Daemon (1/5)

Leise fluchend zog ich meinen nachtblauen Mantel enger und stemmte mich gegen den Schneesturm, der mich auf dem Rückweg vom Bahnhof überrascht hatte. Nach drei Wochen außerhalb der Grenzen wollte ich nur einen Wodka und ein heißes Schaumbad, bevor ich die nächsten drei Tage durchschlief. Bei dem Gedanken an meine warme Wohnung zog sich mein Brustkorb sehnsüchtig zusammen.

Hinter mir nahm ich das Röhren eines heranfahrenden Autos wahr. Wenige Sekunden später raste es dicht an mir vorbei. Die Reifen schnitten durch den braunen Schneematsch und eine Woge Eiswasser spritzte auf den Bordstein und durchtränkte meine Jeans.

„Fucker“, schrie ich dem Autofahrer hinterher und bereute es sofort wieder, als sich die warme Luftblase unter meinem Kragen in die Nacht verflüchtigte. „Gottverdammte…“

Bevor ich den Satz beenden konnte, blieb mein Blick an einem hellen Lichtstreifen vor mir hängen. Ich beschleunigte meine Schritte, zwang meine steifen Gliedmaßen, sich zu bewegen und erreichte die Stelle wenige Momente später. Zu meiner Rechten lag eine Durchfahrt. Gleißend weißes Licht erhellte sie bis an ihr Ende, ab da übernahm durchdringende Finsternis, die alles in erstickende Dunkelheit hüllte.

Zu unterkühlt, um Ansprüche zu stellen, bog ich ab und atmete gleich erleichtert aus. Es war immer noch kalt, aber die Hausmauern fingen den Wind ab und als ich mich weiter in die Mitte stellte, erreichte mich nicht mal mehr der Schnee.

Nur eine kurze Pause, dann würde ich weitergehen. Bis zur Basis war es nicht mehr weit. Als ich den Kopf drehte und zur Straße zurückschaute, entdeckte ich eine ähnlich geschnittene Durchfahrt, die sich gleich gegenüber zwischen zwei Mietshäuser drängte. Ich kniff die Augen zusammen.

Gelbe Spuren, halb verblasst, führten über den Bordstein bis zur Eingangstür. Ich blinzelte. Als meine Augen sich wieder fokussiert hatten, waren die Spuren verschwunden. Mein Blick schweifte nach oben. Hinter einem der Fenster stand eine dunkle Gestalt. Ein gelber Schimmer folgte ihr, aber als ich genauer hinsah, schien alles normal.

Genervt rieb ich meine Augen. Wenn ich nicht bald ins Warme kam, würde meine Sicht sich nicht bis morgen früh regenerieren. Wenn ich mich schon wieder krankschreiben ließ, brachte Rock mich um.

Ich hatte mich gerade zum Weitergehen durchgerungen, da spürte ich ein bekanntes Vibrieren an meinem Bein. Ich kramte in meiner Manteltasche und zog mein Diensthandy hervor.

Absender: Harry Limes

Nachricht: Triff mich in der B Lounge. 01:00. Sei pünktlich. H.

Ich stöhnte und überprüfte die Uhrzeit. Es war bereits viertel vor eins. Jetzt musste ich mich wirklich beeilen.


„Daddy?“

Er sagt nichts, sondern schaut aus dem Fenster.

„Daddy, ich habe Angst“, flüstere ich. Mir steigen Tränen in die Augen. Als er sich schließlich zu mir umdreht, huschen seine Augen suchend durch den Raum. Sein Blick gleitet gleichgültig über mich.

Ich laufe zu ihm und greife nach seiner Hand, aber er stößt mich weg. „Ich kenne sie…“, murmelt er.

Mit dieser Stimme, die nicht seine ist.

„Coon.“ Rock schob mir schwungvoll ein Glas mit klarer Flüssigkeit zu. „Willkommen zurück.“ Ich griff danach, nippte hoffnungsvoll und verzog sofort das Gesicht. Es war Wasser. „Ich hatte dich nicht vor morgen früh erwartet.“

„Planänderung“, erwiderte ich und kippte den Kopf zurück, um das Wasser in einem Zug runterzuspülen, bevor ich es zu Rock zurück schlittern ließ. Es kam klirrend vor seinen fleischigen Händen zum Stillstand. „Diesmal was Richtiges, bitte.“

Rock lachte und klopfte einmal auf den Tresen, während er sich vorlehnte.

„Nichts da“, sagte er und warf mir ein breites Grinsen zu, das ich mit kühler Miene erwiderte. „Harry wartet in B auf dich.“

Ich wog die Möglichkeit ab, schnell noch in meine Wohnung im Dachgeschoss der Hunterbasis zu fliehen und mir wenigstens trockene Sachen anzuziehen, aber Rocks Miene verdüsterte sich bereits, so als könnte er meine Gedanken lesen. Es war wohl etwas Ernstes, was da in B auf mich wartete. Meinetwegen.

Ich stand auf und klatschte Rock ein paar Münzen auf die Theke. „Lass mir schon mal das Badewasser ein, wärst du so gut?“

Sofort verschwand das Stirnrunzeln und wurde durch sein schneeweißes Grinsen ersetzt, während er sich Richtung Küche lehnte. „Mary! Badewasser für Coon!“

Ein genervtes Murren wurde laut, bevor eine kleine, kurvige Frau mit pechschwarzen Locken und hakiger Nase aus der Küche stampfte, eine Schürze um die üppige Taille gebunden. Sie trocknete ihre Hände mit einem Handtuch ab, schlug Rock damit gegen den kahlen Hinterkopf und warf es sich anschließend über die Schulter. Wortlos verschwand sie nach oben.

Die B Lounge schloss sich gleich an die Bar an und war nur für Mitglieder der Organisation zugänglich. Der Türsteher blickte kaum von seinem Handy auf, als ich an ihm vorbei und hindurch ging. Man kannte mich.

Die Lounge war nicht besonders groß. Dunkle Dielen und vertäfelte Wände schluckten das schummrige Licht der Wandlampen und die runden Tische waren, bis auf einen, unbesetzt.

Unser Head of Security hatte sich in der hintersten linken Ecke eingerichtet, eine Zigarre in der rechten Hand, den Kopf gesenkt. Mit den Fingern trommelte er auf einen Papierstapel, der sich gegen das fettig glänzende Holz abhob.

Obwohl Harry eine Handbreit kleiner war als ich, fielen ihm die Frauen zu Füßen. Leicht gewelltes, goldblondes Haar, definierte Gesichtszüge und stahlblaue Augen verliehen ihm das Aussehen eines Engels, doch sie verbargen nicht nur einen düsteren Humor, sondern auch einen eiskalten Geschäftssinn. Harry hatte keine Freunde. Nur Menschen, die ihm von Nutzen waren und solche, die ihm im Weg standen. Von seiner Attraktivität machte er trotzdem Gebrauch; und nicht zu knapp.

„Harry“, begrüßte ich ihn und ließ mich gegenüber in einen der kurzbeinigen Sessel sinken. Eiswasser tropfte von meinem Hosensaum auf das Parkett. Mein Enthusiasmus für dieses Gespräch hätte gut in eins von Rocks Shotgläsern gepasst.

Er blies einen Rauchring in meine Richtung und lehnte sich zurück. Das Licht flackerte. „Das Auge. Ich hatte mich schon gewundert, ob du noch auftauchen würdest.“

Ich warf einen Blick auf mein Handy. Es war 1:02 Uhr.

„Du hast Glück, dass ich schon zurück bin“, erwiderte ich kühl. Ungewollt lief mir ein Schauer über den Rücken, so wie jedes Mal, wenn ich mit Harry alleine war. Er hatte die Aura eines Raubvogels. „Eigentlich wollte ich erst morgen den Zug nehmen.“

Harry lächelte und zog an seiner Zigarre. „Kein Glück, Raccoon. Auch ich besitze Augen, wenngleich anderer Natur.“

„Was willst du?“, fragte ich und verschränkte die Arme. Mein Mantel war durchnässt, ich war erschöpft und mir war scheißkalt.

„Wie lief dein Auftrag?“, fragte er, meine eigene Frage gekonnt ignorierend.

„Harry“, sagte ich. „Du hast Leute, die dir sagen, wann ich mein Hotel verlasse, welchen Zug ich nehme und was ich gefrühstückt habe. Wahrscheinlich sogar, welche Unterwäsche ich heute trage.“ Ich sah ihn skeptisch an. „Aber du weißt nicht, wie mein Auftrag gelaufen ist?“

„Natürlich weiß ich, wie er lief.“ Harry beugte sich vor und sah mir in die Augen. „Aber ich will deine Version hören.“

„Glaubst du, ich verheimliche dir etwas?“

„Wenn du mir weiter ausweichst, werde ich das denken. Also erspar mir die Kopfschmerzen und fass deinen Auftrag kurz für mich zusammen, hm?“

Seufzend lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück.

„Der Auftraggeber war Kevin Lewis, CEO von SHARD, dieser Waffenfirma aus den Randdistrikten.“ Harry nickte. „Irgendjemand brach jede Nacht in ihr Lager ein. Verschob Kisten, schaltete den Strom an und aus und entwendete einige der Waren. Lewis hat die Polizei kontaktiert, aber die fanden nichts Ungewöhnliches. Also kam er zu Rock.“

„Und Rock kam zu dir.“

„Exakt. Er schickte mich hin und ich verbrachte knapp drei Wochen damit, den Daemon ausfindig zu machen.“

„Wer war sein Wirt?“

Ich lachte humorlos. „Kevins Frau, die Arme. Am Anfang war sie unverdächtig, aber je länger ich da war, umso öfter hat sie Fehler gemacht. Danach war es ein Kinderspiel.“

„Hast du den Daemon exzidiert?“

„Nein, ich habe ihn natürlich gegessen.“ Ich sah ihn ausdruckslos an. „Wofür hältst du mich?“

„Entschuldige.“ Er zog ein letztes Mal an der Zigarre, bevor er sie in dem Kristallaschenbecher ausdrückte.

„War´s das?“, fragte ich hoffnungsvoll und dachte an die Badewanne, die oben auf mich wartete.

„Nicht ganz.“ Harry schwieg einen Moment, dann schob er mir die Dokumente zu. „Was sagen dir diese Namen?“

Misstrauisch überflog ich die Liste.

Karina Cooth
Samantha Shackle
Laurence Mines
Raccoon Thynlee
Joseph Marret
Margret Lopez
Tessa Livon
Tom Hines

 Ich scannte den Rest der Namen. Die meisten waren Daemonenhunter, einige von ihnen Augen, so wie ich, außerdem andere Angestellte aus unserem Unternehmen. Nur drei Namen sagten mir gar nichts.

Caroline Michakov, John Low und Martin Smith. Harrys Spione, ohne Zweifel.

„Unsere Leute“, sagte ich vage. „Was soll mit ihnen sein?“

Harry stand auf und nahm mir die Liste wieder ab. „Einer von ihnen ist ein Maulwurf.“

„Mein Name stand auch auf der Liste“, murmelte ich und Harry nickte.

„Fühl dich bitte beobachtet. Außerdem…“ Er grinste und wandte sich Richtung Tür. „…steht dunkelblau dir ausgezeichnet. Gute Nacht.“


Es ist kalt.

Meine Füße tragen mich immer weiter. Ich muss sie finden. Schnee weht mir ins Gesicht und ich weine leise, während ich mir die Arme reibe. Ich habe keine Jacke. Meine Schuhe sind nicht wasserdicht. Es ist bitterkalt.

Ich muss zu ihr.

Ich seufzte leise, als das heiße Badewasser über meine Brust schwappte und mich in einen Mantel aus Wärme und Geborgenheit hüllte. Ich rutschte tiefer in die Wanne, ließ meinen Kopf sanft gegen den Porzellanrand gleiten und schloss die Augen.


Als ich aufwachte, waren meine Finger schrumpelig und das Wasser kalt. Hastig wusch ich mir die Haare und stieg aus der Wanne auf ein Handtuch. Zitternd sah ich den schwarzen Haaren dabei zu, wie sie strudelartig im Abfluss verschwand.

Ich wickelte mich in meinen gestreiften Bademantel und tapste auf nassen Sohlen durch den Flur zu meinem Schlafzimmer. Meine Wohnung lag im Dachgeschoss der Basis. Ein Bad, Schlafzimmer, Flur und eine Wohnküche auf ungefähr 40 Quadratmetern waren mein Zuhause.

Erschöpft und mit nassem Haar ließ ich mich ins Bett fallen und zog die Decke bis über die Ohren. Einige Minuten blieb ich in der Dunkelheit liegen. Es half nichts; meine Augen kribbelten, als würden Ameisen durch meine Augenhöhlen wandern. Resigniert stand ich auf und kramte nach den Schlaftabletten, die ich für solche Momente immer in meinem Nachtschrank aufbewahrte. Als ich sie gefunden hatte, spülte ich sie mit einigen Schlucken Wasser hinunter und ließ mich zufrieden in die Matratze sinken.

Es dauerte nicht lange, bis mein alter Gefährte Schlaf mich übermannte.


Als mich am nächsten Morgen ein Klopfen an meiner Tür weckte, war es noch dunkel. Ich stöhnte und rollte mich auf die Seite, entschieden, noch ein paar Stunden zu schlafen.

Der scharfe Klang von Knöchel auf Holz wiederholte sich ruppig. Genervt torkelte ich zur Tür und riss sie auf. Mary blieb von meinem halb verrutschten Shirt und abstehenden Haaren völlig unbeeindruckt.

„Aufstehen“, sagte sie nur und verschwand so schnell die Treppe hinunter, dass ich einen kurzen Moment zweifelte, ob sie wirklich hier gewesen war.

Etwa zwanzig Minuten später saß ich an einem der Tische in Rocks Bar und schlürfte einen schwarzen Kaffee, den Rock wohlweislich vorbereitet hatte. Das Sandwich, das auf einem Teller daneben lag, ignorierte ich vorerst. Essen am frühen Morgen lag mir nicht. Stattdessen nahm ich einen großen Schluck Kaffee, ließ das Koffein durch meinen Körper strömen und verbrannte mir die Zunge.

Meine Tasse war gerade leer, da stand Rock bereits neben mir, füllte nach und legte einen gefalteten Brief auf mein Sandwich.

Misstrauisch schielte ich von meiner zweiten Tasse zu ihm hoch.

„Nicht dein Ernst, Rock“, sagte ich und stellte den Kaffee ab. „Gönn mir ´ne Pause!“

„Kann ich nicht“, sagte Rock und sah immerhin ansatzweise so aus, als tue es ihm Leid. „Wir brauchen einen Profi.“

„Wozu bilden wir neue Hunter aus, Rock? Damit trotzdem ich alles mache?“

Rock nahm gegenüber Platz, griff nach dem Sandwich und biss hinein, ein Ausdruck größter Zufriedenheit auf seinem Gesicht.

„Wie sollen sie Erfahrung bekommen, wenn du ihnen nur Minijobs gibst, die jedes Baby erledigen kann?“

„Erstens“, sagte Rock und schluckte, „gibt es ein Mittelding zwischen Babyjobs und High-Priority-Missionen, die gefährlich sind.“

„Oh, ich riskiere gern bei jedem Auftrag mein Leben, Rock, gar kein Problem.“

„Zweitens“, fuhr er ungerührt fort, „hat unser Auftraggeber explizit nach dir gefragt. Wenn du den Job nicht übernimmst, fällt der Auftrag ins Wasser.“

„Dann kann es nicht so dringend sein“, murrte ich und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Langsam verschwanden das Pochen in meinem Kopf und das Kribbeln in meinen Augen.

„Ist mir egal, wie dringend der Fall ist“, sagte Rock und sein Tonfall wurde eine Spur schärfer. Er beugte sich vor, sein Gesicht nur noch Zentimeter von meinem entfernt. „Der Auftrag bringt eine Menge Geld ein, Geld, das wir derzeit verdammt gut gebrauchen können. Und du bist vertraglich an uns gebunden. Viel Spaß bei der Suche nach einer anderen Organisation, die dir genauso viele Prozente zahlt wie wir.“

Ich verzog das Gesicht.

„Fein“, sagte ich schließlich und atmete erleichtert aus, als Rock sich wieder zurücklehnte und dem Sandwich widmete. „Bringen wir es hinter uns.“ Ich nahm den Brief, entfaltete ihn und überflog die Details.

„Kriguard?“, fragte ich überrascht und sah auf. „Ist das nicht dieser Zeitungsverleger? Von dieser… wie heißt sie noch gleich, National irgendwas?“

National News Post“, stimmte Rock zu. „Er gehört zu den einflussreichsten Männern im Distrikt.“

„Und was ist sein Problem, dessen nur ich mich annehmen darf?“, fragte ich brüsk und nahm die letzten paar Schlucke Kaffee. Rock ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Dann sah er mir in die Augen.

„Du sollst seine Tochter umbringen.“


Ich kann die Bar schon sehen.

Sie liegt am anderen Ende der Straße, in die Ecke zwischen zwei Wohnblocks gequetscht. Die Lichter sind nur gedimmt, aber als ich näherkomme, kann ich das OPEN-Schild im verschmierten Fenster erkennen. Hier muss sie sein. Vor der Tür bleibe ich stehen.

Ich habe Angst.

Ich prustete und spuckte den Kaffee geradewegs ins Rocks Gesicht, der keine Miene verzog, sondern sich lediglich mit einer Servierte das Gesicht abwischte.

„Bitte was?!“, fragte ich, hoffend, mich verhört zu haben. Vergebens.

„Er ist fest davon überzeugt, dass seine Tochter von einem Daemon besessen ist. Allerdings hat sie einige Entscheidungen getroffen, die ihm nicht gefallen.“

„Und jetzt soll ich sie zufällig aus dem Weg räumen?“

„Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Exzision fehlschlägt.“

„Das ist nicht dein Ernst, Rock“, sagte ich und faltete die Hände vor meinen Augen. „Du willst mich nicht wirklich dafür anheuern, ein Mädchen zu töten, nur damit der Ruf ihres Vaters nicht gefährdet wird.“

Rock schwieg.

„Bitte sag mir, dass du mich gerade nicht um einen Auftragsmord bittest.“

„Wir brauchen das Geld“, sagte Rock und ich stand wütend auf.

„Du kannst dir dein Geld sonst wohin stecken!“, schrie ich ihn an. „Ich mache den Job nicht. Ich exzidiere den Daemon, aber ich werde niemanden töten.“

„Du weißt noch nicht, um welche Geldsumme es geht“, sagte Rock und bedeutete mir, mich hinzusetzen. Ich blieb stehen, die Arme verschränkt. Er seufzte.

„Wir sprechen nicht von unseren üblichen Fünfzigtausend, Coon. Hier geht es um Fünfhundert.“

„Macht keinen Unterschied.“

„Hör zu“, sagte Rock und seine Stimme wurde mit einem Mal so leise, dass ich mich wieder hinsetzen musste, um ihn zu verstehen. „Harry hat gestern mit dir gesprochen, ja?“

„Hat er.“

„Hat er dir von unserem Verdacht erzählt?“

„Von dem Maulwurf? Ja, hat er.“ Meine Augen verengten sich. „Wenn du mich jetzt mit Loyalität gegenüber der Organisation erpressen willst, vergiss es. Du willst mich rausschmeißen, bitte schön, aber glaub nicht, dass ich deswegen nachts schlechter schlafen werde.“

„Wir reden längst nicht mehr von rausschmeißen, Coon“, flüsterte Rock. Die Glocke der Eingangstür klingelte hinter mir, aber ich war weiterhin auf Rock fixiert. „Wenn du jetzt etwas tust, was nur annähernd verdächtigt wirkt, nimmt Harry dich aufs Korn. Er lässt dich umbringen, glaub nicht, dass er es nicht tut.“

„Ich soll lieber meine eigene Haut retten?“, fragte ich spöttisch.

„Ja, sollst du.“

Ich seufzte. „Rock. Du bist neben Christopher mein engster Freund. Ich will nicht meine Achtung vor dir verlieren.“

Er lachte bitter und stand auf. „Dafür ist es wohl zu spät. Du startest den Fall oder du fliegst raus. Gib mir heute Abend Bescheid, was es sein wird.“

„Lass schon mal meine Sachen packen!“, rief ich ihm hinterher, als er zurück zur Theke ging. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Wann war mein freier Tag so aus dem Ruder gelaufen?

„Gottverdammte Scheiße…“, murmelte ich.

„Entschuldigung, Miss?“

Ich hob den Kopf und drehte mich um. Ein Mädchen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, stand vor mir. Rote Locken umrahmten ihr rundes Gesicht und ihr blauer Pulli troff von geschmolzenem Schnee. Ihre Schuhe waren durchnässt, genauso wie ihre Hose.

„Hi“, sagte ich, etwas überrumpelt. Wenn man mich fragte, gehörten Kinder einer anderen Spezies an. Ich war nie gut mit ihnen klargekommen und hier war nun wirklich der letzte Ort, wo ich eines erwartete.

„Sind sie Raccoon Thynlee?“, fragte sie. Ihre Augen waren geweitet, als sie zu mir aufschaute.

„Die bin ich“, erwiderte ich vorsichtig und warf einen schnellen Blick zu Rock, der seinerseits interessiert das Mädchen beobachtete. Als er meinen Blick bemerkte, zuckte er mit den Schultern.

Die Kleine atmet erleichtert auf. „Ich brauche Ihre Hilfe, Miss Thynlee. Bitte!“

„Wobei genau?“, fragte ich misstrauisch. Was wollte ein Kind von mir?

„Es ist mein Vater.“ Sie schaute zu Boden. „In letzter Zeit verhält er sich ganz anders. Er bemerkt mich kaum noch!“ Ihre Augen begannen zu glänzen und ich stöhnte innerlich. Ich kam wirklich nicht gut mit Kindern klar.

„Erwachsene sind manchmal so“, sagte ich und tätschelte unbeholfen ihre Schulter. „Wie heißt du überhaupt?“

Sie schniefte und sah zu mir hoch. „Ida.“

„Ida.“ Ich nickte. „Deinem Vater geht es bestimmt gut“, beruhigte ich sie. „Er hat sicher nur sehr viel zu tun.“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Das ist es nicht, wirklich!“, fuhr sie lauter fort. „Seine Stimme klingt anders als sonst, tiefer. Und gestern stand er am Fenster und hat hinaus gesehen. Und danach hat er sich in sein Arbeitszimmer eingeschlossen und Gegenstände an die Wände geworfen! Und er hat immer wieder dieselben Worte geschrien…“ Dicke Kullertränen liefen ihre Wangen hinunter und ich sah mich hilfesuchend um. Rock war verschwunden. Verräter…

„Hey, hey, ganz ruhig“, murmelte ich und wischte ihr die Tränen mit meiner Serviette weg. „Was hat dein Vater denn immer wieder gesagt?“

Ich kenne sie.“

Ich stutze. „Sonst nichts?“

„Nein.“ Ida schniefte.

Mir kam ein Gedanke. Er war so verrückt und aus der Luft gegriffen, dass ich ihn beinahe sofort wieder verworfen hätte. Aber nur beinahe.

„Wo wohnst du?“, fragte ich vorsichtshalber und versuchte, mich an die Straße zu erinnern, in der ich gestern die gelben Spuren gesehen hatte. Wenn ich mich nicht täuschte, war es die…

„Königsstraße“, sagte Ida leise und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Königsstraße 89.“

Fuck…“ Ich stöhnte und massierte meine Nasenwurzel. Da hatte sich Idas Vater wohl einen Daemon eingefangen. Und nicht irgendeinen. Der Daemon kannte mich. Ich gluckste humorlos. Kennen. Natürlich. Wenn überhaupt hatte er eine vage Ahnung, mir schon einmal begegnet zu sein. Wesentlich beunruhigender war, dass es nur einen Daemon gab, der mir je entkommen war.

Und mit dem war nicht zu spaßen.

„Hör mal, Ida“, sagte ich und sah der Kleinen in die Augen. „Vielleicht solltest du vorerst hier bleiben. Bei deinem Vater ist es derzeit etwas… gefährlich.“

„Gefährlich?“

„Gefährlich“, sagte Rock, der in diesem Moment hinter Ida auftauchte und eine dampfende Tasse Kakao vor ihr auf den Tisch stellte. „Magst du heiße Schokolade?“

Ida sah zu Rock hoch, der über ihr in die Höhe ragte, seine schwarzen Gorillaarme vor der breiten Brust verschränkt. Dann sah sie zu der Tasse, hob sie hoch und nahm einen zaghaften Schluck.

„Mmhhh…“, gurgelte sie, bevor ihr Gesicht hinter dem Tassenrand verschwand.

„Mary!“, rief Rock. Seine Frau tauchte wenige Sekunden später in der Küchentür auf, das Gesicht zu einer genervten Grimasse verzerrt.

„Was denn jetzt!“, rief sie und Rock lachte leise, bevor er sich zu ihr umdrehte.

„Kannst du dich um Ida hier kümmern?“

„Ida?“, fragte Mary und reckte den Hals. Als sie Ida entdeckte, die ihren Kakao schlürfte und schließlich mit Schokomund und leuchtenden Augen von ihrer Tasse abließ, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig.

Sie schlängelte sich an der Bar vorbei, wischte ihre Hände an der Schürze ab und ging vor dem Mädchen in die Hocke.

„Hallo, Kleines“, sagte sie und strich Ida liebevoll über den roten Lockenkopf. „Was tust du denn hier bei uns? Komm, ich zeig dir die Küche.“

Ida sah misstrauisch von ihr zu mir. „Werden sie mir helfen, Miss?“

„Natürlich wird sie das“, sagte Mary liebevoll, warf mir einen mörderischen Blick zu und nahm Ida bei der Hand. „Na komm. Coon kümmert sich um alles andere. Auf sie kannst du dich verlassen.“ Als sie mit Ida an der Hand in Richtung Küche verschwand, sah sie mich ein letztes Mal warnend an. Rock kaschierte sein Lachen mit einem gekonnten Hüsteln.

Ich starrte Ida hinterher. Eigentlich hatte ich noch nicht zugesagt.

„Du hast keine große Wahl mehr, Coon“, sagte Rock und sah seiner Frau wissend hinterher. „Wenn du dem Mädchen nicht hilfst, häutet Mary dich.“

„Ich habe immer eine Wahl, Rock.“ Ich fuhr mich durchs Haar. „Und langsam hab ich´s satt, dass mir jeder vorschreiben will, welche Aufträge ich zu erledigen habe.“

„Du willst ihr nicht helfen?“

„Ehrlich gesagt, nein.“

Das erweckte nun doch Rocks Aufmerksamkeit. „Die große Raccoon Thynlee hat Angst vor einem Daemon?“, fragte er und hob eine Augenbraue. „Dass ich den Tag noch erleben darf.“

„Ich weiß ja nicht, ob das inzwischen jeder hier vergessen hat, aber Daemonen sind gefährlich!“, erwiderte ich hitzig und stand auf, um nicht ganz so sehr zu Rock hochblicken zu müssen. „Und der hier ganz besonders.“

Rocks Augen weiteten sich. „Du kennst den Daemon?“

Ich nickte. „Wenn ich mich nicht irre, ist es der von letztem Jahr.“

Rock schwieg einen Moment. „Mit letztem Jahr meinst du…“

„Ganz genau.“ Mein Blick schweifte in die Ferne. Draußen schneite es ununterbrochen. „Er hat damals Lorene gebissen.“

„Christophers Verlobte?“

„Genau die.“ Ich schloss die Augen. „Wenn ich nur besser aufgepasst hätte, dann hätte ich die Exzision nicht vermasselt.“

„Was ist passiert?“

Ich sah Rock ungläubig an. „Was eben passiert, wenn man von einem Daemon gebissen wird. Sie ist zu einem Dae geworden. Zum Glück hat sie sich aufgelöst, bevor sie zu einem vollen Daemon werden konnte.“

„Shit“, sagte Rock.

„Jedenfalls will ich mich mit diesem Daemon nicht nochmal anlegen“, fügte ich nach einer kleinen Pause hinzu. „Die Viecher werden mit der Zeit nur stärker. Und der hier kennt mein Exzisionsmuster.“

„Du willst Idas Vater also einfach im Stich lassen?“, fragte Rock und sah mich lange an. „Das hätte ich nicht erwartet.“

„Fick dich, Rock.“ Ich griff nach meiner Kaffeetasse und schmiss sie nach dem Barbesitzer, der für seine Größe elegant auswich. Das Porzellan zerschellte auf dem dunklen Dielenboden. „Erst kommst du mir mit einem Auftragsmord und jetzt versuchst du, mir ein schlechtes Gewissen zu machen? Willst du mich verarschen?“

„Chill, Coon. Entspann dich mal.“

„Nein.“ Ich stand auf. „Nein, ich glaube, ich chille jetzt nicht mehr. Weißt du was? Ich geh jetzt meine Sachen packen. Such dir wen anders, der den Auftrag annimmt, ich bin raus hier.“

„Raccoon, jetzt komm schon.“ Rock griff nach meinem Handgelenk, als ich an ihm vorbei Richtung Treppen stapfte. „Lass es dir doch wenigstens bis heute Abend durch den Kopf gehen.“

„Da gibt es nichts zum durch den Kopf gehen lassen.“ Ich riss mich los. „Sag Harry, dass ich ein Attentat gerne vermeiden würde, meine Schweigepflicht gilt weiterhin. Aber ich mache bei sowas nicht mit.“


Mary ist nett.

Sie zeigt mir die Küche, gibt mir etwas von der Suppe zum Probieren und sucht dann ein paar trockene Klamotten zusammen. Ich habe ganz vergessen, wie es sich anfühlt, nicht durchgefroren zu sein. Als wir in den Schankraum zurückgehen, ist Ms. Thynlee nicht mehr da. Als ich Marys Mann nach ihr frage, zuckt er nur die Schultern und sagt, sie sei gegangen. Mary bringt mich auf ein Zimmer. Ich laufe eine Weile ziellos umher und gehe schließlich zum Fenster.

Es ist unverschlossen.

Die Hände in meinen Manteltaschen vergraben, lief ich durch den Schnee, der seit letzter Nacht liegen geblieben war. Die Sonne ging gerade auf und versprach einen wärmeren Tag als gestern, aber ich war trotzdem nicht zu hoffnungsvoll. Als ich am gestrigen Abend das Hotel verließ, war auch noch strahlender Sonnenschein gewesen, bevor es wenige Stunden später in einem Blizzard umgeschlagen war. Man konnte sich dieser Tage auf nichts mehr verlassen.

Meine rechte Hand zerknüllte den Auftrag, den ich mitgenommen hatte. Ich hatte schon einige Enttäuschungen in meinem Leben einstecken müssen, nicht zuletzt Christophers Verlobung mit einer Frau, die ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, aber Rocks Bitte ließ mein Herz wie einen Stein in meiner Brust liegen.

Was dachte er sich dabei? Sicher, das Geld war knapp geworden, aber dass er mich deshalb um einen Mord bitten würde? Er wusste, wie sehr mich Lorenes Tod mitgenommen hatte. Ich war an der Scheiße fast zerbrochen und jetzt das?

„Fuck…“, murmelte ich leise und stapfte heftiger als nötig über die Straße. Das zerknitterte Papier stach in meine Haut, aber ich drückte nur noch fester zu.

Es dauerte kaum zehn Minuten, bis mein Handy vibrierte und Harrys SMS ankündigte, die ich seit Verlassen der Basis erwartete. Es dauerte nie lange, bis Harry Dinge erfuhr.

Ich warf einen kurzen Blick auf den Text, den er mir gesendet hatte.

Absender: Harry Limes

Nachricht: Du hast bis heute Abend Zeit. H.

Und da war sie, die Morddrohung. Hatte ja lange genug gedauert. Ich lachte leise und blieb stehen. Nachdenklich kramte ich den Auftragszettel aus meiner Manteltasche und knüllte ihn auf.

Kriguard. Der Name lag mir im Magen wie Gift. Mieses Schwein. Er hatte mich engagiert, keinen Auftragskiller. Das hatte er nun davon. Ich suchte nach den Details.

Der Wirt war seine Tochter, Britta. Zeit, Kriguards Anwesen einen Besuch abzustatten und das arme Mädchen von ihrem Daemon zu befreien. Mir sollte keiner vorwerfen, ich würde meinen Job nicht ernst nehmen.

Ich war Raccoon Thynlee. Ich war Das Auge. Ich war einer der vier Hunter des Distrikts, der Daemonen ohne Sichtlinsen sehen konnte.

Und ich war die Einzige, die ihre Spuren sah.


Die Sonne stieg immer höher, während ich zu Fuß zur nächsten U-Bahn-Station ging. Danach trennten mich nur noch etwa zehn Stationen von Kriguards Villa. Ich war schließlich engagiert worden. Niemand würde Grund haben, mich nicht reinzulassen.

Ich warf einen Blick auf mein Handy. Die Bahn fuhr in fünf Minuten und wenn ich dem normalen Straßenverlauf folgte, würde ich es nie im Leben rechtzeitig schaffen. Ich sah mich kurz um. Stoppschilder. Ampeln. Ein Kreisel. Wohnblocks.

Die schmale Gasse entdeckte ich erst, als meine Augen zum zweiten Mal über die Stelle wanderten. Ein Vorteil in diesem Teil der Stadt war, dass die Straßen durch ein Labyrinth aus dunklen Gassen verbunden waren. Wenn man dem Risiko nicht abgeneigt war, ließ sich jede Strecke verkürzen.

Ich zerknüllte den Auftrag wieder und ließ ihn in meiner Manteltasche verschwinden, dann beschleunigte ich meine Schritte und steuerte auf die Gasse zu. Sie war nicht beleuchtet und lag im Dunkeln, aber das störte mich nicht weiter. Es war früher Mittag. Ich hatte nichts zu befürchten.

Als ich das andere Ende erreichte, öffnete sie sich zu einer langen, menschenleeren Straße. Zu beiden Seiten waren Absperrungsschilder aufgestellt, auf der linken Seite hatten Maschinen die Straße aufgerissen und bewachten den losen Schotter wie schlafende Monster.

Ich pustete eine schwarze Haarsträhne aus meinem Gesicht, die der anschwellende Wind dorthin geblasen hatte und wendete mich mit schnellen Schritten nach rechts. In der Ferne konnte ich schon das metallische Quietschen der U-Bahn hören. Bis zu der Station war es nicht mehr weit.

Der Wind schwoll erneut an und jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Wieder wanderten meine Gedanken zu dem Auftrag und ich widerstand dem Drang, mich umzusehen. Zu überprüfen, ob mir jemand folgte.

Es war ein dummer Impuls. Harry hatte mir bis heute Abend Zeit gegeben. Wenn ich Besuch von seinen Leuten bekam, dann morgen oder heute Nacht.

Als ich das Ende der Straße fast erreicht hatte, blieb ich abrupt stehen.

Auf dem Boden vor mir war ein gelber Fußabdruck.

Er war so blass, dass ich ihn aus der Ferne übersehen hatte, aber jetzt, da ich direkt darüber stand, gab es keinen Zweifel mehr. Ich ging in die Hocke und kniff die Augen zusammen.

Ein Daemon, keine Frage. Der Abdruck war mindestens zwei Tage alt, aber Daemonen pendelten häufig zwischen einigen wenigen Orten. Ein Daemon, der hier war, konnte genauso gut jeden Moment wiederkommen.

„Ms. Thynlee!“

Erschrocken fuhr ich herum und entdeckte zu meinem Entsetzen Ida, die schwer atmend auf mich zulief und sich die Seiten hielt.

„Was zur Hölle machst du hier?“ fragte ich wütend.

„Der Wirt meinte, sie wären gegangen. Also bin ich ihnen gefolgt.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „War das falsch?“

„Ja, verdammt!“, fuhr ich sie an. „Es ist gefährlich für Kinder, alleine durch die Gegend zu wandern.“ Ich ging vor ihr in die Hocke und nahm sie bei den Schultern. „Du solltest bei Rock bleiben.“

Ida sah mich mit großen Augen an, dann liefen ihr dicke Tränen über die Wangen. „Aber…“ Sie schniefte. „Aber mein Daddy! Werden Sie ihm helfen?“

„Ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern“, erwiderte ich kalt. „Frag jemand anderen.“

„Bitte…“ Ida schniefte lauter, verschluckte sich und begann haltlos zu schluchzen.

„Gottverdammte Scheiße…“ Ich rieb mir die Schläfen. Ich wollte einen Tag in Ruhe gelassen werden. Einen Tag. War das zu viel verlangt?

Ich packte Ida bei der Hand und steuerte wieder die Gasse an, aus der ich gekommen war. Ich konnte sie schlecht alleine hier lassen und sie mit zu Kriguard zu nehmen, war ausgeschlossen.

„Hör zu“, sagte ich, während ich ein ordentliches Tempo vorlegte und Ida halb mitschleifte. „Ich bringe dich zurück zur Basis, du lässt dir von Rock etwas kochen und morgen kümmere ich mich um deinen Vater, was hältst du davon?“

Ida murmelte etwas, das sich nach einem Okay anhörte, also ging ich weiter. Sie musste schließlich nicht wissen, dass ich morgen nicht mehr in der Basis sein würde. Sollte Mary den Daemon doch selbst exzidieren, wenn ihr so viel daran lag.

Plötzlich hörte ich ein Zischen, gefolgt von einem heiseren Schrei und dem Gewicht eines Kindes, das bewusstlos an meiner Hand hing. Instinktiv ließ ich Ida los und wirbelte herum.

Der Daemon war klein.

Er war wirtlos. Seine schattenhaften Züge verschwammen am Rand, so als würde er sich auflösen und seine breiten Lefzen waren geöffnet. Spitze, schwarze Zähne glänzten in seinem Maul und seine Augen leuchteten gelb. Sie waren rund, wie Gelatinebälle, die jemand halb in dem unförmigen Körper versenkt hatte.

Als er von Idas Körper abließ und zurücksprang, breiteten sich seine kurzen Arme und Beine aus, bevor er einige Meter entfernt wie eine vierbeinige Spinne auf dem Boden landete. Obwohl sein Körper ansatzweise kindlich geformt war, waren seine Bewegungen die einer Kröte.

Er machte einen Schritt auf mich zu, den ich mit einem Schritt nach hinten erwiderte. Wo er den Boden berührte, hinterließen seine Füße gelbe Abdrücke, die wie Fluoreszenzfarbe auf dem grauen Asphalt leuchteten. Das Gelb strahlte in unregelmäßigen Schüben von seinem Körper ab.

Ich hob beide Arme und streckte dem Daemon meine Handflächen entgegen, die Daumen übereinander und ein dreieckiger Hohlraum zwischen meinen Fingern. Ida wimmerte.

„Decedere“, sagte ich laut und deutlich und der Daemon blieb stehen. Seine gelben Glubschaugen verengten sich zu Schlitzen und er zischte leise.

„Deficere. Decedere.“ Ich spürte, wie sich etwas in mir öffnete. Wie die Worte, die ich sprach, in mir widerhallten. Ein Exzisionsmuster war immer auf den Gegner zugeschnitten. Jeder Hunter hatte ein kleines Arsenal von Standardmustern, die Improvisierten einmal ausgenommen. Ich hatte 21. Dieses hier war eins der Simpelsten, aber es sollte genügen. Der Daemon machte einen zaghaften Schritt rückwärts.

„Abire. Deficere. Decedere.“ Der Daemon fauchte, aber meine Worte zeigten Wirkung. Das Schwarz seines Körpers schwand langsam, während seine Augen immer mehr hervortraten. Er machte einen weiteren Schritt nach hinten, doch dieses Mal folgte ich. Langsam ging ich auf den Daemon zu, die Hände weiterhin erhoben, während die Worte in meinem Inneren vibrierten und immer wieder aus meinem Mund strömten.

„Abire. Deficere. Decedere. Abire. Deficere. Decedere. Abir-“

Der Daemon kreischte, dieses Mal lauter und rannte davon. Seine Ränder verschwammen mit der Umgebung und er wurde immer kleiner, je weiter er lief. Ich hob meine Stimme.

„Consistere!“

Der Daemon blieb stehen, seine Bewegungen gefroren, als fessele ihn eine unsichtbare Macht. Ich wiederholte den Befehl, wieder und wieder, bis ich sicher war, dass der Daemon sich keinen Zentimeter mehr rühren konnte. Bevor die Fixierungsschlüssel abklingen konnten, legte ich eine Handfläche auf sein Gesicht, genau zwischen die gelben Augen, die sich mir wie glitschige Kugeln entgegenwölbten. Mein Blick wurde hart.

„Nex.“

Der Daemon schrie. Sein Körper fiel in sich zusammen, als würde man ihn von innen aussaugen. Im nächsten Moment starrten nur noch seine gelben Augen zu mir hoch, die jetzt grotesk in entgegengesetzte Richtungen zeigten. Ein knirschendes Geräusch erfüllte die Luft und der Daemon implodierte, bevor er sich in schwarzen Rauch auflöste, der mir mit dem Geruch fauler Eier in die Nase stieg.

Ich machte auf der Stelle kehrt und rannte zu Ida zurück, die zittrig auf der Straße lag. Ich sank neben ihr auf die Knie und betastete ihr aschfahles Gesicht. Sie war eiskalt und Schweiß stand in feinen Perlen auf ihrer Stirn. Die Bisswunde an ihrem Hals war schwarz umrandet und Blut blubberte aus dem Kreis kleiner Einkerbungen.

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Die Exzision war einfach gewesen, aber sie hatte trotzdem zu lange gedauert. Wenn ich die Wunde sofort hätte aussaugen können, vielleicht—

Ida öffnete ein Auge. Es war glasig und schaute direkt durch mich hindurch. „Daddy…“, murmelte sie.

Dann sackte ihr Kopf zur Seite.

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