bedeckten und gelber Speichel, der auf meinem blauen Mantel klebte. Ich zitterte.

Der Daemon hatte sich aufgerichtet und sein schwarzes Gesicht war meinem so nahe, dass ich meine Reflektion in seinen runden Augen erkennen konnte. Meine Kehle war trocken und rau, meine Zunge taub und mein Kopf dröhnte.

Die Exzision dauerte seit über fünfzehn Minuten an und ich spürte die Konsequenzen, die sie auf meinen Körper hatte. Meine Arme hingen seitlich von meinem Körper. Mit einem Daemon, der direkt vor mir stand, wagte ich nicht, ihm noch mehr Angriffsfläche zu geben.

Idas Arme waren um seinen kurzen Hals geschlungen und sie fauchte und zischte, während sie ihn davon abhielt, mir an die Kehle zu springen, während Andrew versuchte, einen weiteren Fixierungsschlüssel aufzusagen.

Stattdessen würgte er und sah geschockt dabei zu, wie Blut von seinem Kinn zu Boden tropfte.

„Protectio“, sagte ich, meine malträtierte Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

>Ich kann ihn nicht mehr lange halten.

Ich nickte, machte vorsichtig einen Schritt nach hinten. Fünf Sekunden waren um.

„Protectio“, wiederholte ich. Ich machte noch einen Schritt nach hinten. Andrew folgte meinem Beispiel und gemeinsam vergrößerten wir den Abstand um einen Meter. Dann trafen unsere Rücken die Wand.

Ich hob wieder meine Arme und nickte Andrew zu. „Lass los“, sagte ich zu Ida, die erleichtert ihren Griff löste.

„Haesitare, Sidere!“, riefen Andrew und ich gleichzeitig mit brüchiger Stimme und der Daemon wurde mit einem lauten Knall zu Boden gerissen, wo er bebend liegen blieb. Seine gelben Augen leuchteten mir voller Hass entgegen. Andrew hustete und spuckte Blut auf die Holzdielen.

„Wie lange hältst du noch durch?“, fragte ich Andrew heiser, bevor ich einen weiteren Fixierungsschlüssel aufsagte. Der Daemon war noch genauso groß wie vorher, aber sein Körper war mager und eingefallen.

Andrew schüttelte den Kopf. Er konnte nicht mehr sprechen. Gottverdammte Scheiße.

Ich holte tief Luft.

„Ida, halt ihn da unten fest“, wisperte ich. „Ich beende das jetzt.“

>Verlass dich auf mich.

Ich positionierte meine Hände neu und öffnete ich meinen Mund. Ich hatte noch nie ein Exzisionsmuster von der Größe benutzt, wie ich jetzt vorhatte. Und ich wusste nicht, ob mein Körper es noch verkraften konnte. Aber ich wusste eins: Wenn ich den Daemon wieder entkommen ließ, würde er unbesiegbar werden. Ida schoss auf den Daemon hinab und klammerte sich an ihm fest. Ihre Masse war so schwarz wie die ihres Gegners, trotzdem blieb sie ein Dae. Es war bemerkenswert.

„Abire, Deficere, Decedere, Occidere, Mori“, begann ich. Meine Stimme brach, aber ich machte einen Schritt nach vorne und machte weiter. Ich konnte jetzt nicht aufgeben. Solange meine Stimme nicht versagte, hatte ich genug Kraft, um zu gewinnen.

„Deficere, Decedere, Occidere, Mori. Decedere, Occidere, Mori.“ Der Daemon kreischte und wand sich aus Idas Griff, die sofort fauchte und ihre Zähne in seinem Genick vergrub. Während die Beiden rangelten, machte ich einen weiteren Schritt. „Occidere, Mori. Mori. Occidere, Mori.“

Ich hustete. Das Blut in meinem Mund schmeckte nach alten Münzen. Ich hatte keine Zeit mehr. „Decedere, Occidere, Mori. Deficere, Decedere, Occidere, Mori. Abire, Deficere, Decedere, Occi—“

Ich brach ab und packte meine Kehle. Mein Hals schien in Flammen zu stehen und ich öffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Ich beugte mich vornüber, sank auf meine Knie. „Occi… Occ…“

Es ging nicht.

„Occidere, Mori“, sagte Andrew und beendete mein Muster mit kaputter Stimme.

Der Schrei des Daemons ließ Ida zusammenfahren. Sie ließ ihn los.

Statt uns anzugreifen, packte der Daemon seinen Kopf und kreischte, seine Krallen bohrten sich in seine eigene pechschwarze Masse, die gelben Augen traten aus seinem Körper hervor. Schwarzer Rauch stieg von ihm auf, erst von seinen Pranken und Gliedmaßen, dann von seinem Rücken, seinem Gesicht und schließlich sogar aus seinem weit aufgerissenen Maul.

Innerhalb von Sekunden war das gesamte Wohnzimmer mit schwarzen, undurchdringlichen Rauchschwaden durchzogen.

Ich starrte in die Finsternis.

Eine schwarze Klaue schoss auf mein Gesicht zu, aber ich riss den Kopf zur Seite, packte an dem Arm vorbei mitten in den Rauch und als ich ein Glubschauge unter meinen Fingern spürte, packte ich zu. Meine Hand sank ein Stück in die kalte Masse ein und meine Finger wurden taub, aber ich ließ nicht locker.

„Obitus, Mors.“

Der Klang meiner Stimme erreichte kaum Andrew, der direkt neben mir saß, aber das Kreischen des Daemons vervielfachte sich, bis die Masse in meinen Händen zerfiel und die schwarzen Rauchschwaden sich so sehr verdichteten, dass ich nach Luft ringen musste.

Mehrere Minuten lang saß ich inmitten der Überreste des stärksten Daemons, gegen den ich je gekämpft hatte. Nach und nach verflüchtigte sich der Rauch und ich konnte wieder sehen. Der Daemon war verschwunden, Idas Vater und Andrew lagen bewusstlos auf dem Boden und Ida schwirrte auf mich zu, kaum dass sie mich wieder sehen konnte.

Sie war weiß wie frischgefallener Schnee.


Es ist vorbei.

Coon sieht mich mit glasigen Augen an. Ich glaube, sie kann nicht fassen, dass wir es geschafft haben. Sie wirkt verwirrt. Ich drehe mich zu Daddy um. Er schläft. Was wird er sagen, wenn er erfährt, dass ich tot bin? Ich schaue wieder zu Coon. Warum guckt sie so komisch?

Oh.

>Sollte ich jetzt gehen?

Ich sah Ida lange an. Sie war weiß, aber ich konnte noch genauso wenig durch sie hindurch sehen, wie beim ersten Mal. Warum?

Ida hatte sich an mich gebunden, weil sie ihren Vater retten wollte. Der Daemon war exzidiert. Trotzdem verschwand sie nicht.

Ich öffnete den Mund, aber außer einem heiseren Husten brachte ich keinen Ton hervor. Meine Schädeldecke fühlte sich an, als wäre dort jemand mit einem Schlagbohrer zugange und meine Sicht verschwamm immer wieder. Ich blinzelte.

Ida schien zu verstehen, denn sie sank zu mir herab und legte ihre weißen Hände auf meine.

>Ich will nicht verschwinden, Coon. Ich will bei dir bleiben.

Verständnislos sah ich sie an.

>Wenn ich bei dir bin, fühle ich mich lebendig. Ich will nicht sterben. Ich will das nicht verlieren. Ich hab dich lieb, Coon. Bitte schick mich nicht weg.

Während ich schwieg, wurde Ida graduell grauer, aber sie hielt meinen Blick.

>Ich bin doch dein Partner. Oder nicht?

Ich schloss für einen Moment die Augen, dann lächelte ich und sah Ida an. Ihre Züge hellten sich augenblicklich auf. Ich wollte etwas sagen, aber meine Stimme versagte, also breitete ich als Antwort meine Arme aus.

Ida ließ sich in meine Umarmung fallen, auch wenn ihre Masse sich völlig verflüchtigt hatte und sie beinahe durch mich hindurchfiel.

„Willkommen im Team, Partner…“, murmelte ich tonlos. Ich war nicht sicher, ob Ida mich gehört hatte, aber es war mir egal.


Es dauerte eine ganze Weile, bis mein Körper sich von dem ersten Exzisionsschock erholt hatte. Meine Stimme kehrte langsam zurück und das Brennen in meiner Kehle wurde durch das Wasser beruhigt, das ich mir aus der Küche genommen und dann neben mich gestellt hatte, während ich regungslos an der Wand lehnte.

>Andrew scheint es besser zu gehen.

Ida schwirrte um seinen bewusstlosen Körper und stupste seine Wange mit einem hellgrauen Zeh an.

„Gut“, sagte ich tonlos. „Sollen wir warten, bis dein Vater aufwacht?“

Sie legte den Kopf schief und dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte sie den Kopf.

>Ich bin tot.

„Vielleicht würde er es besser verkraften, wenn er weiß, dass du noch hier bist.“

>Vielleicht. Aber wir haben keine Zeit.

Sie sah mich ernst an.

>Harry sucht sicher schon nach dir.

„Hoffentlich nicht“, murmelte ich und rieb mir die Augen. Wände und Fußboden des Wohnzimmers waren mit neongelben Spuren übersäht und bereiteten mir Kopfschmerzen. Ida hatte Recht, das wusste ich. Je schneller wir aus dem Distrikt verschwanden, umso sicherer waren wir.

„Dann sollten wir jetzt gehen“, sagte ich und Ida sah fragend zu Andrew. „Der wacht vorerst nicht auf. Das war seine erste richtige Exzision und er hat—“ Ich brach ab und hustete. „—sich überanstrengt“, beendete ich den Satz und stand auf. Ich holte das Handy aus meiner Manteltasche und schrieb Sam eine knappe SMS. Ida tauchte hinter mir auf und spähte neugierig über meine Schulter.

„Komm“, flüsterte ich. Ich steckte meine Hände in meine Manteltaschen und gemeinsam mit Ida verließ ich ihr ehemaliges Zuhause. Während wir die Treppen hinunterstiegen, beobachtete ich sie genau, aber sie zeigte keine Anzeichen von Bedauern. Sie liebte ihren Vater. Warum war er ihr plötzlich so gleichgültig?

Ida schwirrte an mir vorbei und begann, rückwärts vor mir herzufliegen, die Hände hinter ihrem Rücken verschränkt.

>Was tun wir jetzt?

„Wir fahren zurück ins Hotelzimmer, holen—“ Ein weiterer Hustenreiz unterbrach mich, aber er war nicht so schlimm wie der erste. „Dann holen wir meine Sachen und nehmen den nächsten Zug, der uns hier rausbringt.“

>Und dann?

„Mal sehen.“

Den Rest des Treppenhauses legten wir in Stille zurück.

Als wir das Wohnhaus verließen, wehte mir eine frische Brise ins Gesicht. Es schneite nicht mehr und außer einer dünnen Flockendecke war die Straße frei. Ich wandte mich nach rechts. Die U-Bahn-Station lag nur wenige Minuten von hier entfernt. Die Straßen waren leer, außer uns und einem Mann war keine Menschenseele unterwegs.

Ida schwirrte einige Meter vor mir her, nur um blitzschnell wieder an meine Seite zu schießen und dann ihren Abstand wieder zu vergrößern. Plötzlich blieb sie jedoch in der Luft hängen und bewegte sich keinen Zentimeter mehr. Der Mann war nur noch zwanzig Meter entfernt und sie schaute starr in seine Richtung.

>Er kann mich sehen.

„Der Mann?“, flüsterte ich zurück.

>Seine Augen folgen mir schon die ganze Zeit.

„Vielleicht ist er ein Hunter.“ Er war nur noch zehn Meter entfernt. Meine Augen kribbelten und ich blinzelte mehrmals. Dann erkannte ich die Pistole in seinem Hosenbund.

Fuck.

„Weg hier“, zischte ich und drehte mich blitzschnell um, nur um in den Armen eines weiteren Mannes zu landen, der über mir emporragte und meine Handgelenke mit eisernem Griff packte.

Warum konnte nicht einmal alles nach Plan laufen?

Ich versuchte, mich loszureißen, aber ich war immer noch geschwächt von der Exzision und selbst unter normalen Umständen hätte ich wahrscheinlich keine Chance gehabt. Sein Partner tauchte hinter mir auf und presste ein getränktes Stofftaschentuch über mein Gesicht. Der stechende Geruch von Chlorophorm füllte meine Nase. Idas Fauchen hallte in meinen Ohren wieder, bevor die Welt vor meinen Augen verschwamm.


„Raccoon.“

Mein Kopf lallte von einer Seite zur anderen, während ich versuchte, mein Erwachen zu beschleunigen. „Du bist also wach.“ Harrys kalte, berechnende Stimme war nur wenige Meter von mir entfernt.

>Coon!

Ich öffnete meine Augen einen Spalt und entdeckte Ida, die schwarz wie Ruß vor meinem Gesicht schwebte. Erleichterung spiegelte sich in ihren Zügen wieder, aber auch Angst. Ich versuchte, meine Hände zu bewegen, aber Handschellen hielten mich zurück. Hanfseil schnitt die Blutzufuhr zu meinen Füßen ab, wo es meine Waden an die Stuhlbeine schnürte.

Ich sah an Ida vorbei zu Harry, der wie üblich in Anzug und mit Zigarre am anderen Ende des schwach beleuchteten Kellerraums stand. Er sah mich abwägend an.

„Du wirst bemerkt haben, dass meine Agenten dich hierher gebracht und bewegungsunfähig gemacht haben. Ich hatte nicht vor, dich zu töten, aber du hast mich enttarnt, bevor mein Auftrag erfüllt war. Du lässt mir keine Wahl. Ich hoffe, du nimmst es nicht persönlich.“

„Fucker“, zischte ich, aber Harry verzog keine Miene.

„Diese Welt ist auf Geld gebaut“, sagte er und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre. „Wer stattdessen auf Vertrauen und Loyalität setzt, muss mit den Konsequenzen rechnen, wie du selbst so schön gesagt hast. Ich werde mich nicht rechtfertigen, Raccoon, aber ich muss dir sagen, dass deine Fehler mich sehr amüsiert haben. Deinen Laptop für die Recherche nutzen? Wirklich? Ich hatte dich intelligenter eingeschätzt, das muss ich zugeben.“

Er schüttelte den Kopf. „Wenn ich jemanden im Augen habe, dann meine ich das wörtlich. Deine Wohnung und dein Laptop sind verwanzt. Es war nicht schwer, anhand deiner Chronik deinen gesamten Gedankengang nachzuvollziehen. Vielleicht hätte ich dich sogar einfach fliehen lassen, aber so wie die Dinge stehen, kann ich den Auftrag nicht riskieren.“

Hinter mir klickte es und ich spürte kaltes, rundes Metall, das sich gegen meine Schläfe presste.

>Lass sie los!

Ida schoss an mir vorbei und ich hörte das Ächzen des Mannes, als sie durch ihn hindurchflog.

„Faszinierend“, sagte Harry unbeeindruckt, als das Metall sich von meinem Kopf löste. „Leider ist dein Dae allein.“ Mit diesen Worten tauchte der zweite Mann aus den Schatten auf, ebenfalls eine Pistole mit Schalldämpfer auf mich gerichtet.

Ich riss an meinen Fesseln, aber die Handschellen gaben kein Stück nach. Als der zweite Mann seine Waffe entriegelte, stieg Panik in meiner Kehle auf und verzweifelt warf ich mich hin und her. Der erste Schuss fiel, aber ich kippte gerade noch rechtzeitig zur Seite, um der Kugel zu entgehen. Der Mann schnalzte mit der Zunge, dann zielte er neu. Ich lag seitlich auf dem Steinboden. Keine Fluchtmöglichkeiten. Ida schrie und fauchte, während sie an mir vorbeischoss und auf Harrys Spion zuraste. Der Schuss fiel—Holz zersplitterte. Ida hatte seine Sicht verdeckt und den Schuss abgelenkt.

Ich atmete lange und tief ein, Gedanken rasten durch meinen Kopf. Ich musste irgendwie abhauen. Es musste einen Weg geben!

Der Spion sackte keuchend zusammen, als Ida durch ihn hindurchschoss, aber hinter mir sammelte sich Harrys zweiter Mann bereits. Es war aus.

Eine Tür über uns knarzte und ein langer Lichtstrahl erleuchtete die Treppe und Teile der Wände. Ein großer, schwarzer Schatten tauchte im Lichtschein auf und ich verrenkte meinen Kopf, um denjenigen zu sehen, der ihn warf.

Ich traute meinen Augen nicht.

„Hallo Äuglein“, sagte Paige und ächzte, als sie die Treppe hinunterstieg. Mit einem Arm hielt sie Joeys Hals umklammert, der würgte und nach Luft rang, während ihre freie Hand einen Revolver festhielt. Sie ließ den Blick über alle Anwesenden gleiten und hob die Waffe.

Die Kugel schoss an mir vorbei und das Poltern hinter mir bestätigte den Tod des ersten Spions. Den Zweiten hielt weiterhin Ida in der Mangel.

„Danke für die Wegbeschreibung“, sagte Paige und stieß Joey von sich weg, der die Stufen hinunter stolperte und schließlich zu Boden stürzte.

Die zweite Kugel ihres Revolvers durchbohrte seinen Schädel. Blut spritzte zu Boden und auf Harrys Hosenbeine. Er verzog das Gesicht.

„War es schon immer deine Art, dich in Angelegenheiten anderer einzumischen?“, fragte er und zog ein letztes Mal an seiner halb aufgerauchten Zigarre, bevor er sie zu Boden fallen ließ. „Du hast meinen Auftraggeber erschossen. Er schuldet mir noch Geld.“

„Oh, wirklich?“ Paige beugte sich etwas nach vorne, um an ihrem Bauch vorbei auf die Stufen unter sich zu schauen, bevor sie den Treppenabstieg in Angriff nahm. „Mein Fehler.“

„Meinen Anzug hast du auch ruiniert.“ Er seufzte. „Ich dachte, wir könnten diese Angelegenheit zivilisiert lösen. Ich scheine mich geirrt zu haben.“

„Oh, wir können das immer noch zivilisiert regeln. Meinst du nicht auch, Thynlee?“

„Wenn mich jemand losmacht, löse ich die Angelegenheit gerne zivilisiert“, fauchte ich und versuchte, mich loszumachen, aber keine Chance.

„Das muss wohl noch warten“, sagte Paige und richtete ihren Revolver auf Harrys zweiten Mann, der von Ida festgehalten wurde. Ihr schwarzer Körper war halb in seinem versunken und Schweiß tropfte sein Kinn herab, während er fieberhaft nach seiner Brust tastete.

Der Schuss hallte im Keller wider und Ida schoss an meine Seite, als der Agent tot zu Boden sackte, die Augen weit aufgerissen.

Sie zischte leise.

>Wird sie Harry auch umbringen?

Ich sah zu ihr. „Willst du das?“

>Ich weiß nicht. Aber er will dich töten.

Ich nickte.

„Das war deine dritte Kugel“, sagte Harry und steckte eine Hand in seine Hosentasche. Ich kniff die Augen zusammen, versuchte zu erkennen, was er tat. „Bleiben noch drei.“

„Ich brauche nur eine.“

„Wirklich?“ Er lächelte. „Das würde ich zu gerne sehen.“

Im Stockwerk über uns klingelte ein Handy. Rufe wurden laut. Polternde Schritte. Paige drehte sich um und ich verrenkte den Kopf, um die Tür am oberen Ende der Treppe erkennen zu können. Einer nach dem anderen strömten Männer und einige Frauen in den Keller, alle in Anzügen und Krawatte gekleidet. Es waren acht.

Ich schluckte.

>So viele!

„Das sieht übel aus“, flüsterte ich zurück. „Paige hat nicht genug Kugeln.“

„Was wirst du jetzt tun?“ fragte Harry, während sich vier der Agenten dicht um ihn scharten, um ihn vor etwaigen Angriffen schützten. „Vergib mir die Vermutung, aber du scheinst nicht für körperliche Konflikte gebaut zu sein.“

„Charmant formuliert, Harry“, erwiderte Paige mit einem steifen Lächeln. „Du darfst mir mal einen Martini ausgeben.“

„Mit dem größten Vergnügen.“

>Coon? Sind das die Bösen?

Mein Blick huschte zu Ida zurück. „Warum fragst du?“

>Wenn sie die Bösen sind, darf man sie töten, oder?

„Was hast du— Nein, Ida, lass es sein!“

Sie drehte den Kopf und lächelte mich entschuldigend an.

Dann verlor sie ihre Konturen und sank auf allen Vieren zu Boden. Licht pulsierte von ihrem Körper und als sie die Augen aufschlug, waren sie groß und genauso gelb wie die eines jeden Daemons.

„Nein…“, flüsterte ich. All die Mühe, um Ida vor diesem Schicksal zu bewahren, und jetzt das?

Das Grau ihres Körpers war endloser Schwärze gewichen. Sie setzte einen Arm nach vorne, drehte sich langsam zu mir um. Gottverdammte Scheiße, ich musste sie exzidieren. Aber ich konnte meine Hände nicht bewegen. Und ich konnte nicht Ida exzidieren!

Unsere Blicke trafen sich. Ich erwartete, die stumpfe Mordlust eines Daemons darin zu sehen, aber ich konnte nur Entschlossenheit erkennen. Ich kniff die Augen zusammen. Ja, da war sie. Ida war noch irgendwo da drin.

„Das ist eine überraschende Wendung“, sagte Harry langsam, aber seine Stimme war etwas kühler als zuvor. Also war außer mir kein Hunter anwesend. Vielleicht…

„Schnapp sie dir“, sagte ich laut und Ida sprang wie ein Raubtier auf den ihr am nächsten stehenden Agenten zu. Sie bleckte ihre schwarzen Zähne und versenkte sie in seiner ungeschützten Halsbeuge. Blut färbte sein weißes Hemd rot, als sie sich von ihm löste und auf den nächsten Gegner zuschoss.

Harrys restliche Leute starrten geschockt umher, unfähig, den Ursprung des um sie greifenden Todes zu erkennen.

„Rückzug!“, rief Harry und es dauerte keine Sekunde, bevor die Agenten die Treppe nach oben rannten, Harry in ihrer Mitte.

„Ida!“, schrie ich und sie schlitterte über den Boden, als sie abrupt die Richtung änderte und zwischen den Agenten hindurchraste. Sie katapultierte sich hoch in die Luft und landete auf Harrys Rücken, der erstickt keuchte und sich panisch umdrehte. Ida kletterte um seinen Hals herum und verformte sich zu dichtem, schwarzem Rauch, der durch Harrys geöffneten Mund in sein Inneres drang. Harry hielt in seiner Bewegung inne. Seine Augen kippten in ihren Höhlen nach hinten, bis ich nur noch weiß erkennen konnte, dann fokussierten sie sich plötzlich. Ein gelber Schimmer ging von ihm aus. Er hob eine Hand, die ein zittriges Winken vollführte.

„Ich hab ihn, Coon.“

Es war Harrys Stimme, nur hallender und dunkler, aber es war Idas Intonation. Es klang so grotesk, dass sich mir alle Haare aufstellten, aber gleichzeitig spürte ich einen inneren Triumph, der mich breit grinsend ließ.

„Gute Arbeit, Partner!“, rief ich ihr zu und Harry-Ida lächelte zufrieden.

„Das ist… verblüffend“, sagte Paige und ließ ihren Revolver sinken. „Ein bewusster Daemon? Davon habe ich noch nie gehört.“

„Ich auch nicht“, gestand ich. „Aber ich bin verdammt erleichtert. Ida, schau mal nach, ob er die Schlüssel für meine Handschellen hat.

Ida nickte und begann, mit Harrys Händen in Harrys Hosentaschen zu suchen, bis sie etwas metallisch Glänzendes zu Tage förderte. Breitgrinsend hopste sie zu mir hinüber und ich konnte nicht mehr anders, als laut loslachen.

„Das macht Spaß“, gestand Ida, als sie mit Harrys Körper meinen Stuhl aufrichtete und die Handschellen aufschloss. „Kein Wunder, dass Daemonen Menschen bewirten. Ich hatte ganz vergessen, wie sich ein echter Körper anfühlt.“ Das Schloss knackte und ich rieb meine geröteten Handgelenke, bevor ich mich an meinen Fußfesseln zu schaffen machte.

„Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Paige und begutachtete Ida in Harrys Körper mit großem Interesse. „Wenn sie ihn verlässt, rührt er sich die nächsten Stunden nicht. Soll ich ihn erschießen?“

Ich sah Harrys Körper eine Weile an, dann schüttelte ich den Kopf. „Wir lassen Rock entscheiden. Er sollte bald von Sam erfahren, was passiert ist. Du kannst ihm den Rest erklären. Sicher wird er Harry persönlich befragen wollen.“

„Und warum sollte ich das tun, Thynlee?“, fragte Paige. „Was interessiert mich das Ganze.“

„Du bist hier“, erwiderte ich und sie hob ergeben die Hände.

„Touché. Und was hast du nun vor, hm?“

„Mein Plan steht weiterhin“, sagte ich. „Ich verlasse den Distrikt.“

„Ist das eine weise Entscheidung?“

„Weise ist mir egal. Aber ich kann hier nicht mehr bleiben.“ Ich sah zur Seite. Christopher, Lorene, Kriguard… Ich wollte all das hinter mir lassen.

Sie seufzte. „Wie du möchtest.“

„Ida, du kannst ihn jetzt verlassen.“

Sie sah mich fragend an.

„Lass einfach los“, sagte ich, hob meine Hände und zielte auf Harrys Brust. „Relictus.“

Es war angenehm, keinen Widerstand zu spüren. Der Schlüssel hatte kaum meinen Mund verlassen, da kippte Harrys Kopf nach hinten, sein Mund öffnete sich und der schwarze Rauch, der aus seinem Mund stieg, verdichtete sich zu Ida, die als Daemon auf allen Vieren auf dem Boden kauerte. Harry sackte regungslos zu Boden.

Sie schüttelte sich, dann richtete sie sich auf ihre Hinterbeine und ich beobachtete mit Faszination, wie das Gelb ihrer Augen sich verflüchtigte und sie wieder ihre menschliche Dae-Form annahm.

>Puh.

„Willkommen zurück“, sagte ich und hielt ihr meine Hand entgegen. Ida strahlte, hob ihre eigene, immer noch dunkle Hand und schlug in meine ein. Ihre Finger hinterließen ein kühles Echo auf den meinen. Ich lächelte zurück.

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