Daemon (3/5)

Ich fühle mich lebendig.

Die Erinnerung an mein altes Leben verschwimmt. Die Finsternis ist in mir, wird immer größer. Alles außer Coon verblasst. Sie ist die Einzige, die mich vor der Dunkelheit bewahrt. Ich kann sehen, dass sie sich Sorgen macht.

Ich werde sie nicht enttäuschen.

„Na, das erklärt einiges“, murmelte ich und sah zurück zu der Kamera. Kein Wunder, dass Kriguard das nicht an die Öffentlichkeit gelangen lassen wollte. Er wirkte nicht gerade wie der verständnisvollste Vater.

„Bitte verschon sie“, flehte Reagan mich an und Christophers tränenüberströmtes Gesicht blitzte wieder in meinen Gedanken auf. Konnte ich noch einmal jemanden so viel Schmerz zufügen?

„Ich liebe sie. Bitte.“ Seine Stimme brach. Ich sah von ihm zu Ida, die wie ein grauer Geist neben ihm schwebte und mich mit blanken Augen ansah. Ich wandte mich ab und hob die Hände. Es gab keine richtigen Entscheidungen mehr. Ich steckte zu tief in der Scheiße, als dass ich diesen Auftrag, ohne irgendjemanden zu verletzen, hinter mich bringen konnte.

„Relictus“, sagte ich mit fester Stimme und ignorierte Reagans Aufheulen, als Britta ihre Augen aufriss und schrie. Ich wiederholte den Austreibungsschlüssel mehrere Male, bis Britta den Kopf nach hinten riss und schwarzer Qualm in einer dichten Säule aus ihrem Mund strömte, der sich sogleich auf dem Kellerboden zu einem Daemon in Säuglingsgröße verdichtete.

„Dann mal los…“, murmelte ich, als der Daemon sich schüttelte, seine schwarzen Zähne bleckte und auf mich zu rannte, während seine staksigen Beine unbeholfen über den Boden schlitterten.

„Deficere. Decedere. Occidere“, begann ich und wartete die Reaktion des Daemons ab, um seine benötigte Schlüsselkategorie einzuschätzen. Schwarzer Rauch stieg zischend von seinem Rücken und seinen Gliedmaßen auf und er wurde langsamer, bis er schließlich stehen blieb einige Schritte zurücktänzelte.

„Manere.“ Mein Fixierungsschlüssel ließ ihn in der Bewegung verharren, seine gelben Augen huschten durch den Raum. Er suchte einen Ausweg. Mein Mundwinkel zuckte und ich wiederholte den Befehl, bevor ich wieder auf die Schwächungsschlüssel zurückgriff. Innerhalb von einer Minute hatte ich seine Masse halbiert.

Der Daemon lag geschwächt und mager am Boden, seine gelben Glubschaugen hasserfüllt auf mich gerichtet. Ich warf einen kurzen Blick zu Ida, verglich ihren Farbton mit dem vollkommenen Schwarz des Daemons. Von seiner Farbe war sie noch weit entfernt, dann wiederum war sie erst gestern Mittag noch schneeweiß gewesen. Die Rate, mit der ihre Dunkelheit zunahm, war beängstigend. Ich musste mich beeilen.

„Bitte, bitte, bitte lass sie in Ruhe…“ Reagans Stimme erreichte mich wieder, aber ich wandte mich stattdessen dem Daemon zu. Er war geschwächt genug. Ich konnte ihn auf der Stelle exzidieren oder ihn irgendwie auf Britta hetzen.

Da tauchte Ida neben mir auf, ihre graue Gestalt nur wenige Zentimeter neben meinem Gesicht.

„Geh zurück zu Reagan“, sagte ich, die Augen auf den Daemon gerichtet und bereit, jeden Moment meinen Verteidigungsschlüssel zu sprechen.

>Bitte töte sie nicht.

„Ich habe kein Wahl, Ida“, stöhnte ich und warf ihr einen kurzen Blick zu. Sie sah mich ernst an. „Wie oft müssen wir das noch durchkauen?“

>Ich kann dir helfen, Daddy zu beschützen. Dann brauchst du die Hilfe von Rock nicht.

„Und wie willst du mir helfen?“, fragte ich. „Consistere“, fügte ich hinzu, als der Daemon Anstalten machte, aufzustehen.

>Ich kann den Daemon ablenken.

„Wirklich?“ Ich sah sie skeptisch an. „Und wie willst du das anstellen? Du hast keine Masse, Ida, nicht als Dae.“

>Noch nicht. Aber ich werde dichter, je dunkler ich werde.

„Und je dunkler du wirst, desto schneller wirst du zu einem Daemon“, erwiderte ich gereizt. „Das ist das letzte, was ich gebrauchen kann.“

>Ich werde nicht zu einem Daemon. Versprochen.

„Du hast keinen Einfluss darauf, ob du ein Daemon wirst oder nicht“, sagte ich und sah zu ihr. Sie war wieder dunkler geworden. Gottverdammte Scheiße.

>Vertrau mir.

„Mit wem redest du da?“, fragte Reagan und ich warf ihm einen wütenden Blick zu.

„Bitte einen Moment die Klappe halten.“ Reagan verstummte. „Ich will dir vertrauen Ida, aber ich bin in Daemonologie ausgebildet. Vertrau mir, wenn ich sage, dass du keinen Einfluss darauf hast, ob du zum Daemon wirst oder nicht.“

>Und mit wie vielen Dae hast du bisher zusammengearbeitet?

Ich schwieg.

>Hat irgendjemand schon Mal mit einem Dae zusammengearbeitet?

„Nicht, dass ich wüsste“, gab ich zu.

>Dann sei die Erste.

Sie sah mich ernst an und für einen Moment glaubte ich ihr. Es waren ihre Emotionen, ihre Gefühle. Vielleicht war sie wirklich in der Lage, die Verwandlung in einen Daemon zu verhindern.

>Coon!

Ich riss den Kopf herum und entdeckte den Daemon, der meine Ablenkung genutzt und sich aus dem Staub gemacht hatte. Oder es zumindest versuchte, denn außer weglaufen blieb ihm nicht viel übrig. Er kroch auf die bewusstlose und immer noch gefesselte Britta zu und war nur noch einen Meter von ihr entfernt.

„Manere!“, rief ich und der Daemon blieb wie angewurzelt am Boden kleben, eine Klaue erhoben. „Bist du sicher?“ fragte ich und Ida nickte.

>Ich kann es schaffen.

„Wenn ich den Daemon jetzt exzidiere, werden wir aus der Organisation geworfen. Ich weiß nicht, ob ich deinem Vater dann noch helfen kann.“

>Ich werde dich unterstützen. Und wenn du ihm nicht helfen kannst, ist es meine Schuld, nicht deine.

„Also gut. Auf deine Verantwortung.“

Ich ging langsam auf den Daemon zu, der sich panisch umdrehte und winselte, als ich eine Hand nach ihm ausstreckte. Die Tür knarzte.

>Ein Mann. Er ist bewaffnet.

Ich nickte Ida dankbar zu. Der Daemon war Britta und mir zu nahe, als dass ich mich ablenken lassen durfte. Ein Moment der Unachtsamkeit und er würde einen von uns beiden angreifen.

„Ms. Thynlee, ich muss Sie bitten, sich von dem Daemon zu entfernen, bis er Ms. Kriguard gebissen hat. Die Exzision ist Ihnen bis dahin untersagt.“

„Und wenn ich mich weigere?“, fragte ich, ohne mich umzudrehen.

Statt einer Antwort hörte ich ein Klicken, als der Mann seine Waffe entsicherte. Ida schwirrte um meinen Kopf, dunkler als noch vor einer Minute.

„Werden sie mich erschießen?“, fragte ich trocken und starrte den kleinen Daemon an, der weiterhin in Angriffshaltung erstarrt blieb. Er war so schwach. Ein Fixierungsschlüssel hielt ihn für über eine Minute fest. Lorenes Daemon war eine ganz andere Kategorie gewesen.

„Ich muss Sie nicht töten, um Sie handlungsunfähig zu machen“, erwiderte der Mann. Seine Schritte echoten von den steinernen Wänden.

„Mario, bitte!“ Reagan riss an seinen Fesseln. „Unterstütz das nicht, ich flehe dich an!“

„Was Sie wünschen, ist nicht von Bedeutung, Mr. Kriguard. Ich unterstehe nur dem Hausherren.“

Ein Bediensteter also. Vielleicht ein Bodyguard. Ich musste davon ausgehen, dass er mit Waffen umgehen konnte, aber ich konnte den Moment nicht mehr länger herauszögern. Ich legte eine Hand auf die verschwommene Stirn des Daemons.

Der zischende Knall zerschnitt die Luft, als sich die erste Kugel in den Steinboden bohrte, nur wenige Zentimeter von meinen Füßen entfernt. Meine letzte Warnung.

Ich war noch nie gut mit Autoritätspersonen klar gekommen.

„Suppli—“, begann ich, doch ein brennender Schmerz unterbrach den Exzisionsschlüssel und ließ mich stattdessen laut aufschreien und einknicken. Blut sickerte durch meine Jeans an der Stelle, wo die Kugel mich gestreift hatte und ich biss die Zähne zusammen, um mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich streckte die Hand erneut nach dem Daemon aus, doch der sah seine Chance gekommen und schnappte nach meiner Hand.

Im Bruchteil einer Sekunde war Ida zur Stelle. Jetzt rauchgrau und mit verzerrtem Gesicht fauchte sie den Daemon an, der zurücksprang und sich stattdessen auf Britta stürzte. Ida sprang ihm hinterher, ihre Formen nur noch annähernd menschlich.

„Haesitare!“, schrie ich und der Daemon klatschte zu Boden. Ich warf einen Blick zu Ida, die sich schützend vor Britta in der Luft aufgebaut hatte. Ihr Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt.

„Dae“, sagte Mario und Ida hob fauchend den Kopf. „Entferne dich von Ms. Kriguard, oder ich erschieße die Hunterin.“

Ida zischte, rührte sich aber nicht vom Fleck.

„Du kannst den Daemon nicht ewig zurückhalten“, fuhr er fort. „Und ohne die Hunterin wird er Britta früher oder später beißen.“

Idas Gesichtszüge verhärteten sich, doch sie nahm eine etwas menschlichere Haltung ein. Sie warf Mario einen letzten, feindseligen Blick zu, bevor sie zu mir zurückschwebte.

„Und Sie, Ms. Thynlee, rühren bitte keinen Finger.“

„Ida“, flüsterte ich und ihr dunkles Gesicht wandte sich in meine Richtung. „Verschaff mir eine Sekunde Zeit.“

Sie bleckte die Zähne, schoss an mir vorbei und direkt auf Mario zu. Der nächste Schuss fiel und verfehlte mich um Haaresbreite, aber ich warf mich nach vorne, packte das Gesicht des Daemons und ignorierte den zweiten Schuss, der hinter mir in den Boden knallte.

„Supplicium“, schrie ich. Der Daemon kreischte, fiel mit einem lauten Knall in sich zusammen und verdunstete als schwarzer Rauch. Schwer atmend sah ich mich um.

Ida umschwirrte weiterhin Mario, der die Pistole in meine Richtung hielt, aber nicht zielen konnte. Linsen zu tragen ermöglichte ihm zwar, den Daemon zu erkennen, aber es machte auch Dae für ihn sichtbar. Und das nutzte Ida gekonnt aus.

„Vielen Dank…“ Reagans Worte waren voller Emotionen und ich lächelte. Auch wenn es mich meinen Job kosten konnte, ich wusste, dass ich das Richtige getan hatte.

„Das ist also Ihre Entscheidung“, sagte Mario leise. Ich stand auf und drehte mich vorsichtig um, mein Gewicht nur auf mein linkes Bein gestützt. Ida war innerhalb von Sekunden an meiner Seite.

„Sie werden mit entsprechenden Konsequenzen rechnen müssen.“

„Richten Sie Mr. Kriguard aus, dass er eine Hunterin engagiert hat, keine Auftragskillerin. Mit diesen Konsequenzen muss er rechnen.“

Mario presste seine Lippen zusammen, dann trat er zur Seite. „Ich muss sie bitten, das Kriguard-Anwesen zu verlassen, Ms. Thynlee.“

Ich zögerte einen kurzen Moment, aber Mario wirkte zerknirscht. Aus irgendeinem Grund hatte man mich engagiert und Britta nicht einfach erschossen. Vielleicht war sie jetzt sicher.

„Mit dem größten Vergnügen“, erwiderte ich kühl und humpelte an ihm vorbei. Halb erwartete ich, dass die Tür verschlossen sein würde, doch die Klinke ließ sich problemlos herunterdrücken und schließlich folgten wir wieder dem langen Gang Richtung Treppe.

Ida schwebte neben mir her, ihre Farbe wieder etwas heller, aber trotzdem noch bedrohlich dunkel. Immerhin schien sie sich unter Kontrolle zu haben.

„Du bist keine schlechte Partnerin“, gab ich zu. Ida sah mich überrascht an.

>Findest du?

Ich lächelte nur als Antwort. Ich hatte kaum den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, da hörte ich Reagans markerschütternden Schrei und einen Schuss. Erstarrt blieb ich stehen. Biss die Zähne zusammen. Schloss die Augen.

>War das…

„Mario.“

>Ist sie… tot?

„Höchstwahrscheinlich.“ Ich atmete aus und kämpfte mich die Treppen hoch, mein verletztes Bein schonend. Es war naiv gewesen, zu glauben, ich könnte ihr Leben retten. Der Gedanke an Reagans Schrei zerrte an etwas in mir, doch ich ignorierte das Gefühl. Lorene. Ida. Britta. Es war vielleicht nicht die richtige Reaktion, aber ich war erleichtert, dass dieses Mal nicht ich die Verantwortung trug.

Ida wurde ein wenig dunkler und ich sah mich besorgt an. „Reiß dich zusammen“, sagte ich. „Lass deine Emotionen nicht die Überhand gewinnen.“

>Ich weiß, es ist nur… Warum musste sie sterben?

„Weil ihr Vater ein Schwein ist, deshalb.“

Wir erreichten das Ende der Treppe und ich war erleichtert, die Tür ebenfalls unverschlossen vorzufinden. Kriguard schien es plötzlich egal zu sein, dass ich den Auftrag nicht erfüllt hatte. Eigentlich konnte es mir egal sein, aber ein ungutes Gefühl beschlich mich trotzdem.

>Es ist noch nicht vorbei.

Ida sah ernst aus, als sie wie ein düsterer Schatten neben mir durch die Halle schwebte.

„Vielleicht hast du Recht.“

Als wir die Villa verließen, war der Himmel mit dunklen Wolken bedeckt. Schneeflocken landeten auf meinem Gesicht und schmolzen augenblicklich.

„Komm.“ Ich zog meinen Mantelkragen nach oben. „Wir haben noch ein Gespräch mit Rock auf dem Programm.“


Als wir die Basis betraten, bereitete ich mich bereits mental auf Rocks Ansprache vor. Ich kannte meine Antworten, wusste, wie ich mich rechtfertigen würde, aber als wir den Schneesturm hinter uns ließen und die Bar betraten, war Rock mit einem Gast beschäftigt.

„Chris?“, fragte ich, geschockt. Wir hatten uns seit Wochen nicht mehr getroffen. Er hob den Kopf und als er mich sah, breitete er die Arme aus.

„Coon, komm her!“

„Hast du getrunken?“, fragte ich misstrauisch, als ich seine Umarmung erwiderte und mich neben ihm auf einem Barhocker niederließ.

Christophers braunes Haar fiel ihm in Wellen über die Ohren und eine eckige Brille saß auf seiner prominenten Nase. Ein sorgloses Lächeln bildete kleine Grübchen auf seinen Wangen.

„Und nicht zu wenig“, fügte Rock gutmütig hinzu und stellte mir mein Standardgetränk auf den Tresen. Wodka pur. Ich kippte die klare Flüssigkeit meine Kehle hinunter. Ein Schütteln überkam mich, als ich das Glas auf den Tresen sinken ließ.

„Wie lief dein Auftrag, Coon?“, fragte Rock schließlich. „Alles okay?“

„Sie ist tot“, sagte ich vage. Das war nicht mal gelogen. Ida schwirrte vorsichtig zu Christopher, der sie nicht sehen konnte.

>Wer ist das?

Ich antwortete nicht. Christopher wirkte so gut gelaunt wie schon lange nicht mehr. Ich wollte die Stimmung nicht kippen. Seit Lorenes Tod hatte ich diese Seite von ihm viel zu selten gesehen. Ihn jetzt so zu sehen, machte mir wieder schmerzlich bewusst, wie sehr ich sein ansteckendes Lachen vermisst hatte.

„Wollt ihr das mitnehmen?“, fragte Rock und wedelte mit der halbvollen Wodkaflasche in meine Richtung. Ich nahm sie dankend entgegen und stand auf.

„Wir gehen hoch, Chris.“

Er folgte mir grinsend in meine Wohnung. Wir waren kaum durch die Eingangstür, da ließ er sich auf mein Bett fallen und schloss die Augen.

„Willst du noch was von dem Wodka?“, fragte ich und verschwand in der Küche, um zwei Gläser zu holen. Als ich zurückkam, hatte Chris sich keinen Zentimeter bewegt, aber seine Augen waren auf die Decke fixiert. Idas dunkle Form schwebte unter der Dachschräge.

Ich reichte ihm sein Glas und setzte mich zu ihm auf die Bettkante. „Warum bist du hier?“, fragte ich. „Du hättest vorher Bescheid sagen können. Es war viel los die letzten Tage.“

„Rock hat mich angerufen“, erwiderte Chris. Er nahm einen großen Schluck Wodka und stellte das leere Glas auf meinen Nachttisch. „Er sagte, du bräuchtest heute vielleicht etwas Gesellschaft.“

„Ist das so?“ Ich trank mein eigenes Glas aus und stellte es neben das seine. „Vielleicht wäre ich lieber alleine gewesen.“

„Du bist zu oft alleine, Coon.“ Chris lallte ein wenig, aber sein Tonfall war ernst. „Du kannst dich nicht immer in deiner Wohnung vergraben, wenn es dir schlecht geht. Es gibt nicht umsonst so etwas wie Freunde.“

Ich verzog das Gesicht. „Es ist kompliziert“, sagte ich. „Es ist viel passiert, seit ich von dem Lewis-Fall zurück bin. Ich bin noch nicht ganz zu Atem gekommen.“

„Willst du darüber reden?“

Ich schüttelte den Kopf. „Später. Ich hab meinen Pegel noch nicht erreicht.“

Chris lachte und reichte mir die beiden Gläser. „Dann füll lieber nach.“


„Dann haben wir den Schuss gehört“, sagte ich und konzentrierte mich darauf, die richtigen Worte zu finden. Alles drehte sich. „Jetzt ist sie tot und ich frage mich, ob ich ein schlechter Mensch bin, ich meine, ich hätte sie retten können, oder? Aber ich bin nur froh, dass ich es dieses Mal nicht Schuld war und das macht mir irgendwie zu schaffen, aber ich weiß nicht…“ Ich brach ab. Meine Zunge bewegte sich wie von alleine. Was hatte ich gerade gesagt?

„Ich versteh dich, Coon, du hast einfach viel durch gemacht die letzten Tage, erst dieses Mädchen, dann das…“ Er runzelte die Stirn.

Ich sah zum Fenster. Chris und ich hatten den gesamten Nachmittag damit verbracht, Wodka zu trinken und waren schließlich doch zum Redeteil gekommen. Jetzt wurde es bereits dunkel und Ida schwebte ungeduldig durch meine Wohnung.

Chris griff nach meiner Hand und zog mich zu ihm aufs Bett. Unsere Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt, meine Hände neben seinen Kopf gestützt, mein Körper halb über ihn drapiert.

Ich sah ihn an. Er reckte seinen Hals und berührte meine Lippen, erst vorsichtig, dann, als ich meinen Kopf nicht zurückzog, drängender.

Seine Hand wanderte meine Taille entlang zu meiner Hüfte und presste mich enger gegen ihn, während er mit seiner anderen über meine Wange zu meinem Hals strich.

Meine Gedanken wurden blank. Als unsere Münder sich trennten, atmete ich zittrig aus und drückte ich mich hoch, um ihm in die Augen zu schauen.

„Was wird das?“, fragte ich heiser.

„Ich will dich.“ Chris drückte meinen Po enger gegen seine Hüfte und schob seine Hand dann unter mein Shirt und meinen Rücken hinauf, bis sie meinen BH erreichte.

„Du bist betrunken“, sagte ich, aber ich wehrte mich nicht, als seine Finger die zwei Verschlüsse öffneten und zurück zu meinem Po wanderten.

„Ich weiß.“ Er zog mich wieder zu sich hinunter und küsste mich, heftiger, leidenschaftlicher. Seine Zunge stieß gegen meine Lippen und ich öffnete meinen Mund einen Spalt. Das war keine gute Idee. Ich wusste es. Ich spürte es in jeder Faser meines Körpers.

Aber nie im Leben würde ich jetzt aufhören.

Chris zog mich komplett auf sich, packte meine Taille und drehte uns in einer fließenden Bewegung um, bis er auf mir lag. Innerhalb von Sekunden hatten wir uns unsere Oberteile und ich meines BHs entledigt. Chris leckte meinen Hals, mein Schlüsselbein, meine Brüste und ich stöhnte leise, als seine Fingerspitzen meine Seite entlang fuhren und auf meiner Hüfte zur Ruhe kamen.

>Was macht ihr da?

Ich riss die Augen auf, nur um Ida zu sehen, die mit etwas Abstand in der Luft schwebte und uns mit einer Mischung aus Neugier und Ekel betrachtete. Chris öffnete meine Jeans.

„Ida, raus, sofort!“, zischte ich und Idas Blick verdüsterte sich, bevor sie sich abwandte und mit etwas Mühe durch die geschlossene Eingangstür nach draußen schwebte.

„Stimmt, da war ja was“, murmelte Chris belustigt und zog meine Jeans nach unten. Ich hob mein Becken, um ihm beim Ausziehen zu helfen, schlang meine Arme um seinen Nacken und zog ihn zu mir nach unten.

„Jetzt ist sie weg“, hauchte ich in sein Ohr und er knurrte leise, bevor seine Hände unter meinen Slip wanderten.


Erwachsene sind komisch.

Seit Chris da ist, ignoriert Coon mich. Er scheint ein Freund zu sein, aber ich mag ihn nicht. Nachdem Coon mich rauswirft, fliege ich ziellos durch das Gebäude. Niemand sieht mich. Anfangs macht es Spaß, die anderen ungesehen zu beobachten, aber irgendwann wird es langweilig. Ich will zu Coon zurück, aber ich habe Angst, dass sie böse wird.

Wann geht er endlich?

Am nächsten Morgen erwachte ich durch Sonnenlicht, das durch das Dachlukenfenster genau in mein Gesicht strömte.

„Gottverdammte Scheiße…“, stöhnte ich und zog die Bettdecke über meine Augen. Mein Mund fühlte sich pelzig an und mein Kopf dröhnte.

>Bist du wach?

Idas Stimme war leise, aber ich hörte sie trotzdem. Ich lugte unter der Decke hervor und entdeckte sie an der gegenüberliegenden Wand auf der Kommode. Sie beäugte mich kritisch.

Ich drehte mich. Irgendetwas fühlte sich anders an. Ich hob die Decke und starrte auf meine nackte Haut. Die Erinnerungen an letzte Nacht hämmerten von innen gegen meinen Schädel. Langsam sah ich zur Seite.

Chris war nicht da.

Ich setzte mich ruckartig auf und bereute die Bewegung augenblicklich, als der Schmerz in meinem Kopf sich vervielfachte.

„Chris?“, rief ich in meine Wohnung hinein. Vielleicht war er in der Küche oder auf Toilette. Ich lauschte auf den Klang der Dusche, doch das einzige Geräusch war das Flirren der erdrückenden Stille.

>Er hat sich vor ein paar Stunden rausgeschlichen.

„Das ist nicht sein Ernst“, murmelte ich, riss die Bettdecke zur Seite und stand schwankend auf. Auf meinem Nachttisch entdeckte ich einen abgerissenen Zettel. Meine Kehle wurde trocken, als ich die Nachricht aufhob.

Gestern Abend war ein Fehler. Es tut mir leid.

—Chris

Ich zerknüllte den Zettel in meiner Faust, schmiss ihn gegen die Dachschräge. Das Papier prallte ab und fiel knisternd zu Boden. Ida sah mich besorgt an.

„Fucker!“, schrie ich, packte das Glas, aus dem er gestern noch Wodka getrunken hatte und schleuderte es ebenfalls gegen die Wand, wo es klirrend in tausend Stücke zersprang. „Mistkerl!“ Ich griff nach dem nächsten Glas, doch Ida tauchte vor mir auf und hielt meinen Arm mit ihrer kleinen, dunkelgrauen Hand fest. Ihre Berührung war eiskalt.

>Hör auf, Coon, bitte. Du machst mir Angst.

Erschöpft ließ ich das Glas sinken und ging an Ida vorbei ins Bad. Statt eines Schaumbads stellte ich mich in die Wanne und rubbelte meine Haut mit einem Waschlappen und Seife, bis ich überall rot war.

Als ich sauber und wundgerieben ins Schlafzimmer zurückkehrte und Klamotten aus meiner Kommode zusammensuchte, tauchte Ida neben mir auf und blieb im Schneidersitz in der Luft schweben.

>Warum bist du so aufgebracht?

„Das wirst du verstehen, wenn du —“

Ich stockte, meine Socke immer noch in der Hand.

„Er hat mich verletzt“, sagte ich schließlich. „Er hat mir etwas gegeben, was ich schon lange wollte und jetzt ist er ohne ein Wort abgehauen, weil er es bereut.“

>Ich mochte ihn eh nicht.

Ich lachte leise, rieb mir mit den Handballen über die Augen und zog mich an.


Die Treppe knarzte, als ich hinunter in den Barraum ging, Ida dicht hinter mir. Rock stand bereits an der Bar, wie jeden Morgen. Als er mich sah, verschwand er wortlos in der Küche und tauchte wenige Sekunden später mit einer dampfenden Tasse Kaffee auf. Ich setzte mich an den Tresen und trank einen großen Schluck.

„Bringst du mir ein Wasser?“, fragte ich.

Rock stellte mir eins hin, sah mich aber misstrauisch an. „Alles okay bei dir, Coon?“

Ich trank meinen Kaffee aus und nahm einen Schluck Wasser.

„Hast du Chris gesehen?“, fragte ich und Rock zuckte leicht zusammen.

„Er ist vor ein paar Stunden runtergekommen, hat sich verabschiedet und ist gegangen“, sagte er und sah mich entschuldigend an. „Er hat keine Nachricht hinterlassen.“

„Dachte ich mir schon“, sagte ich und trank den Rest des Wassers aus. ich reichte das Glas wortlos Rock, der es auffüllte und zurückgab.

„Habt ihr…“

„Ja.“

Er schwieg.

„Es ist nicht deine Schuld, mach dir keine Sorgen, Rock“, sagte ich schließlich und zwang mich zu einem Lächeln. „Ich hätte es besser wissen müssen. Wir waren beide betrunken, das ist alles.“

„Ich hätte ihn nicht einfach einladen sollen. Du hast genug durchgemacht mit dem Kriguard-Fall. Ich dachte, du würdest ihn gerne sehen, aber ich hätte nicht gedacht, dass er einfach abhaut.“

„Es ist okay, wirklich“, versicherte ich ihm. „Ich brauche nur Mal ein paar Tage Urlaub, das ist alles.“

„Von mir bekommst du vorerst keine Aufträge, mach dir da keine Sorgen“, sagte Rock und ich nickte dankbar. „Aber wenn du Lust hast, kannst du einen der Hunter wegen Idas Vater anfragen.“

„Wo sind eigentlich alle?“, fragte ich. „Seit ich zurück bin, scheine ich die einzige hier zu sein.“

„Nicht ganz. Margret war ein paar Mal hier, aber nie lange und Laurence hast du einmal knapp verpasst. Die Anderen sind allerdings unterwegs.“

„Aufträge?“

„Einige. Samantha und Tom übernehmen die Prüfungen, deshalb sind sie auf unserem Ausbildungscamp. Der Rest ist außerhalb.“

„Wann kommt Joseph zurück?“

„Er ist erst seit ein paar Tagen weg, ich erwarte ihn nicht vor nächster Woche.“

„Dann statte ich Sammy wohl einen Besuch ab“, sagte ich und trank mein Wasserglas aus. „Hast du was Essbares zum Mitnehmen?“

„Mary kann dir ein Sandwich fertigmachen, wenn du solange warten willst.“

„Das wäre super.“ Während Rock in der Küche verschwand, um meinen Proviant in Auftrag zu geben, landete Ida vor mir auf dem Tresen und lief durch meine Kaffeetasse, Hände hinter dem Rücken gefaltet.

>Wer ist Samantha?

„Eine Hunterin, so wie ich. Sie ist ein Auge, deshalb wird sie dich sehen können“, fügte ich zwinkernd zu.

Ida grinste und wurde augenblicklich heller.


Rocks Ausbildungscamp fand in einer alte Lagerhalle am anderen Ende des Distrikts statt. Mit der Bahn waren wir fast eine Stunde unterwegs und danach hatten wir noch einen zwanzigminütigen Marsch durch verlassene Straßen und Fabriken vor uns.

Der Gebäudekomplex formte einen grauen Quader, der sich gegen den weißen Winterhimmel abzeichnete. Das Tor war verschlossen. Ich zog meine ID über den dort angebrachten Scanner und wartete, bis ich das Klicken der Entriegelung hörte, dann trat ich ein, Ida dicht auf meinen Fersen.

Die gefrorene Erde knirschte unter meinen Boots und der Wind wehte einige leere Konservendosen über den Platz, begleitet von leeren Bierflaschen und zerrissenen Plastiktüten.

Als wir den Eingang erreichten, drückte ich die schweren Eisentüren auf und trat in die kalt beleuchtete Halle dahinter.

Sie war gefüllt mit Bänken, Attrappen, ausklappbaren Wänden, riesigen Containern und anderen Gegenständen, die der Halle das Flair einer Mülllandschaft verliehen. Schwarze Puppen in Daemonengestalt und in unterschiedlichen Größen hingen von der Decke, lagen auf dem Boden oder bewegten sich auf fernsteuerbaren Schienen durch die Halle. Die Rufe von Schlüsseln aller Kategorien echoten an den mit Metall ausgekleideten Wänden und lenkten meine Aufmerksamkeit auf die Hunteranwärter, die ihre Reaktionszeit und Exzisionsmuster auf die Probe stellten. Niemand drehte sich zu uns um.

>Können die mich alle sehen?

Ida klang begeistert. Sie huschte von einer Seite zur nächsten, die Augen weit aufgerissen.

„Nicht alle. Die wenigsten werden Augen sein und die anderen tragen nicht unbedingt ihre Linsen“, erwiderte ich. Da entdeckte ich Samantha.

„Sam!“

Die junge Frau hob überrascht den Kopf. Als sie mich sah, rief sie einem der Azubis etwas zu und lief in meine Richtung.

„Coon!“, rief sie, kaum dass sie mich erreicht hatte und als sie mich umarmte, nahmen ihre schulterlangen Goldlocken mir die Sicht. „Dich habe ich ja ewig nicht gesehen! Was machst du hier?“ Ihr Blick fiel auf Ida. „Und wer ist das?“

>Ich heiße Ida. Ich bin Coons Dae.

„Pff, du bist unfair, Coon.“ Sam zog eine Schnute und stützte die Hände in ihre ausladenden Hüften. „Erst kannst du Daemonenspuren sehen und jetzt hast du deine eigene Eskorte? Unverschämt.“

„Sie folgt mir seit zwei Tagen“, sagte ich lächelnd. „Als Eskorte würde ich sie nicht bezeichnen.“

„Also Coon, was verschafft uns gemeinem Volk die Ehre?“ Sie grinste frech. „Wie du siehst, sind Tom und ich wahnsinnig beschäftigt damit, einfühlsame und gutmütige Mentoren zu sein.“

„Ich wollte nur mal vorbeischauen“, sagte ich und sah mich um. „Ich war lange nicht mehr beim Training dabei.“

„Stimmt, du hattest viel zu tun.“ Sie nahm meine Hand und zog mich mit zu dem Tisch, über dem sie eben noch gebrütet hatte. „Ich würde auch gerne mal wieder unter Menschen kommen, aber die Prüfungen sind bald, deshalb haben wir den Kids ein Bootcamp angeboten. Wir sind seit einer Woche hier eingepfercht und ernähren uns von Dosenravioli und Sardellen.“ Sie verzog das Gesicht. „Was man nicht alles für die Zukunft der Organisation tut.“

„Wie lange geht euer Bootcamp noch?“, fragte ich und lehnte mich an den Tisch.

„Zwei Tage. Dann sind die Prüfungen und ich kann endlich wieder zu meiner Freundin.“

„Wärst du danach an einer gemeinsamen Exzision interessiert?“

Sams Grinsen wurde breiter. „Das fragst du noch?“

„Es geht um einen Daemon, der mir letztes Jahr entwischt ist. Selbst zu zweit wird er nicht leicht zu exzidieren sein.“

„Das macht die Sache doch nur interessanter!“ Sam verschränkte die Arme. „Ich hatte schon lange keine echte Herausforderung mehr.“

„Ms. Shackle?“ Ein schlaksiger Junge mit zerzaustem Haar und Akne tauchte hinter einem der Container auf und gesellte sich zu uns.

„Samantha reicht, Andrew, wie oft noch? Ich bin keine alte Frau!“

„Ja ja, das sagen sie“, lachte er und wich geschickt aus, als Sam nach seinem Schienbein trat.

„Ich bin blutjunge dreiundzwanzig. Was willst du?“

„Ich wollte wegen der Theorieprüfung in Daemonenphysio nachfragen, aber wenn sie gerade beschäftigt sind…“ Er schweifte ab und sah mich misstrauisch an.

„Nein, du störst nicht, keine Sorge“, sagte Sam und deutete in meine Richtung. „Andrew, das ist Raccoon Thynlee. Du kennst sie wahrscheinlich eher unter ihrem Synonym Das Auge. Sie ist unsere Tophunterin und hält die Organisation quasi am Laufen. Und das neben ihr ist ihr Dae Ida. Oh, aber du hast deine Linsen wahrscheinlich nicht an, oder?“

„Sie sind Das Auge?“ Andrews Kiefer klappte auf. Ich schmunzelte.

„Hi.“

„Wow!“ Er fasste sich und reichte mir seine Hand. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenlernen zu dürfen.“

„Du hast Recht, Sam, er ist zu förmlich“, sagte ich und Sam lachte herzhaft.

„Nicht wahr?“

„Und sie hat einen Dae?“ Andrew sah an mir vorbei auf die Stelle, an der er Ida vermutete. Die schwebte gute zwei Meter auf der anderen Seite. Sam und ich grinsten. „Ich habe meine Linsen dabei, einen Moment bitte.“

„Keine Eile, sie läuft nicht weg“, sagte Sam fröhlich und zwinkerte mir zu. In Sams Gegenwart erschien mir alles in einem positiveren Licht. Es tat gut, einmal von dem Drama wegzukommen. Ich hatte in den letzten Tagen wirklich zu viel erlebt.

Andrew fischte die Sichtlinsen aus seiner Hosentasche und setzte sie vorsichtig ein. Sein Blick wanderte zu Ida, die ihm verschämt zuwinkte.

„Wow.“ Er sah sie mit offenem Mund an. „Ich habe noch nie einen Dae gesehen. Sind die immer so dunkel?“

„Es kommt ganz auf ihren emotionalen Zustand an“, sagte Sam. „Ida scheint nah an der Grenze zum Daemon zu sein, aber trotzdem wird sie sich nicht sehr bald auflösen.“ Etwas huschte über ihr Gesicht. „Hat die Exzision mit ihr zu tun?“

Ich nickte. „Ich erkläre dir die Details später.“

„Gut, melde dich bei mir.“ Sam wandte sich wieder Andrew zu. „Also, was wolltest du wissen?“


>Samantha ist sehr nett.

„Das ist sie.“

Ida und ich waren nur noch wenige Blocks von der Basis entfernt. Wir hatten uns noch eine Weile mit Sam, Andrew und später auch Tom unterhalten, aber die Unterhaltung mit den Azubis hatte mich ausgelaugt und ich wollte nur noch zurück in meine Wohnung. Morgen würde ich mich in meinem Zimmer einschließen und keinen Fuß vor die Tür setzen. Ich dachte an Winterstille, den Krimi, der seit Wochen in meinem Nachttisch vermoderte. Vielleicht konnte ich ein paar hundert Seiten lesen und mir ein ausgiebiges Kräuterbad gönnen.

Als wir Rocks Bar erreichten, öffnete ich die schummrige Eingangstür und wuschelte mir durch mein verschneites Haar.

„Raccoon.“

Mein Kopf schnellte nach oben. Kein Zweifel. Sein dunkelblauer Nadelstreifenanzug wies keine Falte auf und die Zigarre in seiner rechten Hand war bereits zur Hälfte heruntergeglüht. Harry war immer ganz der Business-Typ.

„Was machst du hier?“, fragte ich und blieb im Eingang stehen. Mein Blick huschte zu Rock, der hinter dem Tresen stand, die riesige Hand auf eine Zeitung gelegt.

„Es gibt ein Problem“, sagte Harry und reichte mir die Zeitung. Ich zögerte kurz, ging aber schließlich auf ihn zu und nahm sie entgegen.

Es war die heutige Ausgabe der National News Post. Auf der ersten Seite prangte ein Bild von einer Frau mit langem, schwarzen Haar und einem dunklen Mantel. Eingesunkene Augen blickten mir von dem Papier entgegen. Meine Finger zitterten.

>Schau mal.

Ida tauchte über meiner Schulter auf und deutete auf die Schlagzeile, die in großen schwarzen Lettern über meinem Bild prangte.

Raccoon Thynlee — Die schockierende Wahrheit

Ich ließ mich auf einen Barhocker sinken und starrte die Überschrift lange an. Dann holte ich tief Luft und begann, den Artikel zu lesen.

Raccoon Thynlee, auch bekannt als Das Auge, wurde lange Zeit als beste Hunterin des Distrikts gehandelt. Quellen berichten nun, dass der Daemonenhunterin mehr Fehler unterlaufen sind, als ihre Organisation öffentlich zugibt.

Gestern, den 24. Januar, hat ihre Unfähigkeit Britta Kriguard, die Tochter des Millionärs Edwin Kriguard, das Leben gekostet, und nicht nur das. Nur einen Tag zuvor ist unter ihrer Aufsicht die siebenjährige Ida Clark zu Tode gekommen, so wie ein Jahr zuvor Lorene Walters. Bis heute wurde sie für ihre Nachlässigkeit nicht zur Verantwortung gezogen. Quellen bestätigen, dass Thynlee—

—scheint, dass die Tage ihrer Karriere gezählt sind. Ihre Unfallquote ist innerhalb des letzten Jahres rapide gestiegen und wir alle fragen uns: Ist sie noch—

—arbeitet weiterhin mit ihr zusammen, doch wie lange kann Rock Jordans dem öffentlichen Druck standhalten? Nach internen Angaben steht die Organisation kurz vor dem Bankrott und—

Ich ließ die Zeitung sinken. „Woher wissen die von Lorene?“, fragte ich mit belegter Stimme. „Das war nicht mal ein offizieller Fall. Es gibt keine Akten dazu. Keine schriftlichen Informationen. Gar nichts.“

„Der Maulwurf, ohne Zweifel“, sagte Harry. „Aber das sollte dich nicht weiter kümmern, Raccoon. Du hast ein größeres Problem.“

„Ein größeres Problem?!“, schrie ich ihn an. „Kriguard hat meinen Ruf ruiniert! Ich habe seine Tochter nicht getötet, er hat sie selbst erschießen lassen und jetzt verreißt er mich in der Presse?“

„Das scheint von Anfang an sein Plan gewesen zu sein“, sagte Harry mit ernster Stimme. „Du bist in eine Falle getappt.“

„Das kann nicht sein.“

„Es tut mir leid, Raccoon.“ Harry stand auf. „Rock, du weißt Bescheid.“

Rock nickte und Harry rauschte an mir vorbei und durch die Tür hinaus in die Kälte.

Ich zerknüllte den Artikel in meinen Händen und starrte auf das gemaserte Holz der Theke. „Sag es.“ Ich hob den Kopf und erkannte in Rocks schmerzlichen Gesichtsausdruck, dass meine Vermutung richtig war. „Bring es hinter dich.“

Rock sah zu Boden.

„Du bist gefeuert.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s