Daemon (2/5)

Der Schmerz kommt unerwartet.

Ich schreie, aber meine Stimme klingt weit entfernt. Ms. Thynlee lässt meine Hand los. Ich schlage auf dem Boden auf. Alles verschwimmt, der Schmerz kriecht kalt durch meinen Hals und wandert durch meine Adern. Ich ringe nach Luft, aber meine Muskeln gehorchen mir nicht mehr. Mein Blut gefriert. Ich öffne ein Auge. Ich kann nur einen schwarzen Schleier und einen weißen Fleck erkennen. „Daddy…“

Mein Herz schlägt nicht mehr.

Ein Jahr zuvor…

„Decedere. Occidere. Mori. Decedere. Occidere—“

Der Daemon zischte und schoss auf mich zu, sein gewaltiger Kiefer weit geöffnet, die schwarzen Zähne bedeckt mit gelben Geifer. Ich presste die Handflächen fester nach vorne. „Haesitare!“ Der Daemon wurde im Sprung zu Boden gerissen und landete nur wenige Meter vor meinen Füßen. Ich widerstand dem Drang, mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die Exzision dauerte bereits seit zwanzig Minuten an. Zwanzig Minuten, in denen jeder Atemzug mein letzter sein konnte.

„Sidere“, sagte ich, so ruhig ich konnte, aber meine Stimme war schwach geworden. Ich hatte zu viele hochwertige Fixierungsschlüssel verwendet, aber der Daemon ließ sich von keinem Kat2-Schlüssel zurück halten. Zweimal hatte er sich bereits aus meinem Muster gerissen.

„Sidere“, wiederholte ich schwer atmend. Der Daemon kreischte und gelbe Speicheltropfen flogen in meine Richtung. Ich ließ meine Arme ein wenig sinken, um meine Hände genau auf das schwarze Ungetüm vor mir zu richten. Es war groß wie ein Hund und sah mich aus hasserfüllten, gelbglühenden Augen an.

„Decedere. Occidere. Mori“, begann ich wieder, jedes Wort schwerer zu formulieren als das vorige. Meine Zunge wurde taub. Schweiß rann in mein Auge und ich blinzelte. Der Daemon bäumte sich auf und riss ein Bein nach dem anderen von den Terrakottafliesen, auf denen ich ihn fixiert hatte.

Gottverdammte Scheiße. Selbst mit Kategorie 5 hatte ich Probleme, ihn zu fixieren.

„Haesitare!“ Der Daemon wurde wieder zu Boden gerissen, seine schwarze Form verschwamm an den Rändern und füllte die Luft mit schwarzen Schlieren, die wie Rauch in den klaren Winterhimmel waberten. Ich sah flüchtig zu Christopher, der einige Meter hinter mir kniete, Lorenes bewusstlosen Körper in den Armen, und beruhigende Worte in ihr Ohr hauchte.

Wirt zu sein, verlangte einem Menschen viel ab. Sie würde frühestens in ein paar Stunden aufwachen und sich dann an nichts mehr erinnern.

„Decedere. Occidere. Mori“, sagte ich müde und fokussierte all meine Willenskraft in die Schwächungsschlüssel. Ich musste den Daemon exzidieren. Ich musste!

Meine Schläfe pochte. Ich wiederholte die Worte wie ein Mantra, gespickt mit einem Fixierungsschlüssel, wann immer der Daemon Anstalten machte, sich wieder aufzurichten. Schließlich blieb er zitternd liegen, doch seine Augen blieben wachsam auf mich gerichtet.

Vorsichtig wagte ich einen Schritt nach vorne.

„Haesitare“, sagte ich laut. Der Daemon zuckte, rührte sich aber nicht von der Stelle. „Decedere. Occidere. Mori.“ Der Daemon hob den Kopf und bleckte die Zähne. „Sidere.“ Er zischte. „Mori.“ Schwarzer Rauch stieg von seinem ganzen Körper auf. Seine Masse hatte sich im Laufe der Exzision fast halbiert.

Ich machte noch einen Schritt nach vorne. Noch einen. Ich stand direkt über ihm. „Sidere“, sagte ich, meine Stimme nur noch ein Krächzen. „Sidere. Sidere.“

Meine Arme begannen zu zittern. Ich streckte meine Hand nach dem Daemon aus, bereit, die Exzision zu beenden.

„Mo—“

Der Daemon riss den Kopf hoch und sprang in mein Gesicht. Nur jahrelanger Erfahrung hatte ich es zu verdanken, dass mir der Verteidigungsschlüssel wie von selbst über die Lippen ging. „Protectio!“, schrie ich und die scharfkrallige Pranke des Daemons schrammte wirkungslos über mein Gesicht. Ich spürte die Klauen, aber keinen Schmerz. Mein Herz setzte einen Schlag aus und Panik stieg in meiner Kehle auf. Sie schmeckte nach Galle.

Der Daemon kreischte und biss gegen den dünnen Schild, der meinen ganzen Körper für die nächsten paar Sekunden bedeckte. Als er nicht zu mir durchdrang, stieß er sich von mir ab und hechtete stattdessen über meine Schulter auf Christopher zu.

„NEIN!“ Ich riss den Kopf herum.  Christopher, alarmiert durch meinen Schrei, hielt die Hände schützend vor sich, doch der Daemon sprang bereits auf sein Gesicht zu. „Haesitare!“, schrie ich, meine Stimme kaum mehr als ein heiseres Zischen. Der Daemon krachte zu Boden, gleich neben Lorene und Christopher, kämpfte sich aber sofort wieder hoch.

„Sidere! Mori! Sidere!“ Ich hustete. Blut tropfte mein Kinn herab. Das schwarze Monster drehte den Kopf. Es war nur noch ein schwarzer, schwelender Haufen, aber es warf mir ein gehässiges Grinsen zu, bevor es mit letzter Anstrengung den Kopf hob und seine messerscharfen Zähne in Lorenes Wade versenkte.

„LORENE!“ Christopher heulte auf und trat blind nach dem Daemon. Er sah nur die kreisförmige Bisswunde am Bein seiner Verlobten, aber mehr brauchte es nicht. Die Wucht des Tritts schleuderte den Daemon von Lorenes Bein, doch er schüttelte sich nur und richtete sich schwankend auf.

Er sah zu mir. Ich sah zu ihm.

„Hae“, begann ich, aber ein erneuter Hustenanfall erstickte die Worte und ich beugte mich vornüber, die Hand vor meinen Mund gepresst. Blut tröpfelte durch meine Finger.

Der Daemon zitterte, schwarzer Rauch verflüchtigte sich von seinen Gliedmaßen und ließ ihn noch kleiner und geschwächter zurück. Er kniff die gelben Augen zusammen, keifte und rannte in entgegengesetzter Richtung davon. Alles, was er zurückließ, waren leuchtend gelbe Fußspuren.

Ich keuchte und ging in die Knie.

„Coon! Was— was geschieht mit ihr?!“ Ich hob den Kopf. Schweiß glänzte auf Lorenes ganzem Körper.

Saug… es… aus…“, hauchte ich, aber meine Stimme trug die Worte nicht mehr. Chris starrte mich nur entsetzt an, dann begann er, Lorene zu rütteln. Ich krabbelte zu ihm.

„Lorene!“ Tränen stiegen in seine Augen. „Oh Gott, Lorene, bitte, du darfst nicht sterben, nur das nicht, bitte…“ Ich streckte die Hand nach ihrer Wade aus. Sie war eiskalt. „Bitte…“, wimmerte er und wog Lorene in seinen Armen hin und her. „Verlass mich nicht —“ Er brach ab und schluckte eine weitere Woge Tränen hinunter. Ich senkte mein Gesicht und begann, Lorenes Wunde auszusaugen. Sie war ins Bein gebissen worden, nicht in den Hals. Wenn wir Glück hatten, wenn ich schnell war…

Chris betastete ihr Gesicht, strich ihr das blonde Haar aus der Stirn. Das blonde Haar, das ich beneidet hatte, weil es ihn angezogen hatte. Jetzt war es stumpf. Ich spuckte schwarzen Glibber aus und legte meinen Mund wieder auf die Wunde. Saugte.

Christopher flüsterte nur noch, seine Worte zu leise, um sie zu verstehen. Ich spuckte erneut aus. Setzte mich auf. Fühlte ihren Puls.

Nichts.

Chris sah zu mir. Ich konnte seinen hoffnungsvollen Blick nicht ertragen. Ich sah zur Seite, schluckte die Tränen hinunter. Schüttelte kaum merklich den Kopf.

Sein Aufheulen traf mich wie ein Messer ins Herz. „Wie konntest du nur?!“, schrie er und ich zuckte zusammen. „Du hast sie sterben lassen! Du hast dich selbst gerettet, deshalb ist sie gestorben! Du konntest sie noch nie leiden, seit du sie kennst, warst du eifersüchtig! Du hast sie sterben lassen!“ Er schrie und tobte und schlug sich mit den Fäusten gegen die Schläfen. Ließ seinen Kopf auf ihre Brust sinken. Weinte.

Ich hielt meine eigenen Tränen nicht mehr zurück. Stattdessen wischte ich mir das Blut und den schwarzen Glibber von meinen Lippen und stand auf.

Chris sah zu mir hoch, das Gesicht verquollen und rot. „Was willst du noch?“ fragte er mit zittriger Stimme. Alles in meinem Inneren zog sich zusammen. Ich wusste, dass er nicht meinte, was er sagte. Aber ihn so hasserfüllt zu sehen, zu wissen, dass dieser Hass mir galt, nahm mir das letzte bisschen Kraftreserven.

Sie wird zu einem Dae werden“, flüsterte ich heiser und schluckte das Blut hinunter, das sich schon wieder in meinem Rachen angesammelt hatte. „Ich muss sie leiten.“

„Sie kommt zurück?“, fragte Chris, ungläubig. „Ich kann noch einmal mit ihr reden?“

Ich nickte. „Kurz.“

Ein Funke Entschlossenheit leuchtete in Christophers Augen auf. Er nickte. Ich rieb meine Arme, versuchte, die Gänsehaut loszuwerden. Es half nichts. Das Gift des Daemons hatte einen kalten, bitteren Nachgeschmack in meinem Mund hinterlassen. Wir warteten.

Sie brauchte nicht lange.

Lorenes Körper blieb unbewegt, aber ich sah den grauen Rauch, der von ihrer Wunde aufstieg und sich über ihrem Körper in ein schemenhaftes Abbild ihrer menschlichen Form verdichtete. Ihr Gesicht war definiert, aber wie bei einem Daemon gingen die Ränder ihrer Form in schlierigen Rauch über. Verwirrt sah sie sich um.

„Du bist tot“, flüsterte ich und der Dae wandte mir den Kopf zu. Lorenes Formen verblassten, bevor sie wieder stabiler wurden. Sie sah hinab auf ihren Körper. Auf Christopher, der mich mit roten Augen ansah.

„Ist sie da?“, fragte er und ich nickte. „Warum kann ich sie nicht sehen?“

Ich tippte mir statt einer Antwort an die Augen. Ohne Sichtlinsen waren sowohl Daemonen als auch Dae für das menschliche Auge unsichtbar. Wenn man selbst kein Auge war, zumindest.

„Wo ist sie?“, fragte er.

Lorene sank ein Stück herab, bis sie knapp über ihrer Leiche schwebte. Ihre hellgraue Form wurde immer transparenter. Das war gut. Dae mit überwiegend negativen Emotionen konnten genauso gut zum Daemon werden—und ich war für keine Exzision mehr zu gebrauchen.

„Direkt vor dir“, flüsterte ich und deutete auf die Stelle, an der sie schwebte.

„Ich liebe dich, Lorene“, flüsterte Chris mit tränenerstickter Stimme und fuhr mit den Händen suchend durch die Luft. Er musste die kühle Luft spüren, denn mehrmals griff er genau durch sie hindurch. „Ich liebe dich so sehr.“

Lorene verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln.

>Muss ich gehen?

„Es gibt für dich nichts, was dich hier hält“, erwiderte ich leise. „Lass los.“

>Kann ich ihm Lebewohl sagen?

„Er hört dich nicht.“

>Sagst du es ihm?

Ich nickte und zwang mich zu einem Lächeln. Der Kloß in meiner Kehle brannte. Als ich Lorene das erste Mal kennengelernt hatte, stellte Christopher sie mir als seine Freundin vor. Beim zweiten Mal als seine Verlobte. Ich hasste sie. Nicht, weil sie hassenswert war, sondern weil Christopher sie mir vorzog. Weil er sie liebte und nicht mich. Aber es war schwer, jemanden zu hassen, der so gut zu ihm war.

Lorene lächelte wieder dieses traurige, schwache Lächeln. Sie legte ihre Hände auf Christophers Wangen und küsste ihn, ihr Körper nun kaum mehr als ein weißer Dunst. Christopher versteifte sich, als er die Kälte auf seinen Lippen spürte. Lorene löste sich.

>Ich liebe dich. Leb wohl.

„Sie sagt Lebewohl“, flüstere ich. „Und dass sie dich liebt.“ Christopher fuhr suchend mit den Händen durch die Luft. Der Dae schloss die Augen, bevor sich die letzten Reste seiner Existenz verflüchtigten.


Ich bin schwerelos.

Gegenwart…

Der Dae erschien wenige Minuten später.

Ich saß auf dem Boden, das Gesicht in den Händen vergraben, meine Atmung zittrig. Als ich seine Anwesenheit spürte, hob ich den Kopf. Ida schwebte über ihrem Körper und sah mich mit großen, verwunderten Augen an.

>Was ist passiert?

„Du bist gestorben“, sagte ich leise und erwiderte ihren Blick. „Du bist zu einem Dae geworden.“

>Ein Dae?

„Eine Vorstufe des Daemons“, erklärte ich und fuhr mir erschöpft durch die Haare. „Wenn ein Mensch von einem Daemon gebissen wird, stirbt er, aber ein Teil des Daemonengifts verschmilzt mit ihm und wird zu einem Dae.“ Sie schaute mich verunsichert an.

>Werde ich auch zu einem Daemon werden?

Ich betrachtete ihre Form, die sich gleißend weiß vom dunklen Asphalt abhob und sich stetig verdichtete, bis ich nicht mehr durch sie hindurch sehen konnte.

„Nein“, sagte ich schließlich und zwang mich zu einem Lächeln. „Aber auflösen wirst du dich auch nicht so schnell.“

>Mein Daddy… Sie müssen ihm helfen, Ms. Thynlee!

Ich richtete mich ächzend auf und zog mein Telefon aus meiner Tasche. „Nenn mich Coon“, sagte ich, während ich Rocks Nummer wählte. Er nahm nach dem zweiten Klingeln ab.

„Coon, Ida ist verschwunden!“

„Ich weiß. Sie ist hier.“

„Wirklich? Gott sei Dank, Mary hat sich schon Sorgen —“

„Ruf Harry an“, unterbrach ich ihn. „Wir haben eine Leiche.“


Marys Hand traf mich mit voller Wucht. Ihr standen Tränen in den Augen, als sie die Hand erneut hob, aber Rock nahm sie behutsam am Unterarm und zog sie in eine Umarmung.

„Warum hast du nicht auf sie aufgepasst?“, fragte sie schluchzend, ihr Gesicht gegen Rocks breite Brust gepresst.

„Warum habt ihr nicht dafür gesorgt, dass sie nicht abhaut?“, erwiderte ich gereizt. Ida schwebte direkt neben mir und betrachtete das Geschehen mit offenkundigem Interesse.

>Warum weint Mary?

Sie schaute mich verwirrt an. Ich seufzte und rieb mir abwesend über meine Wange. „Weil du tot bist.“

>Oh.

„Was?“, fragte Mary schniefend und sah sich verwirrt um. „Mit wem sprichst du, Raccoon?“

„Mit Ida“, sagte ich und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. „Sie ist direkt neben mir.“

„Ich dachte, sie würde sich auflösen“, sagte Rock. Bei seinem Anblick zog sich alles in mir zusammen. Wie konnte er es wagen, mit mir zu reden, als wäre nichts vorgefallen?

„Nicht, bevor ich ihren Vater gerettet habe“, murmelte ich und griff nach der Kaffeetasse, die auf dem Tisch stand. „Bis dahin ist sie an mich gebunden.“

Ida nickte, ihre weiße Gestalt war milchig, wie gefrostetes Glas und ihre Formen schärfer als damals Lorenes. Es war fast, als stünde ihr Körper neben mir.

>Sag Mary, dass sie nicht traurig sein soll. Mir geht es gut.

Ich wiederholte ihre Worte zu Mary, die laut aufschluchzte und in die Küche floh. Rock nahm ein paar Sichtlinsen aus seiner Hosentasche und setzte sich diese vorsichtig ein. Er war kein Hunter, aber als Besitzer der Basis war es unmöglich, ihn einmal ohne die Linsen anzutreffen.

Als er sie eingesetzt hatte, fiel sein Blick auf Ida, die neben mir auf und ab schwebte.

„Sehen Dae immer so… real aus?“

„Nur, wenn sie sich an etwas binden.“ Ich seufzte und nahm einen großen Schluck schwarzen Kaffee. „Oder jemanden.“

„Du hast also keine Wahl mehr, was ihren Vater angeht?“

Ich sah zu Ida, die mich mit großen Augen anschaute. „Nein. Nicht, wenn sie mir nicht bis an mein Lebensende folgen soll.“

„Könnte sie noch zu einem Daemon werden?“ Rock kniff die Augen zusammen. Sichtlinsen beanspruchten die Augen stärker als die angeborene Sicht. Einer der Gründe, weshalb Augen die besten Hunter abgaben.

„Jederzeit.“ Ich nahm noch einen Schluck Kaffee. Mein pochender Schädel begrüßte das Koffein wie einen alten Freund. „Deshalb wäre es mir lieber, wenn sie sich auflöst. Aber dafür ist der Wunsch zu stark in ihr verankert. Sie kommt nicht eher zur Ruhe, bis ich den Daemon ihres Vaters exzidiert habe. Bis dahin wird sie mir folgen.“ Ich schloss die Augen und lehnte mich gegen die Rückenlehne meines Stuhls. „Hoffentlich bleibt ihre positive Einstellung so lange stabil.“

„Harry wird sich um die Leiche kümmern“, sagte Rock und ließ sich mir gegenüber an den Tisch sinken. „Was werden wir ihrem Vater sagen?“

„Vorerst nichts, er ist immer noch besessen“, erwiderte ich. „Um den Rest soll sich Harry kümmern, das ist schließlich sein Job, nicht meiner.“

Ida schwebte zu mir und setzte sich, zu meinem milden Entsetzen, auf meinen Schoß. Ich starrte den Dae an und Rock schmunzelte.

>Wird Daddy traurig sein?

Ich verzog das Gesicht. „Natürlich wird er das…“, murmelte ich und griff durch sie hindurch nach meiner Tasse. Ida blieb unbekümmert wenige Zentimeter über mir sitzen.

„Angesichts der Umstände kannst du vorerst hier bleiben, Coon“, sagte Rock schließlich und stand auf. „Wirst du dir den Auftrag noch einmal durch den Kopf gehen lassen?“

Ich sah ihn lange an. „Reicht ein Toter pro Tag nicht?“, fragte ich bitter. Rock sah betroffen zur Seite.

„Ich spreche mit Harry“, sagte er und verschwand hinter der Theke, wo er sein Handy aus der Hosentasche holte und gedankenverloren eine Nummer eintippte.

„Komm“, murmelte ich Ida zu, stand auf und ging zur Treppe. In meiner Dachwohnung angekommen ließ ich mich mitsamt Schuhen auf das große Bett fallen und rollte mich zusammen. Ich schloss die Augen und presste sie so fest zu, dass es wehtat.

Hätte ich sie retten können?

Die Frage brannte in mir wie eine glühende Kohle und ich wurde den Gedanken nicht los, dass ich etwas hätte tun können. Etwas anders machen müssen. Irgendetwas.

Warum hatte ich die Wunde nicht sofort ausgesaugt? Warum hatte ich so lange für die Exzision gebraucht? Warum hatte ich meine Augen nicht offen gehalten und nach Daemonen Ausschau gehalten, nachdem ich die Spuren entdeckt hatte? Warum?

Ich rollte mich noch enger zusammen, die Arme um meine Knie geschlungen. Mein Haar fiel in einem dunklen Schleier über mein Gesicht. Vielleicht war es besser so. Ich war jetzt Idas Ankerpunkt.

Ich wollte nicht, dass sie mich weinen sah.


>Ms. Thynlee?

„Coon. Einfach Coon.“

>Coon?

„Was ist?“ Ich lag auf meinem Bett, den Blick auf die Decke fixiert. Ida schwebte in mein Sichtfeld und sah besorgt zu mir hinunter.

>Was ist mit meinem Daddy?

Ich seufzte. „Ich werde mich darum kümmern, versprochen“, sagte ich und setzte mich vorsichtig auf. „Aber vorher muss ich ein paar Probleme beseitigen.“

Ich stand auf, wuschelte meine Haare zu Recht und ging in die Küche, um mir etwas Toast zu machen. Ida tauchte nur wenige Sekunden später neben mir auf und sah mir interessiert dabei zu, wie ich Butter in einer Pfanne erhitzte und zwei Eier hineinschlug.

>Was für Probleme?

„Ich soll jemanden töten.“ Es so schonungslos zu sagen, tat gut und bestärkte mich in meiner Abneigung gegen den Auftrag, aber Idas Tod hatte die Angelegenheit verkompliziert. Wenn ich den Daemon ihres Vaters exzidieren wollte, brauchte ich Unterstützung von einem anderen Hunter, vorzugsweise einem Erfahrenen, mit dem ich schon früher zusammengearbeitet hatte. Joseph oder Samantha wären ideal.

Aber wenn ich Rocks Organisation verließ, hatte ich auf diese Leute keinen Zugriff mehr. Und nicht nur das. Ich wäre vorerst mittellos. Eine neue Organisation zu finden war möglich, nicht zuletzt wegen meiner Erfolgsquote, aber es würde dauern, bis ich sowohl das Vertrauen als auch die Ressourcen erhielt. Nicht zu schweigen von den Prozenten, die drastisch sinken würden. Man konnte Rock viel vorhalten, aber er bezahlte seine Leute fair.

Wenn ich mich um Idas Vater kümmern wollte, musste ich zunächst den Kriguard-Fall übernehmen. Britta also während der Exzision umkommen lassen. Ida flimmerte ein wenig durch den Raum und setzte sich schließlich auf die Anrichte. Oder schwebte in Sitzposition darüber, je nachdem.

Ich folgte ihrem Beispiel und lehnte mich an die Arbeitsplatte, wo ich mein Abendbrot im Stehen aß.

>Töten ist böse.

Ich sah zu Ida. Sie sah ernst zurück. Ihre Augen waren von einem intensiveren weiß als der Rest ihres Körpers, aber es gab keine Lichtreflektion. Keine Pupillen. Nur weiß.

„Das weiß ich“, sagte ich und rieb mir die Augen. „Aber wenn ich den Auftrag nicht annehme, werde ich gefeuert. Und dann kann ich deinen Vater nicht beschützen.“

Ida verzog das Gesicht und ihr Körper wurde eine Schattierung dunkler, bis die Farbe an hellgrau grenzte. Mist. Ich durfte sie nicht zu genau einweihen, sonst würde sie wirklich noch zum Daemon werden, bevor ich irgendetwas zustande brachte. Je negativer die Emotionen, desto dunkler das Erscheinungsbild eines Dae. Wenn er schwarz erreichte, wurde er zu einem Daemon. Und dunkel wurden Dae leider wesentlich schneller als hell.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte ich und lächelte sie aufmunternd an. „Mir fällt schon was ein.“

Ida nickte, aber ihre Stirn wies Sorgenfalten auf und der Graustich blieb.


„Ich habe mit Harry gesprochen“, sagte Rock und lehnte sich auf die Theke. „Er will den Fall bis Ende der Woche erledigt haben. Deine Zusage will er noch heute.“

„Schau mal, Rock“, sagte ich und faltete meine Hände. „Selbst wenn wir davon absehen, dass der Auftrag absolut unethisch ist und von Attentaten nichts in meinem Vertrag steht, macht diese ganze Sache keinen Sinn.“

„Versuchst du es jetzt also auf die geschäftliche Tour, Coon?“, lachte Rock. „Gut, lass hören. Ich bin gespannt.“

„Diese ganze Affäre wird unserem Ruf schaden. Meinem und dem der ganzen Organisation.“

„Weshalb?“

„Weil es sich um die Tochter einer der bekanntesten Personen im Distrikt handelt“, sagte ich. „Selbst wenn Kriguard die Sache vertuscht, wird trotzdem irgendwas an die Presse gelangen und das wird sich schlecht auf uns auswirken. Speziell auf mich. Ich bin die beste, weil meine Quote einwandfrei ist. Kunden werden für meine Dienste in Zukunft nicht mehr so viel bezahlen, wenn sie wissen, dass ich fehlbar bin. Vielleicht gehen sie sogar zu einer anderen Organisation.“

Rock schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich stark, Coon“, sagte er. „Erstens ist unsere Unfallrate so gering, dass wir selbst mit diesem Fall noch weit über dem Durchschnitt liegen, was Professionalität angeht. Und zweitens ist Kriguard Besitzer der einflussreichsten Zeitung im Distrikt. Wenn jemand die Medien nach der Aktion unter Kontrolle bringen kann, dann er.“

„Immer noch riskant“, gab ich zu Bedenken, ließ das Thema jedoch fallen. „Aber warum ich? Warum nicht irgendeiner der anderen Hunter, wir haben schließlich genug unter Vertrag. Und einer der weniger Erfahrenen würde die Exzision wahrscheinlich sogar unabsichtlich verhauen.“

„Und dabei selbst draufgehen, gut erkannt“, stimmte Rock mir zu.

Ich verzog das Gesicht.

„Komm schon, Coon, du warst erst vor zwei Jahren Mentorin von diesem Jungen, wie hieß er noch gleich?“

„Cory. Cory Ikans.“

„Cory. Seine Ausbildung war abgeschlossen. Er war ein offizieller Hunter, bei uns unter Vertrag. Wie hat er sich bei seinen ersten Aufträgen angestellt?“

Bei der Erinnerung lief mir ein Schauer über den Rücken. Dass er überlebt hatte, war auch schon alles. „Ganz solide“, log ich. Rock hob eine Augenbraue und ich seufzte. „Mittelmäßig. Okay, er war katastrophal“, gab ich schließlich zu. „Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, als er mit Kat5 anfing und bewusstlos wurde.“

Rock überspielte sein Lachen mit einem Husten, dann sah er mich wieder ernst an. „Siehst du, worauf ich hinaus will?“

„Nicht wirklich“, erwiderte ich. „Er hat sowohl sich als auch den Daemon überschätzt und wäre ohne mich draufgegangen. Aber ich spreche nicht von Huntern frisch aus der Ausbildung, Rock. Wir haben genug Leute, die schon ein oder zwei Jahre im Beruf sind.“

„Und du würdest jedem von ihnen zutrauen, einen Daemon zu schwächen, laufen zu lassen, von dir selbst auf den Wirt zu lenken und ihn dann erfolgreich zu exzidieren?“

Ich schwieg.

„Ich weiß, dass du den Job nicht machen willst, Coon und ich kann es dir nicht verübeln. Aber die letzten Berichte von Harry über unsere Einnahmen waren nicht beruhigend. Wir brauchen das Geld, wenn wir die Ausbildung von neuen Huntern finanzieren und unsere Basis behalten wollen. Ich bezahle euch alle überdurchschnittlich gut, vor allem dich, aber dafür müsst ihr manchmal auch tief in die Scheiße greifen.“

„Ich kann das nicht, Rock“, sagte ich leise und starrte auf die Holzmaserung der Bar. „Ich kann nicht so tun, als wäre das Leben dieses Mädchens nichts wert.“

„Coon.“ Rock nahm meine Hand und ich wollte sie instinktiv wegziehen, aber wenn Rock so war wie jetzt, mein Freund, nicht mein Boss, dann brachte ich es nicht übers Herz. Ich sah auf und suchte in seinem Gesicht nach Bedauern. Nach Reue.

Ich fand Beides.

„Ich mache dir ein Angebot“, sagte er und ich horchte auf. „Ich rufe Kriguard an. Jetzt auf der Stelle und sage ihm, dass du den Job nicht machen wirst. Ich werde alles daransetzen, ihm einen unserer anderen Hunter anzubieten. Eins unserer Augen wird den Auftrag übernehmen, das weißt du. Nicht alle haben die Wahl, so wie du. Ich werde den Mord also auf jemanden anderen abwälzen. Auf Samantha, zum Beispiel.“ Er sah mich ernst an. „Kannst du damit leben?“

Ich dachte an Samantha. An ihr offenes Lachen und ihre Goldlocken. An die Freude, die sie an ihrer Arbeit hatte. Bisher war keiner ihrer Aufträge schief gegangen. Sie hatte niemanden auf dem Gewissen.

Ich schon.

Ich sah zu Ida, die neben mir in der Luft schwebte und die ganze Unterhaltung aufmerksam verfolgte. Sie war grauer geworden und ihr unschuldiges Lächeln war von ihrem Gesicht gewichen. Was würde passieren, wenn ich den Auftrag annahm? Würde es genügen, um sie in einen Daemon zu verwandeln?

„Sieh es ein, Coon“, sagte Rock und drückte meine Hand. „Wir würden diese Unterhaltung nicht führen, wenn du den Auftrag wirklich nicht übernehmen wolltest. Heute Morgen bist du ohne ein Wort gegangen. Und jetzt bist du wieder hier.“

„Ich habe keine Wahl“, murmelte ich und starrte auf unsere Hände. Auf den Kontrast zwischen dunkelbraun und weiß.

„Wegen Ida?“

„Der Daemon ihres Vaters ist zu stark für mich allein. Ohne Hilfe wird es enden wie letztes Mal. Und wenn ich kündige, bin ich von den anderen Huntern abgeschnitten.“

Rock nickte. „Stimmt.“

„Ich kann das nicht, Rock…“, flüsterte ich und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Erst Lorene, dann Ida… Und die beiden waren nicht mal beabsichtigt!“

„Ich weiß, Coon.“ Rock stand auf, umrundete die Bar und nahm mich, zu meiner großen Überraschung, in seine breiten Arme. „Aber irgendjemand wird den Job machen. Willst du lieber, dass Samantha dasselbe durchmachen muss wie du? Oder erträgst du einen Toten mehr auf deinem Gewissen?“

Ich atmete tief ein und schloss die Augen.


>Warum hast du Ja gesagt?

Ich saß auf dem Dachgiebel, ein Bein auf dem Dach, das andere an die Wand gelehnt und starrte in den nachtschwarzen Himmel. Sterne sah man im Distrikt nur selten.

„Stell dir vor, du musst ein Loch buddeln“, sagte ich. „In Erde, die an allem haften bleibt, was sie berührt. Nimmst du deine saubere Schaufel oder die, mit der du schon mal ein ähnliches Loch gebuddelt hast?“ Ich sah zu Ida, die dicht unter der Decke schwebte und mich missmutig ansah.

Sie dachte einen Moment lang nach.

>Die Dreckige.

Ich lächelte freudlos und sah wieder aus dem Fenster.


Coon sieht erschöpft aus.

Seit ich tot bin, zieht mich etwas in ihre Richtung, wie eine unsichtbare Kette, die uns verbindet. Ich will ihr vertrauen. Ich will daran glauben, dass sie Daddy beschützen kann. Aber ich habe Angst vor dem, was sie tun wird, um ihr Versprechen zu halten.

Ich will kein Daemon werden.

Bevor ich mich am nächsten Morgen auf den Weg zu Kriguards Anwesen machte, trank ich drei Tassen schwarzen Kaffee. Rock sah mir besorgt dabei zu. Er wusste, je mehr Kaffee ich trank, umso schlechter stand es um meine Laune. Als ich nach einer vierten Tasse verlangte, stellte er mir wortlos ein Glas Wasser auf den Tresen. Ich sah gereizt zu ihm hoch. Er zuckte nicht mal mit der Wimper. Seufzend nahm ich einen Schluck und stand auf.

Ich war fast durch die Tür, da rief Rock mir etwas hinterher. Ich blieb einen Moment lang stehen, dann ließ ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen und zog meinen nachtblauen Mantelkragen fester zu. Für seine Entschuldigungen war es jetzt zu spät.

Ida schwirrte mit undurchschaubarer Miene neben mir her, ihr Lockenkopf starr trotz des Windes, der uns kalt entgegenblies. Statt der Abkürzung nahm ich dieses Mal die herkömmliche Route. Ich hatte für´s erste genug von dunklen Gassen.

Der Wind nahm an Gewalt und Kälte zu und ich musste mich dagegen stemmen, um voranzukommen. Ida blieb unbeeindruckt. Ohne Masse gab es für sie schließlich keinerlei Widerstand. Kurz ertappte ich mich dabei, neidisch zu sein, doch ich biss mir nur wütend auf die Lippe und stapfte resolut weiter.

Ich durfte nicht vergessen, dass Ida tot war. Auch wenn sie mit mir sprach und neben mir durch die Luft flog. Sie war tot. Sie würde niemals erwachsen werden. Ihr Leben war zu Ende. Für immer.


Wir erreichten Kriguards Villa etwa eine halbe Stunde später. Das Anwesen lag hinter einer weißen Mauer und sorgsam getrimmten Büschen verborgen und ein schmiedeeisernes Tor blockierte die Einfahrt. Auf der linken Seite war ein kleiner Kasten angebracht. Ich nahm den dort befindlichen Hörer ab.

„Raccoon Thynlee“, kündigte ich mich an. „Daemonenhunter. Ich wurde von Mr. Kriguard für eine Exzision gebucht.“

„ID?“, erwiderte eine kratzige Stimme. Ich hielt meine Lizenz vor die kleine Kameralinse und wartete.

„Willkommen auf dem Kriguard-Anwesen“, sagte die Stimme und das Tor öffnete sich quietschend. „Bitte finden Sie sich in der Eingangshalle ein.“

Ida schwirrte durch die Gitterstäbe des Tores und drehte sich mehrere Male staunend in der Luft, bevor sie wieder zu mir zurück flog.

>Es ist riesig!

„Stimmt.“ Ich steckte meine ID wieder ein und marschierte los. Der Schnee knirschte unter meinen Boots. Normalerweise mochte ich das Geräusch. Heute klang es wie die Hintergrundkulisse meiner Hinrichtung. Trotzdem folgte ich Idas grau schillernder Gestalt die Auffahrt entlang zur Villa. Als sie den Eingang erreichte, blieb sie plötzlich in der Luft stehen. Blitzschnell schwirrte sie zu mir zurück und blieb dicht hinter mir.

>Mir gefällt dieser Ort nicht.

„Denkst du, mir?“, fragte ich und drückte eine der breiten Flügeltüren auf. Die Eingangshalle sah genauso aus, wie ich erwartet hatte. Marmorboden, weiße Wände, Kronleuchter, ein langer königsblauer Teppich und Familiengemälde an den Wänden. Es gab keine Sitzgelegenheiten, also blieb ich auf halbem Wege stehen und wartete, während Ida durch die Halle flog und sich immer wieder verstört umsah. Schließlich schoss sie zu mir zurück und blieb dicht neben meinem Gesicht in der Luft schweben.

>Da kommt jemand.

Ich folgte ihrem Blick und entdeckte einen gut gekleideten Mann, der die Treppe am Ende der Halle herabstieg. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten und gesprenkelt mit dem Weiß des Alters, aber sein fein getrimmter Bart blieb davon unberührt. Als er uns erreichte, reichte er mir seine Hand und ich schüttelte sie, wenn auch widerwillig. Ich konnte Männer wie ihn nicht leiden, auch ohne, dass sie mich für einen Mord anheuerten.

„Ms. Thynlee, welch eine Ehre, Sie hier zu haben“, sagte er mit tiefer Stimme und ließ meine Hand los. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“

„Das nehme ich an“, erwiderte ich kühl und Kriguard warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er lächelte und sich dann umdrehte.

„Folgen Sie mir.“

Kriguard blieb vor einer schmalen Tür hinter der Treppe stehen, die anscheinend in eins der Untergeschosse führte. Er sah mich aus wachen Augen an.

„Sie sind über den Inhalt des Auftrags unterrichtet?“, fragte er.

Ich nickte. „Darf ich Sie trotzdem bitten, Ihr Vorhaben noch einmal zu überdenken?“, fragte ich. Das war mein letzter Versuch. „Sicher gibt es bessere Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen.“

„Überlassen sie diese Entscheidung bitte mir, Ms. Thynlee“, erwiderte Kriguard, einen Hauch schärfer als zuvor. „Sie sind nicht hier, um mir Ratschläge zu erteilen.“

„Es war nur ein Gedanke.“

„Und das sollte er bleiben“, stimmte Kriguard mir zu. „Seien Sie versichert, dass dies der effizienteste Weg für mich und meinen Geschäftspartner ist. Und ich akzeptiere in diesem Belangen keinen Fehlschlag.“

Ida schwirrte um Kriguard herum und blieb wenige Zentimeter vor seinem Gesicht hängen. Dann streckte sie ihm die Zunge heraus und schoss sofort wieder hinter mich. Je länger sie als Dae verbrachte, umso lebendiger wirkte sie.

Kriguard trat zur Seite und öffnete die Tür für mich. Ich würdigte ihn keines weiteren Blickes und stieg die spärlich beleuchteten Treppen hinunter. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss, gefolgt von einem deutlichen Klicken.

Ida war schneller als ich. Sie schoss zurück und blieb vor dem Türspalt schweben.

>Verschlossen.

Ich stöhnte und rieb mir die Augen. „Fucker…“, murmelte ich und stieg die Stufen hinunter. Ida tauchte wenige Momente später vor mir auf und sah mich fragend an, während sie rückwärts hinunterschwebte.

>Was bedeutet das?

„Vergiss es“, sagte ich und ging durch sie hindurch. „Das ist kein Wort für kleine Mädchen.“

>Ich bin tot. Was soll sonst noch passieren?

Trotz der makabren Situation musste ich lachen. Dae-Ida gefiel mir von Minute zu Minute besser.

Die Treppe mündete in einen eckigen Gang, dessen steinerne Wände Kälte ausstrahlten. Hätte Kriguard hier unten keine Heizung einbauen können? Wir folgten dem Gang, bis wir eine stabil wirkende Holztür erreichten. Ich blieb davor stehen und legte ein Ohr an das Holz. Keine Chance, die Tür war zu dick.

„Ida?“, sagte ich und Ida nickte, bevor sie durch die Tür hindurchschwirrte. Wenige Sekunden später tauchte sie wieder auf, eine Spur grauer als noch zuvor.

>Eine Frau und ein Mann sind angekettet.

„Der Daemon?“

>Noch nicht frei.

„Gut.“ Ich legte die Hand auf die Türklinke, doch Ida schwebte vor mich und sah mich flehend an.

>Tu es nicht, Coon. Bitte.

Ich drückte die Klinke hinunter und trat in den dahinterliegenden Raum. Er war kleiner als erwartet, aber groß genug. In den beiden hinteren Ecken waren Stühle aufgestellt, auf jedem eine Person angekettet, so wie Ida berichtet hatte. Ich sah nach oben. Ein Blitzen an der Decke verriet mir die Position der Kamera, die ich bereits erwartet hatte.

„Ida, beschütz den Mann“, flüsterte ich, um Idas Präsenz nicht zu verraten. „Wenn ich den Daemon loslasse, könnte er ihn angreifen.“ Sie schwirrte davon, blieb aber auf halber Strecke in der Luft stehen und schoss zu mir zurück.

>Was tut er hier?

„Gute Frage. Aber er scheint bewusstlos zu sein. Geh.“ Ida flog davon und bezog vor dem Mann Stellung, dessen Kopf auf seine Brust gesackt war. Hände und Füße waren an den Stuhl gekettet. Dasselbe galt für die Frau, Britta. Sie allerdings schien wach zu sein, wenn auch in einem benebeltem Zustand. Sie starrte mich ausdruckslos an.

Gelbe Fußspuren bedeckten den Boden, an manchen Stellen dichter als an anderen. Es schien einen Kampf gegeben zu haben. Ich kniff die Augen zusammen. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich das gelbe Schimmern um Brittas Körper erkennen, das einen Daemon verriet.

Ich machte einige Schritte nach vorne, atmete tief durch und umrahmte mit meinen Handflächen ein hohles Dreieck.

„WARTE!“

Ich drehte den Kopf. Ida schwirrte unsicher um den Kopf des Mannes, der erwacht war und mich entsetzt ansah. „Du bist die Hunterin, oder?“, fragte er und ich nickte. „Bitte! Ich tue alles, was du willst, aber lass Britta am Leben! Bitte!

Für einen Moment hatte ich Christophers Stimme im Kopf, doch ich verbannte den Gedanken sofort. Das war der schlechteste Zeitpunkt, um an ihn zu denken.

„Und du bist?“, fragte ich und ließ die Hände sinken. Der Mann atmete erleichtert aus.

„Reagan. Ihr Bruder.“

Ich sah zu der Kamera hinauf. Kriguard beobachtete mich, ich wusste es. Ich durfte mich nicht zu lange ablenken lassen.

„Klär das mit eurem Vater“, sagte ich. „Ich bin nur für eine Exzision hier, nicht mehr und nicht weniger.“

„Du lügst.“ Reagans Stimme wurde eisig. „Du sollst sie sterben lassen. Ich weiß Bescheid.“

Gottverdammte Scheiße.

„Und warum bist du hier?“, fragte ich zurück. „Warum bist du angekettet?“ Ich kniff die Augen erneut zusammen, aber Reagan war sauber. Keine Spur von Gelb an ihm zu entdecken.

Reagan sah mich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an, dann ließ er den Kopf hängen. Er lachte humorlos. „Als Strafe.“

„Strafe wofür?“

Er antwortete nicht. Ida legte den Kopf schief und flog um ihn herum. Britta knurrte leise und ich hob meine Hände.

„Nein, warte!“ Reagans Stimme wurde wieder panisch. „Ich sag dir alles, was du wissen willst, nur bitte, töte sie nicht.“

Ich nickte ihm zu, als Geste, weiterzureden. Reagan schluckte. „Britta war…“ Er verstummte wieder.

„Sie hat eine Entscheidung getroffen, die eurem Vater nicht gefiel“, sagte ich. Reagan verzog das Gesicht.

„Ja, so könnte man das sagen. Wir haben beide eine schlechte Entscheidung getroffen. Britta soll dafür sterben und ich darf ihr dabei zusehen. Ein Erbe reicht meinem Vater schließlich.“ Seine Stimme klang verbittert.

„Also was jetzt?“, fragte ich, ein wenig genervt. „Was habt ihr verbockt?“

Reagan hob den Kopf und sah zu Britta hinüber, die sich in ihren Fesseln wand. Als er schließlich sprach, ließ ich meine Hände sinken.

„Bitte was?“ fragte ich, der festen Überzeugung, mich verhört zu haben.

Reagan lachte leise.

„Wir waren zusammen. Ich habe sie geliebt.“

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